Literaturnobelpreis

Jetzt sind wir dran!

07.10.2004
, 10:26
Nie ein Niederländer? Nobelpreisverleihung, hier an Imre Kertesz
Hundert Jahre Wartezeit: Jedes Jahr hoffen die Niederländer darauf, daß einer der Ihren den Literaturnobelpreis erhält - und sie werden jedes Jahr enttäuscht. Warum, erklärt der niederländische Schriftsteller Maarten Asscher.
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Es gibt eine ganze Reihe von Leuten in den Niederlanden - Schriftsteller, Kritiker, Journalisten, Verleger, Buchhändler -, die jedes Jahr im Oktober aufs neue inbrünstig hoffen, daß wir endlich den Nobelpreis für Literatur gewinnen. Sie meinen sogar, wir hätten ihn uns inzwischen redlich verdient.

Alle Jahre wieder werden diese Leute enttäuscht und pflegen dann mit einer gewissen Entrüstung darauf hinzuweisen, daß Frankreich dieser Preis sage und schreibe zwölfmal zugefallen sei, gefolgt von Großbritannien (neunmal), den Vereinigten Staaten und Deutschland (beide achtmal). Sogar Finnland habe seinen Gewinner. Und Guatemala. Ja, Nigeria und Island. Die Schweiz sogar zweimal. Die Schweiz! Außerdem, so schließt die Argumentation, hätten wir mit Mulisch, Claus und Reve Kandidaten von Rang aufzuweisen, über die die schwedische Akademie wirklich nicht länger hinwegsehen könne, es sei denn . . . Ja, es sei denn, daß sie, wie inzwischen seit 1901 üblich, auch im Jahr 2004 wieder jemanden aus einem anderen Land auszeichnet.

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Absonderliches Mißverständnis

Das alljährlich wiederkehrende Gefühl, die Niederlande seien diesmal nun wirklich an der Reihe, hält sich so hartnäckig und ist so weit verbreitet, daß es sich lohnt, dieses absonderliche Mißverständnis ein für allemal auszuräumen. Zunächst einmal steht der Nobelpreis mit dem Aspekt der Nationalität a priori in einem gespannten Verhältnis. Der schwedische Erfinder, nach dem die Preise benannt sind, ließ daran in seinem handschriftlichen Testament vom 27. November 1895 keinen Zweifel.

Der ewige Kandidat: Harry Mulisch
Der ewige Kandidat: Harry Mulisch Bild: dpa

In dieser, seiner dritten und letzten Verfügung, in der er seine Familie und einige Nahestehende nur mit einem Legat bedachte, formulierte er die Modalitäten für die jährliche Verleihung der Preise. Demjenigen sollte einer der fünf Preise verliehen werden, der "im verflossenen Jahr" auf seinem Gebiet "der Menschheit den größten Nutzen erwiesen" habe. In Übereinstimmung mit dem auf den internationalen Frieden gerichteten Tenor des gesamten Testaments nahm Nobel obendrein noch folgende Bestimmung auf: "Es ist mein ausdrücklicher Wille, daß bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Zugehörigkeit zu irgendeiner Nationalität genommen wird, so daß also der Würdigste den Preis bekommt, ob er nun Skandinavier ist oder nicht."

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Vierzehn Skandinavier

Dieser Passus, so charakteristisch für den Supranationalismus, der in jenen Jahren auch zur Haager Friedenskonferenz und zu den Plänen für den Friedenspalast geführt hatte, macht jede ausdrückliche Berufung auf die Nationalität eines Schriftstellers von vornherein verdächtig und aussichtslos. Etwas anderes ist es, daß die Nationalität eines Schriftstellers natürlich durchaus eine Rolle spielt, allerdings hinter den verschlossenen Türen der Schwedischen Akademie. Anders läßt es sich nur schwer erklären, daß der Preis, der bisher sechsundneunzigmal verliehen wurde, nicht weniger als vierzehnmal an skandinavische Schriftsteller ging.

Der Finne Sillanpää, so heißt es zum Beispiel, habe im Jahr 1939 den Preis unter anderem deshalb bekommen, weil sich die Sowjetunion gerade anschickte, sein Land zu annektieren, wogegen sich Sillanpää auf bewundernswerte Weise ausgesprochen hatte. Also ging der niederländische Historiker Johan Huizinga leer aus.

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Umgekehrt kann die politische Lage in einem Land einen Schriftsteller geradezu disqualifizieren. So wird sich die Schwedische Akademie in der jetzigen politischen Situation davor hüten, dem israelischen Schriftsteller Amos Oz den Nobelpreis zu verleihen, da sie sich damit direkt in die politische Arena begeben würde. Oder Südafrika: Zu Zeiten der starren Apartheidspolitik kam ein Autor aus diesem Land kaum in Frage, während seit Anfang der neunziger Jahre bereits zwei südafrikanische Autoren geehrt wurden: Nadine Gordimer 1991 und J. M. Coetzee 2003.

Niederländische Unsitte

Die Angewohnheit, die Verdienste eines Schriftstellers und die Anerkennung seiner Leistungen durch die Verleihung des Nobelpreises seinem Heimatland zuzurechnen, stammt aus der Welt des Sports und ist recht deplaziert. Die niederländische Unsitte, in der Wirform Anspruch auf den Literatur-Nobelpreis zu erheben, führt obendrein und drolligerweise zur Annexion des ewigen belgischen Nobelpreiskandidaten Hugo Claus.

Ich wüßte nicht, wie seine Auszeichnung ein triumphierendes Wirgefühl in Holland rechtfertigen könnte. Es gibt wohl nur eines, auf das sich unsere Hoffnung gründen läßt: Das Nobelkomitee müßte bei uns einen Schriftsteller ausmachen, der die beiden spezifischen Bedingungen erfüllt, die Nobel in seinem Testament formuliert hat. Es muß sich um jemanden handeln, "der in der Literatur das vortrefflichste Werk in idealistischer Richtung hervorgebracht hat".

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Nun ist natürlich Vortrefflichkeit Geschmackssache, wie der ehemalige ständige Sekretär der Schwedischen Akademie Sture Allén einmal selbst einräumte. Er konnte auch schwerlich anders angesichts der Tatsache, daß beispielsweise nicht James Joyce, Paul Valéry und Italo Svevo, sondern Carl Spitteler (1919), Erik Karlfeldt (1931) und Harry Martinson (1974) den Preis bekamen. Daran liegt es also nicht, daß niederländische Schriftsteller bisher immer leer ausgingen.

Die Kugel rollte nie günstig

Wenn sie in den vergangenen Jahren schon nicht "das vortrefflichste Werk" hervorbrachten, wie man Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre mit einigem Recht von Simon Vestdijk sagen konnte, dann hätten sie doch zumindest wenigstens einmal von dem profitieren können, was man als den "Roulette-Charakter" einiger Entscheidungen der Schwedischen Akademie bezeichnen könnte. Aber bisher ist die Kugel nie günstig gerollt.

Das zweite Kriterium, es müsse sich um ein Werk "in idealistischer Richtung" handeln, ist mindestens genauso subjektiv wie die Beurteilung der Vortrefflichkeit. Es war zudem von Anfang an problematisch. Das Wort, das Nobel hier in seinem Testament gebrauchte ("idealirad") und anschließend mit der Hand zu "idealisk" verbesserte, läßt sich auf verschiedene Weise interpretieren: ideell, idealistisch, mit einer ideellen oder idealistischen Zielsetzung oder Tendenz, mit einem Ideal vor Augen etc. Wie auch immer, Nobels Intention ist deutlich genug. Nur ist es für viele, auch für viele niederländische Schriftsteller, gar nicht so einfach, ihr zu entsprechen.

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Jemand wie Gerrit Kouwenaar etwa, jahrelang von den Niederlanden als Kandidat der Akademie vorgeschlagen, erfüllt vermutlich dieses zweite Kriterium nicht, wie hervorragend und in künstlerischer Hinsicht bahnbrechend sein dichterisches OEuvre auch sein mag. Sein Werk hat schlichtweg nicht die sozial-idealistische, humanistisch-engagierte Ausrichtung, an die Alfred Nobel dachte und die von der Schwedischen Akademie denn auch bis auf den heutigen Tag bei vielen ihrer sechsundneunzig Verleihungen ausdrücklich hervorgehoben wurde.

Übermenschlicher Mythenbauer

Es ist sogar die Frage, ob der niederländische Nobelpreiskandidat schlechthin, Harry Mulisch, diese zweite Bedingung erfüllt, beziehungsweise ob er sie überhaupt erfüllen möchte. In den vergangenen Jahren ist er als Schriftsteller zu sehr zu einem übermenschlichen Mythenbauer geworden, zu einem gottähnlichen Schöpfer kosmischer Erzählwelten, als daß er sich innerhalb oder außerhalb seines Werkes für andere, real existierende Menschen und ihre Schicksale interessieren würde. So gesehen haben Hella Haasse und Cees Nooteboom, auf je eigene Weise, eine viel größere Chance, von der Akademie als Schriftsteller mit "idealistischer Richtung" betrachtet und anerkannt zu werden.

Haasse beschäftigte sich seit ihrem Prosadebüt "Oeroeg" von 1948 mit der niederländischen, der niederländisch-indonesischen und der europäischen Geschichte und hat sich seit Jahrzehnten als eine vielseitige und neugierige Schriftstellerin erwiesen. Nooteboom fand sein menschliches und historisches Engagement vor allem außerhalb seines Landes, besonders in Deutschland und in Spanien. Mit seinen Reisebüchern, Romanen, Gedichten und Gedichtübersetzungen hat er sich als Autor von kosmopolitischem Format etabliert.

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Unausrottbare Polder-Manier

Es gibt zum Schluß noch einen fatalen Umstand, der es wert ist, erwähnt zu werden, da er meiner Überzeugung nach jahrelang den Chancen niederländischer Autoren auf den Nobelpreis im Wege stand. Wie man weiß, ist es Literaturprofessoren, den Mitgliedern von Schriftstellerverbänden und Vorsitzenden repräsentativer Organisationen vorbehalten, einen Autor vorzuschlagen. Was machen die Niederländer nun, getreu ihrer unausrottbaren Polder-Mentalität? Sie beratschlagen so lange, bis sich möglichst viele (unterstützt von ihrer Organisation) auf einen einzigen Kandidaten geeinigt haben.

Dem liegt offensichtlich das Kalkül zugrunde: Wenn die Schwedische Akademie merkt, daß wir wie ein Mann hinter unserem Kandidaten stehen, dann können sie einen Schriftsteller, der mit einer solch einhelligen Zustimmung rechnen kann, einfach nicht länger ignorieren. Das ist falsch. Es würde die Mitglieder der Akademie viel mehr überzeugen, wenn sie aus den Niederlanden eine bunte, gleichermaßen gut fundierte, wenn möglich jeweils von einer maßgeblichen Lobby unterstützte Auswahl erhielten; sie hätten dann zumindest den Eindruck einer starken, vielseitigen und lebendigen Literatur, in die sich zu vertiefen lohnte.

Stehendes Gewässer

Wenn man allerdings Jahr für Jahr den einen Umschlag öffnet und immer wieder derselbe Name herausfällt (früher jahrelang Vestdijk, später jahrelang Kouwenaar), wird man sich in Stockholm nicht des Eindrucks erwehren können, Holland sei in literarischer Hinsicht stehendes Gewässer. Nun ja: Mittelweg, Konsens, Kompromiß. Ich weiß, ich weiß. Wie ich Alexander Rinnooy Kan einmal in einem Vortrag vor Ausländern über das Polder-Modell sagen hörte: "Der Kompromiß ist für Holländer das, was für andere Menschen Sex bedeutet."

Das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie sollte sich auf keinen Fall um national gefärbte Plädoyers zugunsten dieses oder jenes Schriftstellers kümmern, auch nicht, wenn sie aus den Niederlanden kommen. Aber wenn ich, ohne dazu in irgendeiner Weise befugt zu sein, die Mitglieder der Akademie ganz unverbindlich auf zwei Autoren hinweisen dürfte, die seit Jahren die vortrefflichsten Werke in idealistischer Richtung hervorbringen, dann breche ich hier - keineswegs als einziger und sicher auch nicht zum ersten Mal - gerne eine Lanze für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 2004 an Hella Haasse oder Cees Nooteboom. Es erscheint naheliegend, dem noch hinzuzufügen, daß die Niederlande nach mehr als einem Jahrhundert endlich auch einmal an der Reihe sind. Aber das bleibt aus den obengenannten Gründen besser ungesagt.

Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby.

Maarten Asscher, Jahrgang 1957, ist Schriftsteller, Buchhändler und Redakteur von "De Gids". Zuletzt erschien von ihm auf deutsch der Roman "Die Reise des David Melba".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2004, Nr. 234 / Seite 42
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