Trauerrede zum Tod von Reich-Ranicki

Der ungeliebte, der geliebte Ruhestörer

Von Rachel Salamander
26.09.2013
, 17:32
Rachel Salamander, Leiterin des F.A.Z-Literaturforums, auf der Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki.
Marcel Reich-Ranicki hat von möglichen Optionen vor allem eine gewählt: das Gute an Deutschland herauszustellen. Nicht Mahner zu werden, nicht Rächer, nicht Kritiker der Deutschen, nur Literaturkritiker. Ein Abschied.

Es ist wie zu seinen Lebzeiten: Um diesen Mann herrschte immer Wirbel. Der Auflauf heute zu seiner Beerdigung hätte Marcel Reich-Ranicki sehr gefallen. Die überwältigende Anteilnahme der Bevölkerung hätte ihn ebenso gefreut wie das weit über das Übliche hinausreichende Medienecho. Mit dem Eintritt seines Todes am Mittwoch, dem 18. September, am frühen Nachmittag, überschlugen sich die Meldungen, Nachrufe und Statements, Sondersendungen auf allen Kanälen von Funk und Fernsehen, inklusive Internet, als stünde die Welt still und als gäbe es keine anderen Nachrichten. Hat je ein Bundespräsident oder eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens eine derartige Resonanz ausgelöst? Über seinen Tod hinaus hat er die Medien dirigiert. Ich stelle mir vor, wie Marcel mit mir darüber am Telefon spricht und mit welcher Lust und Freude er Zensuren verteilt zu diesem Artikel und jenem Beitrag.

Diese Reaktion der Öffentlichkeit und die nahezu einhellige Ehrerbietung tun gut. Schließlich hat Deutschland Marcel Reich-Ranicki viel zu verdanken. Ihm, der sich mit einer lebenslänglichen Wunde ins Leben zurückkämpfen musste. Wer einmal für lebensunwert erklärt wurde, „kann nicht mehr heimisch werden in der Welt“ (Jean Améry). Gegen alle Wahrscheinlichkeit konnte er sein von den Nationalsozialisten zur Disposition gestelltes Leben und das seiner Frau Tosia unter ständiger Todesdrohung vor der Vernichtung retten. Nur sie beide und die Schwester von Marcel Reich-Ranicki waren von den Familien übriggeblieben.

Er brachte den Deutschen ihre verbotenen Dichter zurück

Als Marcel Reich-Ranicki 1958 einen Studienaufenthalt in der Bundesrepublik nutzte, hier zu bleiben, stand er zum dritten Mal vor der Situation, eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Und er tat es in dem Land, das ihn, den Achtzehnjährigen, all dessen beraubt hatte, worauf ein junger Mensch kurz nach dem Abitur bauen kann: auf ein Zuhause, auf die Möglichkeit zu studieren, auf eine Zukunft. Von heute auf morgen galt nichts mehr, was ein Weltvertrauen ausmacht. Der Mitmensch wurde zum Gegenmenschen, ohne Mitleid und Erbarmen, so hatte er Deutsche erfahren.

Aus der Gegenwelt der Deutschen und gezeichnet von dem, was ihm widerfahren war, kam er in Westdeutschland an. Neben zwei Koffern und fünf Dollar in der Tasche führte er allerdings mit sich, was ihm niemand hatte nehmen können und was ihm das Berliner Fichte-Gymnasium und die Mutter auf den Weg fürs Leben mitgegeben hatten: deutsche Bildung. Die deutsche Literatur hatte sich bei der Qual des Überlebens als „rettendes Geländer“ (Ruth Klüger) bewährt, und sie sollte sich auch beim Neuanfang als tragfähiges Fundament erweisen.

Marcel Reich-Ranicki hat von möglichen Optionen vor allem eine gewählt: das Gute an Deutschland herauszustellen - Goethe und Schiller, Mozart und Beethoven. Nicht Mahner zu werden, nicht Rächer, nicht Kritiker der Deutschen, nur Literaturkritiker. Man könnte ihn schon fast einen Idealisten nennen. Er brachte den Deutschen zuerst ihre im „Dritten Reich“ verbotenen, verbrannten und ermordeten Dichter zurück, mit ihnen beheimatete er sich hier wieder.

Die Reihe der Trauergäste, ganz links Bundespräsident Joachim Gauck.
Die Reihe der Trauergäste, ganz links Bundespräsident Joachim Gauck. Bild: Frank Röth

In seinem großartigen Text „Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur“ setzte er ihnen ein unvergleichliches Denkmal. Das alles gelang ihm, wiewohl er ein Autodidakt war, weder einer akademischen Schule noch einer Richtung der Germanistik angehörte. Idealist, der er war, hat er in einer Art ästhetischer Erziehung die Deutschen auf beste und uneinholbare Weise für ihre Literatur eingenommen.

Ein halbes Jahrhundert lang hielt er das literarische Leben hierzulande in Atem. Obwohl er am eigenen Leib erleben musste, wie brüchig die Werte und die Regeln des zivilisierten Zusammenlebens sind, wollte er dennoch selbst Maßstäbe setzten, ganz im Sinne von Gotthold Ephraim Lessing: „Was ihn bewegt, bewegt / Was ihm gefällt, gefällt / Sein glücklicher Geschmack ist der Geschmack der Welt.“ Unentbehrliches Korrektiv dabei war seine Frau Tosia. Unbürgerlich, wie sein Leben nun einmal verlaufen war, neigte er zum direkten Wort, zur Wahrheit, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen.

Mit seinem unheimlichen Wissen - qua eines stupenden Kenntnisreichtums und als Zeitzeuge der europäischen Judenvernichtung - entfaltete er seine Autorität. Selbst furchtlos und mit einer Menschenkenntnis ausgestattet, wie sie nur denjenigen eigen ist, die Schreckliches hinter sich haben, fürchteten ihn nicht wenige. Sein untrügliches Gespür für das Charakteristische an Günter Grass und Martin Walser war genauso wenig ein Zufall wie das Zerwürfnis mit Joachim Fest, das ein Artikel des Historikers Ernst Nolte auslöste.

Am letzten Freitag stand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, dass es im Deutschen Literaturarchiv in Marbach „fast keinen Schriftstellernachlass aus der Zeit nach 1945 (gibt), der nichts von Reich-Ranicki enthält“. Auf wie viel Positives und wie viel Hässliches über ihn mag man darin stoßen? Einer wie er wollte sich nicht ein weiteres Mal mundtot machen lassen. Er wollte gehört werden. Er musste gehört werden, um in der Gesellschaft seinen Wert, seinen Stellenwert wieder zu finden, dessen er so gnadenlos beraubt worden war. Schließlich war der „Ruhm, der Erfolg, . . . ein Mittel gesellschaftlich heimatloser Menschen, sich eine Heimat, sich eine Umgebung zu schaffen“, wie Hannah Arendt schreibt.

Marcel Reich-Ranicki hat sich mit Hilfe der Literatur wieder eine Heimat inszeniert. Von sich sagte er, er sei ein „Jude doloris causa“, und nach seinem Vaterland befragt, antwortete er: „Von Heine stammt das schöne Wort, die Juden hätten sich im Exil aus der Bibel ihr portatives Vaterland gemacht. Und so bin auch ich schließlich weder ein heimatloser noch ein vaterlandsloser Mensch. Auch ich habe ein portatives Vaterland - es ist die deutsche Literatur, die deutsche Musik.“

Marcel Reich-Ranicki hat mit viel Mut aufs Ganze gesetzt. Er hat ein zweites Mal sein Leben an Deutschland gebunden - und gewonnen. Das letzte Jahrhundert ging als Triumph für ihn zu Ende. Mit seiner Autobiographie gelang ihm sein eigener Lebensroman. Millionenfach verkauft und verfilmt, dankten ihm viele Menschen hierzulande mit ihrem Interesse an seinem Buchschicksal für all das, was er diesem Land mit seiner Existenz geschenkt hatte.

Sein letzter großer öffentlicher Auftritt endete mit dem Wort „Tod“. Es war der letztmögliche Augenblick, ihn als Redner zum Holocaust-Gedenktag in den Bundestag einzuladen. Das geschah im Januar 2012. Jetzt, mehr als zwei Jahre nach Tosias Beerdigung, trauern wir um Marcel Reich-Ranicki. Es ist in dieser Woche nach seinem Tod unendlich viel über ihn berichtet worden, noch einmal alles über sein Leben zusammengefasst worden.

Die Differenz zum lebendigen Marcel bleibt. Diese elementare Ausnahmeerscheinung lässt sich nicht auf den Begriff bringen. Alle Versuche, sich als Deuter seines Innenlebens auszugeben, sind vermessen. Es bleibt das Glück, ihn als Freund gehabt zu haben. Sein Vermächtnis sollten wir ernst nehmen: dass die Literatur immer im Gespräch bleibe und, genauso wichtig, dass wir immer Neuigkeiten parat halten und ja nicht langweilen.

Quelle: F.A.Z.
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