Krimi von Ted Lewis

Brutalität im Super-8-Format

Von Hannes Hintermeier
01.03.2021
, 22:32
Worüber kein Gras mehr wächst: „Schwere Körperverletzung“, der letzte Roman des Briten Ted Lewis, ist ein Klassiker, der vierzig Jahre nach seinem Erscheinen immer noch fesselt.

„Zurechnungsfähigkeit. Therapie. Kontrolle.“ Mit diesem Mantra versucht er, nicht nur beim Dart-Spielen, die Fäden seiner sich auflösenden Existenz in der Hand zu behalten. Und mit viel zu viel Scotch. Der Whisky vernebelt ihm das Hirn, betrügt seine detektivische Beobachtungsgabe, führt ihn geradewegs in die Paranoia. George Fowler, Pornokönig aus London, ist in einem geheimen Bungalow unter falscher Identität in einem Kaff an der Küste untergetaucht, weil die Luft in London zu sehr nach Blutbad riecht.

Wie er in diese Lage kam, erzählt der britische Schriftsteller Ted Lewis eher andeutungsweise in seinem letzten Roman. „GBH“ – für „grievous bodily harm“, ein Begriff aus der Rechtsprechung – erschien 1980; nun liegt er in einer Neuausgabe vor. Die Zeit hat ihm nichts anhaben können, er wirkt verstörend, eiskalt und zynisch. Lewis, 1940 in Manchester geboren und im nordostenglischen Barton-upon-Humber aufgewachsen, überlebte den Alkoholmissbrauch nicht sehr lang. Er arbeitete nach dem Studium an der Hull Art School in der Werbung und für Zeichentrickfilm-Produktionen. Als er 1982 starb, hinterließ er neun Romane, sein berühmtester – „Jack’s Return Home“ von 1969, der später „Get Carter“ hieß – wurde dreimal verfilmt, zuerst 1971 von Mike Hodges mit Michael Caine in der Hauptrolle. Vor dreißig Jahren brachte der Berliner Verleger Frank Nowatzki „GBH“ in seinem damaligen Verlag Black Lizard heraus, nun legt er ihn in neuer Übersetzung von Angelika Müller vor, die leider einer Verlagstradition treu bleibt – ein zusätzlicher Korrekturgang hätte nicht geschadet.

Wie getreu sind die Getreuen wirklich?

Unter Lewis-Fans gilt „GBH“ als dessen bester Roman. In jedem Fall ist er eine Empfehlung an viele Autoren, die sich heutzutage im Noir-Genre tummeln, sich einer ernsthaften Selbstüberprüfung zu unterziehen. Recht viel schwärzer geht es nicht. Dabei kommt Lewis mit zwei Erzählsträngen aus, der Gegenwart (Kapitelüberschrift: „Die See“) und einer nicht lang zurückliegenden Vergangenheit („Der Rauch“). In Letzterem wird Einblick gewährt in das London der mittleren siebziger Jahre. Es ist die Zeit vor der Videokassette, Filme werden im Super-8-Format gedreht. Pornos („blue movies“) werden in Soho unter dem Ladentisch im Souterrain verkauft.

Wenn sie besonders „kinky“ sind, werden sie via Postversand durch Mittelsmänner an die Kundschaft gebracht, zumal wenn sie so tabulos daherkommen wie jene aus dem Hause Fowler. Echte Gewalt, sadomasochistisch inszeniert. Ein solches Versandsystem hat Voraussetzungen: Polizei und Presse müssen geschmiert werden, ein Oberklasse-Anwalt namens James, der beste Strafrechtler des Landes, ist jederzeit zur Stelle. Fowlers Gattin Jean kümmert sich um die Prüfung der Bücher und hat selbst Gefallen an sexueller Gewalt und am Mitspielen gefunden. Schon deswegen wohnt sie den Folterungen, mit denen die Geschichte einsetzt, bei: Vier von Fowlers Hauptleuten sind verdächtig, viel Geld abgezweigt zu haben. Auf wen ist noch Verlass, wie getreu sind die Getreuen wirklich? Der Zweifel beginnt zu nagen.

Verlorene Seele

Lewis’ Kunstfertigkeit offenbart sich darin, wie er Folter und Perversionen nicht auserzählt, sondern sie der Phantasie des Lesers überlässt. Der lakonische Ich-Erzähler Fowler repräsentiert eine geradezu kultivierte Unterwelt, in der man italienische Anzüge trägt. Und trotz ihrer Vulgarität verfügen auch seine Gegenspieler, die Shepherdsons, über eine Art Moralkodex. Im beiläufigen Konversationston beschließen sie Morde und schreiten mit gesetzten Worten zur Untat.

Der zweite Erzählstrang, der sich alle paar Seiten mit dem ersten abwechselt, zeigt Fowler als verlorene Seele, der unter falscher Identität wartet, bis Gras über die Londoner Säuberungsaktionen gewachsen ist. In seinem Bungalow mit dem Filmarchiv im Keller verschanzt, muss er aus der Ferne zusehen, wie die Ereignisse jenseits seiner Kontrolle ihren Lauf nehmen – eine Situation, die ihn „nahezu verrückt“ macht. „Samstags fahren die Leute nach Mablethorpe, um ihre Wochenendeinkäufe zu erledigen. Das erweckt den Eindruck, als würden hier tatsächlich Menschen leben.“

Bloß bei klarem Verstand bleiben

Das Seebad mit Promenade und Vergnügungspark liegt hinter einem „maritimen Hadrianswall“. Eine „Goldgräberstadt nach Ausbeutung der Goldader“, hier wächst das Gras in der Nebensaison nicht gut. Fowler alias Mr. Carlson sitzt ab dem Vormittag am Tresen im „Dunes“ und fällt auf, wie ein tamilischer Dudelsackspieler bei „Inspector Barnaby“ auffallen würde.

Als der lokale Impresario Eddie eine enigmatische Sängerin mit Sonnenbrille und Afghanenmantel namens Leslie Murray auf die Bühne bringt, glaubt Fowler, die Hauptstadtpresse habe ihm einen Verführungsköder geschickt. Er ist sicher, sie schon in einer anderen Verkleidung mit Perücke in einem Restaurant der Nachbarstadt beobachtet zu haben. Und dann verwickelt ihn die junge Frau tatsächlich in ein Katz-und-Maus-Spiel, bis sich in einem klug konstruierten Finale der Rauch und die See vermengen und eine neue Realität erzeugen, die mit aller Brutalität in Fowlers Wahnwelt schneidet.

Ted Lewis gelingt etwas im Krimigenre Seltenes: Auch wenn nicht eine seiner Figuren dem Leser Halt bietet, schafft er es, George Fowler doch in die Nähe eines tragischen Helden zu rücken. Das Ziel des Spieles – „bei klarem Verstand bleiben“ – erreichen auf Lewis’ Spielbrett nicht alle. Der Autor aber hat sein Ziel erreicht: „GBH“ ist ein Kürzel, das man sich merken wird, weil Vergessen kein willentlicher Akt ist.

Ted Lewis: „Schwere Körperverletzung“. Mit einem Vorwort von Derek Raymond. Aus dem Englischen von Angelika Kaufmann. Pulp Master Verlag, Berlin 2020. 330 S., br., 14,80 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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