Marcel Beyer im Gespräch

Mich fasziniert das Weltwissen der Zoologen

15.05.2008
, 12:53
In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“ sind die Protagonisten Wissenschaftler: Zur Zeit arbeitet der Autor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Was interessiert den Dichter an der Forschung?

In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“ sind die Protagonisten Wissenschaftler: Zur Zeit arbeitet der Autor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Was interessiert den Dichter an der Forschung?

Als Schriftsteller an einem Forschungsinstitut, arbeiten Sie da nun poetisch oder wissenschaftlich?

Eigentlich will ich eine Brücke schlagen. Ich habe mir vorgenommen nachzuweisen, dass der Erzähler in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Kind kein Mensch, sondern eine Biene oder ein Bienenvolk ist. Also beschäftige ich mich mit der Geschichte der Bienenforschung, mit Imkereibüchern und auch mit gegenwärtigen Theorien über Bienen, um das alles auf Proust anzuwenden.

Sie wollen im Ernst behaupten, dass Proust sich aus Bienenbüchern Ideen für seine Hauptfigur geholt hat?

Bienenbücher hat er auf jeden Fall gelesen, Proust war ja ein großer Fan von Maurice Maeterlinck und hat dessen „Leben der Bienen“ gekannt. Und auch sonst war er, was Bienen angeht, informiert. Aber ich will gar nicht auf das Wissen des Autors hinaus, sondern schauen, was für ein Konzept Proust von seiner Figur hat. Insbesondere in dieser berühmten Szene, in der sich der Erzähler vom Duft des Weißdorns betört, in denselben schmeißt. In jedem Gartenbuch wird darauf hingewiesen, dass der Weißdorn scheußlich riecht. Er duftet einfach nicht. Also habe ich mich gefragt: Ist das denn ein Mensch, der sich so verhält wie eine Biene, die sich vom Weißdorn angezogen fühlt? Mal sehen, was dabei herauskommt.

Haben Sie eine Vermutung, woher das kommt - bei Ihnen, bei Proust oder bei wem immer: Dass manche Schriftsteller in der Naturwissenschaft Modelle suchen für ... ich weiß nicht was.

Genau, man sucht ein Modell, aber man weiß nicht genau wofür. Ich glaube der ganz starke Reiz liegt darin, dass man auf der einen Seite natürlich anschauliche Phänomene vor sich hat, so war es bei mir mit der Ornithologie. Die Vögel fliegen halt um uns herum, ich kann sie wahrnehmen, und mit den Bienen ist das genauso. Dann entstehen Fragen, der Griff geht zum Handbuch und schon arbeitet man sich immer weiter ein und irgendwann erkennt man parallele Muster zur literarischen Arbeit, über die sich die jeweiligen Wissenschaftler vielleicht gar nicht so bewusst sind. Ein Zoologe hat mir aber einmal gesagt, er sei der Überzeugung, dass viele Zoologen ihr Leben der Zoologie widmen, weil sie bestimmte ästhetische Reize so stark empfinden.

Bei John M. Coetzee in „Das Leben der Tiere“ sagt die Protagonistin Elisabeth Costello, der Literat habe Zugänge zu den Tieren, die dem Forscher verschlossen sind. Wir können nicht wissen, aber fantasieren, wie es wäre, eine Fledermaus zu sein oder ein Versuchsaffe. Gibt es für Sie hier einen Unterschied zwischen Literatur und Wissenschaft?

Ich habe den Eindruck, dass für einen Zoologen ein ästhetischer Reiz etwas ganz anderes ist als für mich. Den Roman „Kaltenburg“ hat in der Schlussfassung ein berühmter schwedischer Ornithologe gelesen und sehr hilfreiche Korrekturen angebracht. Das waren zum einen sachliche Korrekturen, dann kam aber auch dieser Moment, da hieß es im Manuskript „der Buchfink singt wunderbar“. Da schreibt mir der Ornithologe an den Rand: „Der Buchfink singt nicht wunderbar, sondern scheußlich“.

Und wie singt der Buchfink denn nun?

Er knarrt. Ich finde es schön, aber es wird einem klar, dass wir mit ästhetischen Reizen doch ganz Verschiedenes meinen. Woher kommt die Vorstellung von Schönheit bei den Zoologen? Nicht, dass Naturwissenschaftler eine konservative Ästhetik hätten. Aber sie haben oft eine, die näher am Kunsthandwerk ist. Mir ist der Unterschied beim Besuch der Meißener Porzellanmanufaktur aufgegangen, wo die Maler natürlich immer vorgegebene Muster malen und doch eine ungeheuere Kunstfertigkeit haben. Ich würde sie aber immer als Kunsthandwerker bezeichnen, sie sich selbst aber als von einem starken Arbeitsethos geleitete Künstler. Da heißt es einfach etwas zu begreifen: Wie man wirklich mit den Händen und ja eigentlich dem ganzen Körper beteiligt ist, um im Bereich der zoologischen Forschung eben wirklich Erkenntnis zu generieren.

Die Wissenschaftsgeschichte hat zuletzt umgekehrt die Literatur für sich entdeckt. Vielleicht weil die Neugier darauf, wie Wissenschaft entsteht, sehr viel mit anschaulichen Sachverhalten zu tun hat: Handwerk, Laborgeräten, Orten?

Als Philip Roth das Buch „Jedermann“ herausgebracht hatte, hörte ich eine Rezension darüber im Radio, und es hieß, er schildere minuziös die technischen Dinge im Krankenhaus. Ich habe gedacht, das muss ich mir anschauen. Und dann waren es anderthalb Seiten, da war gar nichts minuziös, das war genauso, wie man es in der Vorabendserie auch serviert bekommt. Das wirft die Frage auf, wie dekorativ kann etwas sein, um so zu wirken, als wäre es ungeheuer fundiert. Ich bin ja auch kein Fachmann, sondern muss an bestimmten Stellen Tricks anwenden, um tiefe und umfassende Kenntnisse zu suggerieren.

Was ist dann aber für Sie das Interessante ausgerechnet an der Sonderwelt Wissenschaft? In „Kaltenburg“ wird das, was der Ornithologe macht, ja nur ansatzweise geschildert, man hat nur eine vage Ahnung, wie er forscht.

Da Kaltenburg so viel von Konrad Lorenz hat, gab es das Problem, nicht bei einer Biographie zu landen. Das wollte ich definitiv nicht. Diese Figur an den Ort Dresden zu versetzen und zu schauen, was sich unter diesen Umständen mit ihr ergibt, war für mich der Moment, der Lorenz für mich interessant gemacht hat. Und dann haben mich auch die Dohlen so fasziniert. In der tatsächlichen Geschichte, bei Lorenz, liegt die Beschäftigung mit Dohlen zwanzig Jahre früher als im Roman. Und insofern war es schon klar, dass ich den Roman von der tatsächlichen Wissenschaftsgeschichte abkoppele. Anfangs habe ich mich schon gefragt, ob der Erzähler mehr über gegenwärtige Entdeckungen erzählen soll. Aber dafür hätte ich ornithologischer als die Ornithologen werden müssen, weil ich die ganze Disziplin in den Blick hätte nehmen müssen. So schön das auch gewesen wäre, wäre es doch zu sehr ins Niedliche gegangen und hätte mir die Tiere fast ein bisschen zu kurios gemacht. In einem Roman hätte das merkwürdige Signale gesetzt, weil dann der Leser hätte denken können, „Aha, jetzt kommt wieder etwas Überraschendes über die Tiere!“

Wie ist es denn überhaupt mit den Tieren: In der Literatur kommen sie ja doppelt vor, als Tiere und als Fabelwesen, also vermenschlicht. Bei Ihnen sind sie keine Platzhalter für den Menschen.

Was mich interessierte, hat mit eigenem Erleben zu tun. Man weiß immer, dass man von Tieren umgeben ist, aber man macht sich das nicht klar, dass sie wie in einem Paralleluniversum leben, das räumlich mit unserem eigenen Universum identisch ist. Und dann gibt es Kontaktmomente. Ich hatte irgendwann den Eindruck, die Meisen, die wir gefüttert haben, wenden sich an mich, um mir zu signalisieren, dass das Futter im Futterhaus alle ist. Oder: Man macht das Fenster auf, man tritt vor die Tür irgendwo, es ruft eine Meise. Das muss dann ja nicht heißen „Hallo du“, das kann auch nur heißen „Ah, es hat sich was verändert“. Wenn man dann aber wieder auf die Meise reagiert, kann man in ein Zwiegespräch oder in einen Signalaustausch mit ihr treten. Dieses Gefühl, dass die Tiere uns die ganze Zeit beobachten, bestimmt mich sehr.

Wie recherchieren Sie?

Zum einen war ich in Dresden und musste vor Ort recherchieren, weil ich die DDR nicht kenne und in der Zeit des Romans dort nicht gelebt habe. Da geht es um staats- und sozialgeschichtliches Wissen. Aber wie das Leben funktionierte in der DDR, das schlägt sich nicht in den Quellen nieder, so dass ich auch bei diesem Roman das erste Mal sehr vielen Zeitzeugen zugehört habe, was dann wieder abzugleichen war mit Quellenmaterial, zum Beispiel in Bezug auf die Bombardierung Dresdens. Als ich Klarheit gewinnen wollte über die wilden Zootiere in der Nacht der Bombardierung Dresdens, bin ich einfach mitten in der Imaginationsarbeit gelandet. Aber viele Dinge spielen eine Rolle im Roman, die man eigentlich nur über das Erinnern von Menschen eruieren kann. Und dann kam natürlich eine Art privates Aufbaustudium Ornithologie dazu, so dass ich auch wirklich begriff, wie vielfältig diese Wissenschaft ist. Was ist über die Dohle erforscht oder wie verhält sie sich oder wie war ihre Verbreitung? Aber das alles erfolgte nicht völlig zielgerichtet, und es ist auch nicht so, dass zuerst die Recherche kommt, und man dann, wenn sie abgeschlossen ist, anfängt zu schreiben.

War die Ornithologie für Sie als Beispiel einer anschaulichen Wissenschaft interessant?

Ich würde es nicht darauf reduzieren, aber meine Ornithologen im Roman sind natürlich, wie Konrad Lorenz und andere Verhaltensforscher, Figuren des neunzehnten Jahrhunderts, die das Tor zum zwanzigsten Jahrhundert aufstoßen und dann damit irgendwie klarkommen müssen. Jemand wie Lorenz hat sich immer gegen die Laborsituation gesperrt, hat ganz heftige Polemiken dagegen geführt. Das ist interessant, dass jemand erst derart zukunftsorientiert ist und sich dann gegen standardisierte Versuche und andere Verfahren wendet, die überall in der Wissenschaft gang und gäbe wurden.

Sind Wissenschaftler heute zu spezialisiert, um zur Romanfigur zu werden?

Mich fasziniert, welches unglaubliche Weltwissen die Zoologen haben, denen ich bisher begegnet bin. Man trifft einen Spinnenforscher, der eine Art erforscht, die in Costa Rica auf Blättern einer bestimmten Pflanzensorte lebt. Man denkt: „Ah, das ist jetzt ein Fachmann und sein Wissen bezieht sich auf den Horizont dieses Blattes.“ Und dann sieht man, das stimmt nicht, der weiß über Verhalten bei ganz anderen Tieren genauso viel, über Gedächtnis, Genetik und so weiter. In meinem eigenen Kulturbereich, der Literatur, treffe ich dagegen so viele Menschen, die eigentlich sehr bescheiden sind, in dem, was sie wissen wollen.

Können Sie denn jetzt, nach all dem Studium, sagen, welche Vögel wir hier gehört haben?

Meisen.

Und ganz am Anfang war eine Krähe zu sehen.

Genau, es gibt komischerweise eine Krähengruppe, die herumtobt. Und als ich hier ankam, haben die Amseln und die Meisen gesungen „Ich bin der Anton aus Tirol“. Da muss irgendwo im Umkreis ein Gartenfest gewesen sein, bei dem sie sich das abgehört haben. Aber ich wollte noch einmal zurück zur Frage nach dem Erkenntnisgewinn. Das passt zu dem Bild, das ich mir gemacht habe: Schreiben ist Verhalten. Wenn Romanautoren gefragt werden, „Warum machen Sie das?“ oder „Was reizt Sie daran?“, heißt es oft: „Ich will einfach eine gute Geschichte gut erzählen.“ Das ist nicht mein Impuls, sondern ich versuche etwas herauszufinden. Und das Schöne ist, als Schriftsteller kann ich forschen ohne Zielvorgabe, was ja ein Wissenschaftler immer weniger kann.

Die Fragen stellten Jürgen Kaube und Julia Voss.

Am heutigen Abend findet am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin um 19 Uhr ein Gespräch von Marcel Beyer mit Hansjörg Rheinberger statt, am 22. Mai lädt das Naturkundemuseum in Berlin zu einer Veranstaltung mit dem Dichter.

Quelle: F.A.Z.
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