Mein liebster Buchladen (5)

Der Himmel von ’s-Hertogenbosch

Von Leon de Winter
25.09.2014
, 16:46
Erinnerungen an die Kindheit: Im Boekhandel Adr. Heinen in der Kerkstraat kaufte der Romancier Leon de Winter sein erstes Buch.
Online bestellen geht schnell, aber beim Buchhändler spielt sich das wahre Literaturleben ab. Schriftsteller wissen das und stellen uns ihre Lieblingsbuchhandlung vor: Heute geht es in die Niederlande.
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Ich besuche meine Geburtsstadt höchst selten. Nicht, dass sie hässlich wäre, im Gegenteil, ’s-Hertogenbosch ist eine prachtvoll erhaltene alte Stadt. Sie war schon im Mittelalter ein bedeutendes Marktzentrum für den Norden der weitläufigen Region namens Brabant. Eine stolze Stadt mit trutzigen Verteidigungsmauern hinter einem sicheren Ring aus Wasser.

Im neunzehnten Jahrhundert wurde Brabant geteilt, und ’s-Hertogenbosch verlor sein weites Hinterland. Als ich dort aufwuchs, war die Provinz im Süden der Niederlande, deren Hauptstadt es ist, noch agrarisch und zurückgeblieben. Die Stadt war farblos, verfallen, trist. In ihrem Herzen thronte die St.-Jans-Kathedrale, eine überwältigend schöne Basilika, die ab dem vierzehnten Jahrhundert über mehr als hundertfünfzig Jahre von Tausenden von Handwerkern erbaut worden war. Die Kirche dominierte die Stadt und ihre Umgebung. Wenn ich auf meinem Fahrrad zu den umliegenden Wäldern strampelte und mich mehrere Kilometer außerhalb der Stadtmauern befand, sah ich die hohe Kirche über die Welt herrschen. Es ist schön in meiner Geburtsstadt, und doch kehre ich nicht gern dorthin zurück. Viele Jahre lang habe ich sie sogar gemieden.

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Die zurückgebliebene Provinz hat sich in den vergangenen dreißig Jahren zu einer wohlhabenden Region gemausert. Jetzt ist Geld da, viel Geld. Man hat die Stadt vollständig renoviert, wie ich vor ein paar Monaten sah, als es mich zufällig für ein Stündchen dorthin verschlug. Alles glänzt und funkelt. Die Gassen und Plätze, die in meiner Jugend unter Armut und Mangel ächzten, strahlen jetzt mittelalterliche Pracht aus. Man konnte diese Stadt aber auch zu früherer Zeit schon anders sehen. Hieronymus Bosch malte hier seine von Monstern und Teufeln bevölkerten Bilder, Figuren, wie sie auch auf den Dächern der Kathedrale zu finden sind. Ich wuchs mit diesen Monstern und Teufeln auf.

Zwischen Kochherd und Kühlschrank

Die Monster und Teufel erschienen, wenn meine Mutter von ihrer Familie erzählte. Und das tat sie fast jeden Tag. Fast jeden Tag erzählte sie von ihrer Familie, und fast jeden Tag weinte sie. Auch wenn sie mal einen Tag ausließ, schwebten die Geister ihrer Angehörigen - meiner Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen - in unserem Haus herum. Sie waren allesamt umgebracht worden, Dutzende von Menschen. Vor solchen Geschichten kann man sich als Kind nirgendwo verstecken. Aber ich fand einen Weg, wie ich ihnen imaginativ entfliehen konnte. Lesen.

Bild: dpa

Wir wohnten außerhalb der alten Stadtmauern in einem weißen Haus in einem neu angelegten Viertel. Das Haus hatte mein Vater bauen lassen, als er in den fünfziger Jahren viel Geld verdient hatte. Wir hatten dort drei Regalbretter mit Büchern. Auf dem untersten standen die vornehmen, voluminösen Bände der Winkler Prins Enzyklopädie, die, wie ich heute weiß, jeder niederländische Bürger, der etwas auf sich hielt, zur damaligen Zeit in seinem Wohnzimmer ausstellte. Und auf den anderen beiden Regalbrettern standen alle möglichen Bücher, vielleicht insgesamt hundert, Belletristik und Sachliteratur (kannten meine Eltern diese Unterscheidung?) durcheinander. Das Bücherregal hing im Wohnzimmer, über dem Marmorsims des offenen Kamins.

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In dem Kamin hat nie ein Feuer gebrannt, und in dem Wohnzimmer haben wir nie gesessen. Wir lebten in der großen Küche, zwischen Kochherd und Kühlschrank. Das Wohnzimmer war für den Empfang von Besuchern da. Ich kann mich nicht erinnern, dass es je Besucher gegeben hat, die in diesem Wohnzimmer empfangen wurden. Man setzte sich einfach mit an den Küchentisch. Das Wohnzimmer - mit den teuren Möbeln und Lampen der ganze Stolz meiner Mutter, vor allem wegen des Kronleuchters aus Kristall, den ich geerbt habe und der schon seit zwanzig Jahren in meiner Eingangshalle hängt - war immer still und verlassen. Dort war ich gern.

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Ein Gaucho in der Pampa

Der Winkler Prins, den wir zu Hause hatten, war die sechste Auflage, erschienen zwischen 1947 und meinem Geburtsjahr 1954. Achtzehn Bände plus einiger Nachtragsbände. Als ich lesen gelernt hatte, fand ich es herrlich, so einen großen, schweren Band mit beiden Händen aus dem Regal zu ziehen - ich frage mich jetzt, wie ich überhaupt herankommen konnte. Stellte ich mich auf ein Tischchen, einen Stuhl? Tagelang blätterte ich in den dicken Büchern. Wanderte von Lemma zu Lemma. Welten voller unbegreiflicher Geschichten.

Auf einem der beiden anderen Regalbretter stand der erste richtige Roman, den ich in meinem Leben gelesen habe. Wie alt war ich da? Zehn, denke ich. Es war Don Segundo Sombra, der berühmte Roman des argentinischen Viehhalters und Autors Ricardo Güiraldes, im spanischen Original 1926 erschienen. Das Exemplar, das wir zu Hause hatten, war eine Taschenbuchausgabe der niederländischen Übersetzung. Wie der Roman im Regal meiner Eltern gelandet ist, weiß ich nicht. Meine Eltern hatten nur Hauptschulabschluss und lasen Zeitungen und Zeitschriften, keine Bücher. Trotzdem stand dieses Buch da. Vermutlich neben anderen Romanen, doch nur an diesen erinnere ich mich.

Die Buchhandlung hat ihr Ladenlokal in einem Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert.
Die Buchhandlung hat ihr Ladenlokal in einem Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert. Bild: André Stikkers

Don Segundo Sombra habe ich viele Male gelesen. Dann verließ ich unser Haus und meine Geburtsstadt und fühlte mich wie ein Gaucho in der Pampa. Ich bin bis heute nie in Argentinien gewesen - aber im amerikanischen New Mexico, und mir wird jetzt plötzlich bewusst, dass mir dort die Bilder von Güiraldes durch den Kopf geistern.

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Monster aus Brabant

Jede Woche fuhr ich mit dem Fahrrad zur Stadtbücherei. Die befand sich in einem alten Gebäude neben der Kathedrale - alle Gebäude in der Innenstadt waren alt. In der Stadtbücherei deckte ich mich mit Unmengen spannender Kinderbücher ein. Aber nichts beeindruckte mich seinerzeit so sehr wie Don Segundo Sombra, der spanischsprachige Cowboy. Ich wusste nicht, dass es sich bei dem Roman um einen Klassiker handelte und der Autor mit Jorge Luis Borges befreundet war. Ich wusste auch nicht, wer Borges war. Ich wusste gar nichts. Doch immer und immer wieder sog ich die Worte dieses Buches auf und versetzte mich in die ferne Welt mit ihren verführerischen Bildern und Temperaturen hinein. Komisch, dass ich Güiraldes nie in der Enzyklopädie nachgeschlagen habe. Heute würde ich seinen Namen sofort googeln.

Es war herrlich, allein in diesem Zimmer zu sein und zu lesen. Wenn mein Vater zu Hause war, war alles in Ordnung. Draußen blieb es unsicher, aber drinnen, hinter zugezogenen Vorhängen, wärmten wir uns aneinander. Bis im Februar 1965 mein Vater starb. Da waren wir auch drinnen nicht mehr sicher. Im Jahr nach seinem Tod begann ich zu schreiben. Es genügte nicht mehr, mich in vorhandene Bücher zu flüchten. Ich musste die Panik und die Angst, die unser Leben erfasst hatten, auf meine Weise in Worte kleiden. Meine ersten schriftstellerischen Gehversuche führten in die argentinische Pampa, aber auch ein wenig in die Welt von Hieronymus Bosch.

1966 kam ich auf das 1274 als Lateinschule gegründete Städtische Gymnasium, und von dort aus besuchten wir 1967 mit meiner Klasse eine große Bosch-Ausstellung im Noordbrabants-Museum. Das Städtische Gymnasium stand im Schatten der großen Kirche. Zum Museum waren es fünf Minuten zu Fuß. In meinen Erzählungen tauchten Monster aus Brabant in den Pampas Argentiniens auf. Ich glaube nicht, dass ich die Buchhandlung Adr. Heinen in der Kerkstraat, die die St.-Jans-Kathedrale mit dem zentralen Marktplatz der Stadt verbindet, schon in jungen Jahren von innen gesehen habe. Aber ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter zusammen zum ersten Mal dort war.

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Der Grundstein zur Urbibliothek

Ich war Hunderte Male mit ihr daran vorbeigekommen, wenn wir auf den Markt gingen. Der Bus hielt an der Kirche, und dann gingen wir durch die Kerkstraat, an der Buchhandlung vorbei, zum Marktplatz. Dort an der Ecke war eine Bäckerei, wo ich von meiner Mutter ein mit Vanillesahne gefülltes süßes Brötchen bekam. Das war die erste Belohnung dafür, dass ich ihr Gesellschaft leistete.

Auf dem Markt machte meine Mutter Einkäufe, denen meistens langwierige Verhandlungen vorausgingen, die sie als Gewinnerin beendete. Ich fand das grässlich. Wir hatten auch nach dem Tod meines Vaters genügend Geld, aber meine Mutter musste alles aushandeln, selbst den Preis von Kartoffeln. Sie war in einer bitterarmen Familie aufgewachsen. Sie wusste, was Hunger und Armut bedeuten. Mein Vater versorgte uns auch über seinen Tod hinaus, aber meine Mutter nahm es mit dem Geld, das sie hatte, ganz genau und wollte keinen Cent zu viel ausgeben.

Sitz- und Lesegelegenheit am runden Tisch
Sitz- und Lesegelegenheit am runden Tisch Bild: André Stikkers

Ich schämte mich für ihr Verhalten. Ich sah, dass die Marktkaufleute dachten: typisch Juden, immer schachern. Nach dem Marktbesuch gingen wir ins Café und aßen - die zweite Belohnung - einen Bossche Bol, eine lokale Spezialität, bestehend aus einem mit Schokolade überzogenen großen Windbeutel. Danach mit vollen Taschen zurück zur Bushaltestelle (meine Mutter hatte keinen Führerschein), vorbei an Boekhandel Adr. Heinen. Eines Tages sagte ich zu meiner Mutter: „Darf ich ein Buch haben, Mama?“ Sie antwortete: „Ja. So viele, wie du möchtest. Daran darf man nie sparen.“ So kauften wir bei Adr. Heinen mein erstes eigenes Buch. Ich weiß nicht mehr, welches das war. Aber es war der Grundstein zu meiner eigenen kleinen Urbibliothek.

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Die Wärme der Kühe

Die Buchhandlung Heinen befindet sich auch heute noch in jenem Eckhaus aus dem siebzehnten Jahrhundert. Damals bestand der Laden aus engen Räumen, in denen Bücherstapel auf Tischen kreuz und quer durcheinanderlagen. Im hinteren Teil führte noch eine steile kleine Treppe in einen ebenfalls mit Büchern bestückten Keller. Bücher, wohin man schaute. Wunderbare Bücher. Nach diesem ersten Mal kamen wir öfter.

Ich las und ich schrieb. Und ich hörte zu und sah meine Mutter an, wenn sie über den Mord an ihrer Familie erzählte, und ich hörte zu und sah sie an, wenn sie Erinnerungen an meinen Vater wachrief. Sie weinte, und sie dämpfte das Weinen mit Essen. Bis ich mein Zuhause verließ, um in Amsterdam zu studieren, saß ich oft in dem Zimmer vor dem Bücherregal und las. Ich hatte inzwischen meine eigenen Bücher, so gut wie alle von einem der Tische in der Buchhandlung Adr. Heinen. Aber die Bücher im Regal waren auch noch da. Meine Mutter wusste nicht, warum ausgerechnet diese Bücher dort standen. Die habe meine Vater dort hingestellt. Vielleicht hatte mein Vater, der Lumpen- und Schrotthändler, der in unserer Stadt als Jud de Winter bekannt war, die Bücher im Altpapier gefunden und für gut genug gehalten, um sie in unserem Regal aufzureihen. Auch dieses Buch? Ich zeigte meiner Mutter Don Segundo. Sie hatte keine Ahnung.

Mit siebzehn kaufte ich bei Boekhandel Adr. Heinen „Das Schloss“ von Franz Kafka. Mit neunzehn kaufte ich dort „La Place de l’Etoile“ von Patrick Modiano. Ein paar hundert Meter weiter, im alten Krankenhaus der Stadt, starb 1994 meine Mutter. Die Bücher, die ich als Kind im Regal gesehen hatte, standen immer noch dort, als das Haus ausgeräumt wurde. In Gedanken reite ich auf einem Pferd durch die Pampa. Ich spüre die Wärme der Kühe und der tiefroten Abendsonne. Wir essen an einem knisternden Lagerfeuer, große Brocken Fleisch und Bohnen in würziger Tomatensoße. Die Teller sind aus Zinn. Ich höre Mamas Stimme. Sie ruft, dass das Essen fertig ist. Ich steige vom Pferd und betrete die Küche. Nach ihrem Tod wollte ich die Stadt nie mehr wiedersehen.

Café im Nebenzimmer
Café im Nebenzimmer Bild: André Stikkers

Leon de Winter, Jahrgang 1954, lebt in Bloemendaal und Los Angeles. Zuletzt erschien bei Diogenes 2013 sein Roman „Ein gutes Herz“.

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.

Quelle: F.A.Z.
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