Neuer Roman von Robert Harris

Raketenangst auf allen Seiten

Von Gina Thomas, London
Aktualisiert am 22.09.2020
 - 22:06
Hitlers geheime Waffe: V2-Rakete im Centre d'Histoire et de Mémoire de La Coupole im französischen Helfaut
Ein neuer Thriller über den Zweiten Weltkrieg: „V2“ von Robert Harris ist gerade auf Englisch erschienen und beschäftigt sich mit mehr als der Entstehung von Hitlers „Wunderwaffe“.

In der Zeit, in der die Vereinigten Staaten im Wettlauf mit der Sowjetunion zum Mond strebten, stellte der satirische Chansonnier Tom Lehrer die moralische Integrität des Raketenpioniers Wernher von Braun in Frage. In dem Disput um den Mann, der dem Hitler-Regime die „Wunderwaffe“ V2 brachte und den Amerikanern den Weg ins All bahnte, schlug sich Lehrer auf die Seite derer, die den Ingenieur mit Albert Speer und den anderen „unpolitischen Technikern“ der Kategorie berechnender Karrieristen zuordneten. „Sag nicht, er sei heuchlerisch“, stichelt Lehrer in der Ballade, die Klavierbegleitung mit einem sarkastischen Triller verzierend, „sag lieber, er sei unpolitisch. Wen kümmert es, wo die Raketen landen, wenn sie einmal oben sind“, fährt er mit deutschem Akzent fort, „das fällt nicht in mein Ressort, sagt Wernher von Braun.“

Die Frage nach der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers steht im Kern von „V2“, dem jüngsten Thriller von Robert Harris. In dem soeben in Britannien erschienenen Buch, das im November mit dem Titel „Vergeltung“ auf den deutschen Markt kommt, spinnt der britische Bestsellerautor aus einer wenig bekannten Episode der Endphase des Zweiten Weltkrieges parallel zueinander verlaufende Erzählfäden, die nach seiner bewährten Methode Tatsachen und Fiktion spannungsreich miteinander verweben. Hier macht Harris diese Fäden an zwei erfundenen Figuren fest, dem deutschen Ingenieur Rudi Graf, einem Weggefährten von Brauns aus Jugendtagen, der dessen Jules-Verneschen Traum von der Weltraumfahrt teilt, und an Kay Caton-Walsh, einer britischen Luftwaffenhelferin im Offiziersrang.

Angst und Verwüstung

Von Braun, der früh erkannte, dass die Phantasie der jungen Raketenenthusiasten sich nur mit militärischer Unterstützung realisieren lasse, hat seinen Freund bereits Anfang der dreißiger Jahre rekrutiert für die Entwicklung einer Flüssigkeitsrakete an der später nach Peenemünde verlegten Heeresversuchsstelle Kummersdorf. Graf erinnert sich, wie von Braun ihn damals umstimmte mit der Versicherung, der Weg zum Mond führe durch Kummersdorf. Hitlers Kriegspläne leiten die Forscher jedoch auf einen anderen Weg. Statt Weltraumraketen bauen sie ballistische Flugkörper, von denen sich das Militär eine entscheidende Wende des Krieges erhofft. Von der holländischen Küste aus erreichen diese Geschosse mit vierfacher Schallgeschwindigkeit London in bloß fünf Minuten.

Mit seiner Fähigkeit, die Vergangenheit durch atmosphärische, stoffliche und historische Details greifbar zu machen, schildert Harris die Angst und Verwüstung der vor der Detonation lautlos über den Kanal huschenden Raketen. An einem Tag, an dem Hausfrauen mit ihren Kindern wegen einer seltenen Lieferung von Kochtöpfen in eine Woolworth-Filiale im Südosten Londons drängen, werden 160 Menschen getötet, darunter Passagiere eines vorbeifahrenden Busses, deren innere Organe durch die Wucht der Explosion zerstört werden.

Mit Stift, Rechenschieber und Logarithmentafeln

Während Graf im November 1944 im niederländischen Scheveningen als technischer Verbindungsmann am Einsatz der sogenannten „Vergeltungswaffe Zwei“ mitwirkt, die London in die Knie bringen soll, sitzt Kay Caton-Walsh hundertfünfzig Kilometer davon entfernt in einem Banktresor der gerade erst von den deutschen Truppen geräumten belgischen Kleinstadt Mechelen mit Stift, Rechenschieber und Logarithmentafeln bereit.

Die Briten wollen den Standort der mobilen Abschussrampen der im Schutz der Dunkelheit von den Produktionsstätten transportierten und im Wald versteckten V2-Raketen ermitteln, um sie vor dem Einsatz des nächsten Projektils aus der Luft zerstören zu können. Kay Caton-Walsh gehört einer kleinen Guppe von acht Luftwaffenhelferinnen an, deren Aufgabe es ist, innerhalb von sechs Minuten nach dem Einschlag die parabelförmige Flugbahn zu berechnen und sie bis zur Feuerstellung zurückzuverfolgen. Sobald diese geortet ist, starten die Spitfires aus England. Fünfundzwanzig Minuten später werfen sie ihre Bomben auf ihr Ziel ab.

Wernher von Braun tritt leitmotivisch auf

Eine solche Gruppe von Luftwaffenhelferinnen gab es tatsächlich, wie Harris vor vier Jahren durch einen Zeitungsnachruf auf eine der jungen Frauen erfuhr, die damals nach Mechelen entsandt wurden. In dem Moment keimte die Idee für „V2“. Seitdem hat er zwei andere Romane veröffentlicht, zuletzt im vergangenen Herbst „Der zweite Schlaf“, dessen postapokalyptisches Szenario durch den Ausbruch der Corona-Epidemie beinahe prophetischen Charakter bekommen hat. „V2“ ist während des Lockdowns entstanden. Mitunter wirken die wie abgeschossene Sterne niederstürzenden Raketen denn auch wie ein Sinnbild des perfiden Fremdkörpers, der uns jetzt angreift.

Auf fünf Tage komprimiert und kapitelweise abwechselnd aus der Sicht von Rudi Graf und Kay Caton-Walsh erzählt, gewinnt die Rahmenhandlung durch den Wettlauf der jeweiligen Seite gegen die Zeit an zusätzlicher Spannung. Wernher von Braun tritt beinahe leitmotivisch in Erscheinung als charismatischer Macher, der „jeden durch seinen Charme bezaubert, selbst Hitler“. Der zunehmend desillusionierte Graf, der an seinem Zivilstand festhält, beobachtet Brauns zweckmäßigen Aufstieg im Regimeapparat, von der Mitgliedschaft einer studentischen Reiterstaffel der SS kurz nach der Machtergreifung über die Aufnahme in die Partei bis hin zur Beförderung zum SS-Sturmbannführer. Dem Freund gegenüber spielt Braun diese Karriereschritte stets als belanglose Äußerlichkeiten herunter.

Bei einer gemeinsamen Besichtigung der Stollenanlagen bei Nordhausen, die für die Produktion der Vergeltungswaffen genutzt werden, wirkt Braun beim Anblick der ausgemergelten Zwangsarbeiter ungetrübt von Bedenken. Sein faustischer Pakt versperrt ihm die Sicht. Graf hingegen, dem der erste Ausflug nach Peenemünde im Nachhinein anmutet wie ein Besuch des Paradieses vor dem Sündenfall, sind die Schuppen schon vor dem ersten Einsatz der V2-Raketen von den Augen gefallen. Ihm ist klar, dass der Weg zum Mond nicht durch Kummersdorf führt, dass die „Wunderwaffe“ Deutschland nicht retten wird und der Krieg verloren ist.

Als Graf im September 1945 nach London reist, ist er dennoch erstaunt zu erfahren, dass die deutsche Propaganda die Wirkung der V2-Angriffe maßlos übertrieben hat. Das Gleiche gilt für die offiziellen Verlautbarungen des britischen Militärs, die Kay Caton-Walsh und ihre Kameradinnen in dem Glauben wogen, sie hätten etwas Nützliches für ihr Land geleistet. Die britischen Flieger haben keine einzige Abschussrampe getroffen. Insofern ist „V2“ auch eine Parabel über die Sinnlosigkeit des Krieges.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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