FAZ plus ArtikelMord an Walther Rathenau

Das seltsam tolerierte Mordprinzip

Von Helmuth Kiesel
19.06.2022
, 17:00
Walter Rathenau (zweiter von links) auf dem Weg zu einer Konferenz in Wiesbaden im Januar 1921
Vor hundert Jahren wurde Walther Rathenau bei einem Attentat getötet. Kurz danach machte die Literatur der Weimarer Republik den rechten Terror zum Thema.
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Der politische Mord, oft als „Fememord“ apostrophiert, gehörte in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, die von dem englischen Deutschlandkorrespondenten George Eric Gedye als „Revolver Republic“ bezeichnet wurde, fast zum Alltag. Neben den prominenten Mordopfern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (15. Januar 1919), Kurt Eisner (21. Februar 1919), Gustav Landauer (2. Mai 1919), Matthias Erzberger (26. August 1921) und Walther Rathenau (24. Juni 1922) wurden Hunderte von Menschen von sogenannten „Femgerichten“, die sich auf dubiose mittelalterliche Traditionen beriefen, wegen missliebiger politischer Einstellung oder angeblichem „Verrat“ an einer bestimmten Gruppe zum Tode verurteilt und in sogenannten „Nacht- und Nebelaktionen“ erschossen und verscharrt. Der Heidelberger Statistiker Emil Julius Gumbel verzeichnete 1922 in seinem Buch „Vier Jahre politischer Mord“ nicht weniger als 354 politisch motivierte Mordtaten von rechts und 22 von links. Rechnet man eine kleine Dunkelziffer hinzu, so kommt man auf durchschnittlich zwei politische Morde pro Woche.

Außer Kurt Tucholsky und Gumbel regte sich darüber kaum jemand sonderlich auf, bis 1925 der ehemalige Offizier und pazifistische Publizist Carl Mertens mit einer Artikelserie in der „Weltbühne“ auf diese Mordtaten, ihre Ungesühntheit und das Fortbestehen der verantwortlichen nationalistischen Geheimbünde hinwies. Diese Artikelserie, die 1926 unter dem Titel „Verschwörer und Fememörder“ auch als Buch erschien, bewirkte, dass im Reichstag ein „Femeausschuss“ gebildet und etwa fünfzehn Prozesse eingeleitet wurden, die sich über Jahre hinzogen. Von der 1928 erlassenen Reichsamnestie für politische Straftaten wurden die Fememörder auf Drängen der linken Parteien ausgenommen. Mertens wurde allerdings derart angefeindet, dass er Deutschland im Januar 1927 verließ. Als er im Jahr darauf noch einmal nach Deutschland kam, um vor dem Reichs­gericht in Leipzig auszusagen, wurde er am Bahnhof von Nationalsozialisten niedergeschlagen.

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