Margot Honecker als Publizistin

Ihre heile Welt

Von Regina Mönch
19.03.2012
, 17:06
Für kommende Klassenkämpfe ist Margot Honecker gerüstet. In einem Gesprächsband zeigt die ehemalige Volksbildungsministerin der DDR, dass sie sich treu bleibt.

Seit sie in Chile lebt, gibt sie kaum Auskunft über sich und ihre Zeit als Ministerin für Volksbildung, was sie immerhin sechsundzwanzig lange Jahre war, bis zum Schluss. Am 2. November 1989 räumte Margot Honecker ihr Berliner Büro: „Ich war ohne Illusion über den Fortgang, nicht aber ohne jede Hoffnung.“ Jetzt hat sie einen Publizisten empfangen, der ihr in der zuweilen bizarr anmutenden Sicht auf die Ereignisse vor und nach dem November 1989 ebenbürtig ist. Das Ergebnis des Gesprächs ist im Verlag das Neue Berlin erschienen (Margot Honecker, „Zur Volksbildung. Gespräch“).

Frank Schumann liefert der alten Dame die Stichworte; ab und an werden wohl dosiert sogenannte Reizthemen eingestreut. Denn die anderen, die Feinde und Verleumder, erinnern sich auch. Sie also gilt es zu widerlegen, wobei sich beide trefflich ergänzen in ihren propagandistischen Volten, die eine DDR zeichnen, die es so nicht gab: ein Dokument authentischer Demagogie. Schumann stellt sich in einem Vorwort ausführlich vor; neben dem Pfarrhaus, in dem er groß wurde, findet auch der Jugendwerkhof in der Nachbarschaft Erwähnung.

Mit bemerkenswerter Beharrlichkeit

Er habe Ehemalige von dort kennengelernt, schreibt er, zufriedene Menschen heute, die nun ein „normales Leben“ führten. Es handelt sich um den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, ein Kindergefängnis, das heute Gedenkstätte ist, im Gedenken an die Opfer brutaler Umerziehung im Honeckerschen Geiste. Schumanns erbarmungslose Ignoranz dieses dunklen Kapitels realsozialistischer Disziplinierung qualifiziert ihn als Gesprächspartner Margot Honeckers, die den Sollzustand ihrer „Volksbildung“ rekapitulieren will und an Reflexion nicht interessiert ist.

War es ein Skandal, als 1988 an der Berliner Ossietzky-Schule junge Leute relegiert wurden, weil sie sich offen zur polnischen Opposition bekannten und gegen die martialischen Militärparaden? Nein, das war ein ganz normaler Vorgang, eine Reaktion auf eine „gezielte politische Provokation“, beharrt Margot Honecker, so wie die DDR ein ganz normaler, von den meisten geliebter Staat war. Sie zitiert zum Beweis und Vergleich ganze Artikel aus dem Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Und die Zwangsadoptionen? Schon diese „Bezeichnung“ sei falsch, ja demagogisch. Diese Kinder „wurden in gute Hände gegeben“. Man musste sie schützen vor ihren unfähigen Eltern, die ihrer Pflicht zur „staatsbürgerlichen Erziehung“ nicht nachkamen

Zum Schluss reden Honecker und Schumann über jenen Eigensinn, der schlimmstenfalls zu einer „Konterrevolution“ führen kann. Alles Inszenierungen von außen, darüber sind sie sich einig. Nicht nur die sogenannten Bürgerrechtler der DDR werden da vorgeführt als fremdgesteuerte Wesen. Auch die Arabellion, die Aufstände in Libyen, Ägypten, Tunesien, die orangenen und samtenen Revolutionen davor - alles vom amerikanischen Geheimdienst und anderen Schreckensleuten gesteuert.

Prinzipiell neostalinistisch

Das zu verhindern, glauben die zwei, hätte ein besseres Krisenmanagement erfordert, leider. Schuld? Nur insofern, sagt Margot Honecker, als wir die Niederlage nicht hatten verhindern können. Nein, die DDR sei nicht an ihren Fehlern zugrunde gegangen, sondern an einer „Konterrevolution“, vor der „wir“ immer gewarnt haben, und am mangelnden Widerstand gegen den „Gegner“. Das war ihr Volk, auch wenn sie das so bis heute nicht erkennen will - vor allem die Jungen, die damals zu Hunderttausenden das Land verließen, weil sie genug hatten.

Allein schon diese Fluchten aus dem falschen Leben gehören zu einer Welt, die wahrzunehmen sich Margot Honecker nicht einmal weigert. Diese Welt existiert für sie einfach nicht, damals wie heute. So wenig wie sie die massiven Proteste gegen den Wehrunterricht beeindruckt haben, denn der war ja notwendig: Die Schüler sollten rechtzeitig „marschieren und exerzieren, militärisch grüßen und in einer militärischen Einheit handeln“ können.

Kaum ein anderes Mitglied der SED-Führungsriege hat die Gesellschaft so polarisiert wie Margot Honecker. An ihrer neostalinistischen Linie schieden sich auch zu DDR-Zeiten die Geister. Akzeptiert waren seinerzeit der Unterricht in den Naturwissenschaften und in Mathematik. Alles andere, vor allem das Menschenbild und die harte, ideologisch gesteuerte Auswahl bei der Aufnahme in die Abiturklassen, war umstritten. Ganze Regalreihen voller Beschwerden und verzweifelter Bitten, sich gravierenden Unrechts anzunehmen, bewahren die Archive zum Stichwort „DDR-Volksbildung“.

Ihr Nachlass an die Pädagogen

Im Gespräch kommt das nicht einmal am Rande vor. Stattdessen bescheinigt Schumann seiner Gesprächspartnerin immer wieder, wie gut sie ihre Arbeit gemacht habe und versteigt sich schließlich zu der steilen These, die Finnen hätten im Pisa-Vergleich so gut abgeschnitten, weil sie ihre Bildungspolitiker und Pädagogen bereits in den siebziger Jahren in die DDR schickten und vieles davon übernahmen.

Quälend ausführlich referiert Margot Honecker ihre letzte Rede vor Tausenden sorgfältig ausgewählten Lehrern auf dem IX. Pädagogischen Kongress im Juni 1989. An dieser Rede entzündete sich im darauffolgenden Herbst noch einmal Streit, als sich Eltern und viele Lehrer über die Ignoranz und die ideologische Verdrehtheit der Politikerin empörten. Zu Honeckers Gunsten ist diese Auseinandersetzung alsbald verebbt. Ihr in Funktionärssprache verfasstes Manifest betrachtet Margot Honecker wohl bis heute als ihr Testament. Man erfährt daraus nicht, wie die Schule funktionierte, aber viel darüber, was sie in den Augen der Ministerin sein sollte.

Eine Ideologie verfehlt ihr Ziel

Margot Honecker hatte demnach das „jahrhundertealte Unrecht an den Kindern der Arbeiter und Bauern“ beseitigt, die bürgerliche Volksschule überwunden und einen Geschichtsunterricht installiert, der den Umbruch, die „erfolgreiche Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft“ vor Augen führte. Eine „wirklich vaterländische Erziehung“ sei immens wichtig gewesen, betont sie, weil nur sie die rechte, die „sozialistische deutsche Identität“ hervorbringe.

Was, zum Glück, größtenteils misslang. Und wie dankte es ihr das Volk? Zeitgleich zur Kongreßrede begann Ungarn seinen Eisernen Vorhang hochzuziehen, Zehntausende verschwanden Richtung Feindesland, westliche Botschaften wurden besetzt, das Volk ging auf die Straße und vier Monate nach dem Kongress war der Honecker-Spuk zu Ende.

Von der ungesunden Freiheit der Gegenwart

Unangefochten vom Ruin der DDR, flicht die bald Fünfundachtzigjährige ihren Ruhmeskranz, zu dessen schönsten Blüten sie Humboldt und Herder zählt und natürlich die Diktatur des Proletariats, mit der es ihr gelungen sei, das „bürgerliche Bildungsmonopol“ zu brechen - denn das führe doch nur zur „Herrenrasse“. Margot Honecker behauptet, die Weimarer Schulreformen in ihr System integriert zu haben. Nur hat gerade die bereits 1954 ins Ministerium geholte FDJ-Funktionärin die Säuberung der DDR-Volksbildung von sozialdemokratisch-reformpädagogischen Einflüssen eifrig vollstreckt. Damals waren Zehntausende Lehrer aus dem Schuldienst vertrieben worden - aus einem Beruf, für den sich viele gerade erst hatten ausbilden lassen.

1989 - in den Augen Margot Honeckers eine einzige große Verschwörung. „Da kommt dann jemand“ - gemeint ist Bärbel Bohley -, „der auf unsere Kosten Abitur machte, an der Kunsthochschule studierte, und fordert ,Gerechtigkeit‘“, empört sich die ehemalige Ministerin. Demokratie könne man schließlich nicht essen. Persönliche, gar private Ideale taugen nur, wenn sie mit den „gesellschaftlichen“, also denen der SED, übereinstimmen. Es käme nur auf die Klassenkampfsituation an. Die heutige Freiheit mache doch nur krank, das sehe man unter anderem an den vielen kranken Lehrern. Margot Honeckers Sicht auf ihre „Volksbildung“ ist ein historisches Dokument ganz eigener Art, eine Zeitreise in einer lebensluftleeren Raumkapsel, in die keine Erschütterung dringt und nichts das perfekte Bild vom glücklichen Leben in sozialistischen Tagen stört.

Quelle: F.A.Z.
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Regina Mönch
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