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Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki

Ein sehr großer Mann

Von Frank Schirrmacher
 - 18:09

Um 14 Uhr hatte ich ihn noch besucht. Sein Sohn Andrew war an seinem Bett im Pflegeheim, wo er seit Tagen, seit Wochen war. Marcel Reich-Ranicki erkannte einen.Und es war keine Einbildung, sondern, nach einhelligem Zeugnis aller Umstehenden, unverkennbare Tatsache, dass er sich mit interessiertem Blick aufzurichten versuchte, als ich ihm sagte, ich hätte sensationelle Nachrichten aus dem literarischen Betrieb. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Doch zwei Stunden später kam die Nachricht, dass Marcel Reich-Ranicki, der große Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur und der größte unter seinen Zeitgenossen und Nachgeborenen, gestorben war.

Es ist unmöglich, so zu tun, als könnte man ihm trauernd abgeklärt nachrufen. Wie oft haben wir mit ihm nicht über Nachrufe, die anderen galten, geredet? Ich weiß genau, was er von Nachrufen erwartet. In dem Augenblick, da ich dies schreibe, höre ich seine Stimme: „Herrgott, Sie müssen zeigen, was der Kerl taugte, nicht, wo er zur Schule ging!“ Überhaupt machte er sich geradezu operative Gedanken über das Verhältnis von Tod und Kritik. Bücher von über Achtzigjährigen wurden grundsätzlich nicht verrissen. „Ich will nicht, dass wir einen Tag später den Nachruf bringen müssen“, lautete die meistens recht fröhlich vorgebrachte Begründung.

Immer noch auf eine Verabredung warten

Ich weiß, was er erwarten würde. Natürlich würden ihn Superlative in diesem Nachruf nicht stören: der Größte, Wichtigste, Witzigste, Gefährlichste – und der Witz ist ja, das würde auch alles stimmen. Vielleicht hätte er gefordert, dass man einen Nachruf auf ihn vorbereitet hätte, wie er das selbst als Literaturchef zu tun pflegte. „Ich will keinen Nervenkrieg“, sagte er dann. Aber bei denen, die ihm wichtig waren und die ihm ans Herz gewachsen waren, tat er das nicht. Er schloss sich dann ein und schrieb seine emphatischsten Stücke. Wir alle merkten, dass die rhetorische Floskel in diesen Fällen wirklich stimmte: die Toten, Wolfgang Koeppen oder Siegfried Unseld, fehlten ihm von da an unablässig. Noch Jahre später kam er auf sie zurück, wie einer, der immer noch auf eine Verabredung wartet, die niemals eintreffen wird.

Und so geschieht es uns nun mit ihm. Dass er nicht mehr da ist, nie wieder nach Neuigkeiten fragen wird, nie wieder seine Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben wird, nie wieder poltert oder rühmt oder – ja, auch das war eine Essenz seines Wesens – liebt: All das ist jetzt nur als eine Abwesenheit und Verwaisung zu verbuchen.

Wir werden lesen, und zu Recht lesen, dass mit ihm eine Epoche zu Ende geht. Richtig deuten können wird man lange nicht, was das für eine Epoche war. Mehr jedenfalls als das „Literarische Quartett“ und F.A.Z. und Gruppe 47 und deutsche Nachkriegsliteratur. Dieser Mann war in Verfolgung und Ruhm die Personifikation des zwanzigsten Jahrhunderts.

Die Traumatisierung ausquartiert

Da lebte eben noch in Frankfurt am Main ein Mensch, der sich als blutjunger Mann voller Lust und Lebensfreude in die Literatur des Landes und die Kultur der Weimarer Republik vergrub; einer, der das alles wirklich liebte und zum Leben brauchte. Doch gleichzeitig ein Junge, der als Jude mit jedem Geburtstag ein Jahr tiefer in die Epoche des Nationalsozialismus hineinwuchs.

Und während er, wie er oft erzählte, jedes Jahr in sich immer nur mehr Begeisterung und Liebe für Thomas Mann und Brecht und Gründgens und Goethe entdeckte, wuchs mit jedem Jahr auf der anderen Seite der Hass: der Hass wohlgemerkt eines ganzes Staates und all seiner Bürokratien auf den jungen Juden, der nichts anderes wollte, als ins Deutsche Theater zu gehen. Zwei seiner lakonischen Sätze in den Erinnerungen: „Ich hatte noch eine Eintrittskarte für die Premiere am Abend. Die konnte ich nun nicht mehr verwenden.“ Warum nicht? Weil er an diesem Tag deportiert wurde.

Einmal zeigte er mir das Polizeirevier, wo man ihm 1938 die Deportation nach Polen eröffnete. Es ist auch heute noch ein Polizeirevier. Über dem Eingang ein Adler, der einen leeren Kreis in seinen Fängen trägt. Das Hakenkreuz, das da einst zu sehen war, hat man herausgeschlagen. Unsinnig, ihn nach seinen Gefühlen zu fragen. Er leugnete sie. Anders als Tosia, seine vor ihm verstorbene, unvergessliche Frau, hat er die Traumatisierung gewissermaßen ausquartiert. Das hieß nicht, dass sie verschwunden war. Sie wartete draußen vor der Tür, immer begierig, es sich wieder bei ihm bequem zu machen. Er schaute ständig nach, ob noch abgeschlossen war. Er setzte sich niemals mit dem Rücken zur Tür. Er rasierte sich mehrmals täglich, weil unrasierte Menschen im Warschauer Getto aufgegriffen wurden. Es traumatisierten ihn die Dinge, die kommen könnten und die sich als böse Vorahnungen in der bürgerlichen Sozietät zu verpuppen schienen: die Fassbinder-Kontroverse und der Historiker-Streit, beides hat er bis zuletzt nicht wirklich überwunden.

Die Erfindung des Literaturteils der F.A.Z.

So viele Schriftsteller haben mir im Laufe der Jahre erzählt – und viele haben auch darüber geschrieben –, wie es war, als Marcel Reich-Ranicki im Alter von 38 Jahren aus dem kommunistischen Polen nach Deutschland kam. Ein Mann, der Chopin-Klavierauszüge und -Aufnahmen (weil die in Polen billiger waren) in der Tasche hatte. Ich weiß nicht, wie man das Berührende dieses Ereignisses anders ins Bild bringen kann als durch pures chronologisches Referat: ein junger Jude, der genau zwanzig Jahre nach seiner Deportation mit seiner Frau nach Deutschland zurückgekehrt, die Familien unterdessen ermordet, die Familie der Frau unterdessen ermordet – und er bringt Chopin-Partituren mit als Gastgeschenk. Günter Grass, den Reich-Ranicki in Polen für einen bulgarischen Spion hielt, hat einiges davon im „Tagebuch einer Schnecke“ erzählt.

Wir alle haben ihn erst kennengelernt, als er auf der Höhe seines Ruhms und seiner Macht war. Sein Humor und seine Schlagfertigkeit waren atemberaubend, auch seine Respektlosigkeit. Sehr berühmte Politiker drängten darauf, in der „Frankfurter Anthologie“ Gedichte zu rezensieren. Sie alle, ohne Ausnahme, bekamen Variationen der gleichen Antwort: „Es muss in diesem Land möglich sein, dass es etwas gibt, woran sich die Politik nicht vergreift“.

Den Literaturteil der F.A.Z. hat er erfunden und, wie es ein Schriftsteller einst sagte, aus einem Fünfzehn-Quadratmeter-Zimmer die literarische Welt regiert. Seine Forderungen an eine hochtheoretisch, von den 68er-Jahren adornitisch geprägte Redaktion waren eindeutig: Klarheit, keine Fremdworte, leidenschaftliches Urteil. „Als ich hierherkam“, sagte er einmal, „haben die Redakteure die Gedichte ihrer Tanten gedruckt.“

Seine E-Mail war das Telefon

Es ist ihm, in der zweiten Lebenshälfte, in diesem Land kein Unrecht geschehen, wie er selbst einmal sagte; aber der Betrieb mit seiner Eifersucht und seiner Kleinlichkeit hat ihm manches versagt. Natürlich hätte er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verdient: Wenn einer Frieden gestiftet hat, in der verwundeten oder korrumpierten deutschen Literatur der Nachkriegszeit, dann war es Marcel Reich-Ranicki.

Ich habe achtundzwanzig Jahre mit ihm zusammengearbeitet, lange Zeit in allerengster Nähe. Er liebte das Telefon und hätte, wäre er jünger gewesen, das Internet als ideales Instrument seiner Eigenschaften – Neugierde, Freude am Klatsch und permanentes Informiertsein – geliebt. In Ermangelung von E-Mails nutzte er das Telefon. Und wie einst im polnischen Versteck glaubte er stets, er müsse Spannung selbst bei den alltäglichsten Gesprächen erzeugen, um den Gesprächspartner in Aufregung und Laune zu bringen. Grundsätzlich begann ein Telefonat mit Sätzen wie „Sie wissen nicht, was sich abspielt.“ Oder: „Ganz Deutschland diskutiert nur eine Sache, und Sie haben noch immer nichts gemerkt.“ Ach, es war herrlich, denn es war der permanente Protest gegen Langeweile und Mittelmaß.

Einen wie ihn werden wir nicht wiedersehen. Es stimmt nicht, dass jeder ersetzbar ist. Manche werden im Tod zur dauernden Abwesenheit, und er ist nun eine solche. Ob die deutschen Autoren, die unter ihm litten, wissen, dass dieser Schmerz eine Art Existenzbestätigung war? Es ist nicht schön, verrissen zu werden. Aber es bedeutet unendlich viel, wenn eine Gesellschaft der Meinung ist, nichts sei gerade wichtiger als das neue Buch von Günter Grass, Martin Walser oder Wolfgang Koeppen.

Das hat er geschafft und eine Prominenz erreicht, in der er, noch auf der Ebene des Supermarkteinkaufs, als Literaturkritiker mit dem Begriff der Popularität selbst verschmolz. „Ich kenne Sie, ich kenne Sie“, begrüßte ihn einmal ein Verkäufer oder Tankwart, so ganz genau ist die Geschichte nicht zu rekonstruieren, „ich kenne Sie aus dem Fernsehen. Sie sind doch der Robert Lembke.“

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Alle seine Anekdoten, Leidenschaften, Kritiken sind jetzt nur noch Bestandteile unserer Erinnerung. Erst dadurch spürt man, was dieser große Mann für ein Geschenk war; kein „öffentliches Unglück“, wie es in Thomas Manns „Lotte in Weimar“ über Größe heißt, sondern ein Glück. Man wüsste so gerne, dass er das jetzt liest. Und, wie er es bei unserem letzten Geburtstagsartikel tat, in leicht gedehnter und sachlicher Weise sagt: „Jaaaa, ich halte es für möglich, dass ich nach meinem Tode eine Legende werde.“ Das ist er geworden. Mehr als das: eine reine Freude darüber, dass er war, noch in der Trauer, dass er nicht mehr ist.

Quelle: F.A.Z.
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