Apple-Gründer Steve Jobs

Mein Herrscher, wie lauten deine Wünsche?

Von Günter Hack
08.12.2015
, 11:38
Er war immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding: Steve Jobs. Verfilmt wurde sein Leben schon, 2017 soll es sogar als Oper auf die Bühne kommen.
Seinen ersten Biographen hatte Steve Jobs noch selbst gewählt. Doch seinen engsten Mitarbeitern bei Apple gefiel das Ergebnis nicht. Jetzt erzählt ein Buch das Leben des exemplarischen Unternehmers ganz neu: Steve Jobs, wie ihn keiner kennt.
ANZEIGE

Er ist ein Kinoheld. Frauen bewundern ihn, und Männer wollen sein wie er. Wie kein anderer steht er für seine Zeit, definiert ein Ideal, das inspiriert, dem andere folgen wollen. Die Rede ist nicht von James Bond, sondern von Steve Jobs, dem Mitgründer von Apple, der noch zu Lebzeiten zur Symbolfigur geformt wurde. Um die Kontrolle über die Erinnerung an seine Arbeit auszuüben, hatte Jobs noch selbst den Journalisten Walter Isaacson angeheuert, um seine offizielle Autobiographie zu verfassen. Isaacson, spezialisiert darauf, die Lebensgeschichten historischer Größen wie Albert Einstein oder Benjamin Franklin zu erzählen, legte 2011 kurz nach Jobs’ Tod ein solides Buch vor, für dessen Vorbereitung er viel Zeit mit dem Apple-CEO hatte verbringen dürfen.

ANZEIGE

In Konkurrenz zu Isaacsons Arbeit tritt nun das Werk „Becoming Steve Jobs“ von Brent Schlender und Rick Tetzeli. In ihm erzählt Schlender, der Jobs als Wirtschaftsjournalist für das „Wall Street Journal“ und „Fortune“ lange begleitete, die Geschichte aus seiner Sicht in der ersten Person.

Wie Steve Jobs zur großen Figur wurde

Bei Isaacson heißt die Hauptperson des Buches „Mr. Jobs“, Schlender nennt ihn „Steve“; damit ist der Unterschied zwischen den beiden Werken schon früh markiert. Anders als sein Vorgänger hatte Schlender zwar keinen so freien Zugang zu Jobs in dessen letzten Jahren, profitierte aber davon, dass dessen engste Mitarbeiter - wie Chefdesigner Jony Ive oder Apple-CEO Tim Cook - mit Isaacsons Buch unzufrieden waren. Das „becoming“ im Buchtitel nimmt damit auch die weniger offensichtliche Bedeutung des Wortes im Englischen an: Es geht nicht nur darum, wie Steve Jobs zur großen Figur wurde, sondern auch darum, eine ihm gerecht werdende Darstellung seines Wegs zu geben.

Und so handelt Schlenders Buch weniger von den Unternehmen, die Jobs aufgebaut hat, sondern zuvörderst davon, wie Jobs’ Persönlichkeit reifte. Schlender geht dabei chronologisch vor, was sich aber als Fehler erweist, denn den frühen Jobs hat Isaacson wesentlich gründlicher beschrieben und - was wichtiger ist - seine Schlüsselerlebnisse präziser eingeordnet. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit der „Blue Box“, einem Apparat, der es seinem Besitzer ermöglichte, das Telefonsystem zu überlisten, so dass sich Ferngespräche gratis führen ließen. Schlender erwähnt zwar, dass Jobs und Steve Wozniak in der frühen Phase ihrer Freundschaft einen solchen Apparat gebaut und verkauft haben, Isaacson aber lässt Jobs selbst von dem Projekt als Initialzündung erzählen: Es war das erste Produkt, das er gemeinsam mit Wozniak entworfen und vermarktet hatte, womit die Rollen der beiden als Entwickler und Vermarkter für die kommenden Jahre angelegt waren. Wer sich für die Frühzeit von Apple interessiert, ist bei Isaacson oder bei Steven Levy („Insanely Great“) wesentlich besser aufgehoben als bei Schlender.

Die Pioniere. Steve Wozniak (links) und Steve Jobs präsentieren einen der ersten Apple-Computer.
Die Pioniere. Steve Wozniak (links) und Steve Jobs präsentieren einen der ersten Apple-Computer. Bild: dpa

Sobald die Erzählung aber an dem Punkt ankommt, an dem Schlender zum ersten Mal Jobs persönlich begegnet, nämlich 1986, als dieser gerade dabei war, seine Computerfirma NeXT aufzubauen, gewinnt das Buch entscheidend an Tiefe. Schlender beschreibt Jobs’ Erfolgsstory weniger entlang technologischer Trends, sondern schildert sie als komplexes Spiel mit Emotionen und Beziehungen. Allein die Passagen, in denen Schlender erzählt, wie Jobs seine Animationsfirma Pixar aufbaut und an Disney verkauft, wie geschickt er dabei die Gefühle und Ambitionen der beteiligten Personen managt, wie etwa der mächtige Disney-CEO Bob Iger um Jobs’ Gunst buhlen musste, machen das Buch lesenswert.

ANZEIGE

Strategien klassischer Machtpolitik

In einer Zeit, in der Technologie von den Protagonisten der Branche gerne als absolut gesetzt wird, wirken diese Beschreibungen klassischer Machtpolitik beinahe erfrischend. Schlender zeigt auch sehr gut, wie Apple die Berichterstattung steuert. Wer sich wohlverhält, bekommt Zugang zum Führungspersonal und darf als Erster die begehrten Gadgets rezensieren. Wer aber kritisch über den Konzern schreibt, dem wird der Informationsfluss schnell gekappt, wie Schlender auch selbst erleben musste - obwohl er schon zum engeren Kreis um den Apple-Chef gehörte.

Das Design bestimmt das Bewusstsein: Steve Jobs stellt im Januar 2007 das iPhone vor.
Das Design bestimmt das Bewusstsein: Steve Jobs stellt im Januar 2007 das iPhone vor. Bild: dpa

Wie Schlenders Zeitzeugen über ihr Leben mit Steve Jobs berichten, erinnert an Ryszard Kapuscinskis Klassiker „König der Könige“, in dem er Höflinge das Leben im Palast des äthiopischen Kaisers Haile Selassie beschreiben lässt: Sie beschreiben das subtile Ringen der Minister, Beamten, Zeremonienmeister, Türöffner und Kissenträger um die Gunst des Herrschers, die Intrigen, die Kontrolle durch gezielte Zuwendungen, das Spiel mit Ehrgeiz und Launen. Apple, das reichste Hochtechnologieunternehmen der westlichen Welt, so lernt der Leser bei Schlender, funktionierte unter dem späten Steve Jobs im Grunde nicht wesentlich anders als der Kaiserhof im Addis Abeba der fünfziger Jahre. Wichtige Fragen sind: Wer darf bei der nächsten Präsentations-Audienz mit auf die Bühne? Wer erahnt die Wünsche des Herrschers am besten? Wer entspricht seinen Vorstellungen von Loyalität?

ANZEIGE

Der Unterschied zwischen dem Kissenträger von einst und dem Stakeholder von heute kann überraschend gering sein. Beide lieben Rituale, pompöse Präsentationen und Persönlichkeitskult, fügen sich gerne der Macht. Umso bedauerlicher, dass Schlender bei all seinem Gespür für das Höfische die Auswirkungen von Apples Technologiepolitik weitgehend außer Acht lässt. Alle Protagonisten des Buches reden ständig davon, die Welt verändern zu wollen. Aber welche Richtung Steve Jobs der Welt oder wenigstens der IT-Branche gegeben hat, bleibt offen. Am Ende wirkt Schlenders Apple wie eine Monarchie ohne Dynasten, deren perfekte Mechanik die Leerstelle umkreist, die der letzte Herrscher hinterließ.

Brent Schlender und Rick Tetzeli: „Becoming Steve Jobs“. Vom Abenteurer zum Visionär. Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr, Martin Bayer, Heike Schlatterer. Siedler Verlag, München 2015. 512 S., geb., 26,99 €.

 

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE