Schwedisches Kinderbuch

Durch Wolfsnächte ins Mondlicht

Von Ursula Scheer
23.03.2022
, 21:27
Dunkle Gedanken, wild wie Meister Isegrim: Neele Nilsson muss sich ihnen stellen.
Tausend Jahre Schwarz: Kristina Sigunsdotter und Ester Eriksson lassen eine Elfjährige mit gebrochenem Herzen für sich und ihre depressive Tante sprechen.
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Wenn Krieg, Klimakatastrophe und Pandemie zu den Realitäten gehören, die man auch vor Kindern nicht verheimlichen kann – zumal solchen, die schon an der Schwelle zur Pubertät stehen –, dann stellt sich die Frage, ob man ihnen auch noch dieses Buch zumuten möchte. Oder ob die Begegnung mit der elfjährigen Neele Nilsson vielleicht sogar tröstlich sein könnte, obwohl oder gerade weil die ihre „Geheimnisse“ verratende Ich-Erzählerin in dem Buch von Kristina Sigunsdotter (Text) und Ester Eriksson (Bilder) von einer derart grenzenlosen Schwermut umfangen ist, dass ihr Fühlen und Verhalten an eine Depression oder das Borderline-Syndrom denken lassen.

Auch die psychische Gesundheit von Kindern und Heranwachsenden ist gefährdet, ebenso wie der Seelenhaushalt von Erwachsenen: Beides zu thematisieren und enttabuisieren ist wichtig. Darin, mit welcher sprachlichen wie visuellen Intensität und rohen Ehrlichkeit sich die beiden Schwedinnen des Themenfelds in ihrem Band annehmen, liegt seine Qualität: 2020 wurde er im Heimatland der Autorin und der Illustratorin mit dem August-Preis für das beste Kinder- und Jugendbuch des Jahres ausgezeichnet. Leichte Kost ist das Buch gewiss nicht.

Kristina Sigunsdotter, Ester Eriksson: „Neele Nilssons Geheimnisse“.Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther. Woow Books, Hamburg 2022. 108 S., geb., 12,– €. Ab 10 J.
Kristina Sigunsdotter, Ester Eriksson: „Neele Nilssons Geheimnisse“.Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther. Woow Books, Hamburg 2022. 108 S., geb., 12,– €. Ab 10 J. Bild: Verlag

Dabei ist Neele ein sympathisches Wesen mit der Unverfrorenheit eines Olchis, das jede angepasste Kinderbuch-Connie in die Flucht schlagen würde. Das Mädchen ist eine Künstlerin, die mit Farben eimerweise den elterlichen Garten in eine Installationslandschaft verwandelt und Plastiken aus durchgeweichtem Kaugummi knetet. Lustig aber ist beides nicht, sondern Ausdruck eines auf rund hundert Seiten kaum nachlassenden Dauerschmerzes: Die Installation trägt den Namen „Tausend Jahre Schwarz“, die Kaugummikunst heißt „Der letzte Seufzer des rosa Kackhaufens“.

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Seelisch heil ist hier niemand

Neeles Herz wurde gebrochen, es fühlt sich an wie eine zermatschte Kartoffel, und sie drückt deshalb einen Kiefernzapfen so fest mit der Hand, bis sie das innere Weh nicht mehr fühlt: Zwei Wochen musste sie mit Windpocken krank zuhause bleiben, zurück in der Schule muss sie erleben, dass sich ihre beste Freundin Nour („BFFs bis die Hölle gefriert, bis der Mops miaut und Gott ein Gecko wird“) sich von ihr abgewendet hat und nur noch mit der Clique der „Pferdemädchen“ rumhängt – halb tierischen, halb menschlichen Wesen in den Schwarzweiß-Illustrationen von Ester Eriksson, die mit ihren bewusst kindlich-ungelenken, expressiv tintigen Zeichnungen Neeles Bilderwelt aufs Papier bringt. Der Verlust der Freundin ist ein Weltuntergang für die Einzelgängerin, der die Zuneigung ihres angstgestörten Klassenkameraden Mütze eher unangenehm ist und die leise Freundlichkeit der „schuppigen Sophie“, einer weiteren Außenseiterin, entgeht.

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Von der ewig seufzenden Mutter, nach vielen Ehejahren wohl immer noch einer verflossenen Liebe nachhängend, ist nicht wirklich Unterstützung zu erwarten. Auch die anderen Erwachsenen in Neeles Umfeld scheinen Probleme genug mit sich selbst zu haben: die Mineralien sammelnde Lehrerin Steinlein etwa oder die Bibliothekarin Marianne, die schon mal „auf den Boden der Bibliothek gepinkelt“ hat, „unklar, warum“. Bleibt die einzige verbliebene Seelenverwandte Neeles: Tante Fanny in der Psychiatrie. Deren Depression mag den „Lebensfunken“ und die Kreativität der erwachsenen Künstlerin fast ausgelöscht haben, aber eben nur fast: Rauchend „wie ein alter Drache“ gibt sie dem Mädchen den Halt, des es braucht, weil sie es versteht, weil beide sich gleich sind.

So führt Neeles Weg durch „Wolfsnächte“ voller dunkler Gedanken zwar nicht hinaus in den Sonnenschein, doch zumindest ins Mondlicht – zusammen mit Fanny und Nour. Dass einzig die Versöhnung mit der Freundin das Glück zurückzubringen vermag, hinterlässt allerdings ein schales Gefühl: Es macht Neele zur Ausgelieferten. Sicher balanciert die Geschichte hingegen auf dem scharfen Grat zwischen Kindheit und Jugend, wo das Spiel mit Kuscheltieren auf geklaute Tampons trifft. Und wo Grüppchenbildung, Mobbing und Freundschaftsentzug ein von außen betrachtet kaum fassliches inneres Elend auslösen können. „Neele Nilssons Geheimnisse“, aus der Innenperspektive gelüftet, zeigt es auf.

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Quelle: F.A.Z
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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