Nobelpreisverleihung an Handke

Dem König so nah

Von Andreas Platthaus, Stockholm
Aktualisiert am 11.12.2019
 - 07:50
Peter Handke bei seiner Dankesrede für den diesjährigen Nobelpreis.
Nach all dem Trubel um Peter Handke war für die Nobelpreisverleihung und das anschließende Bankett einiges befürchtet worden. Es kam anders, wurde aber auch skurril.

Unglaublich, aber wahr: Dies ist ein Artikel zum Nobelpreis 2019 weitgehend ohne Peter Handke. Denn am Dienstag in Stockholm sagte der österreichische Schriftsteller bei der Preisverleihung und dem anschließenden Galabankett so gut wie nichts, und auch die Proteste gegen seine Auszeichnungen waren leiser als befürchtet ausgefallen; gerade einmal vierhundert Menschen versammelten sich zu einer Demonstration, und das auch noch weit entfernt vom Konzerthaus, wo nachmittags die Preisvergabe stattfand, und dem Rathaus als Ort des abendlichen Banketts.

Dagegen saß der Berichterstatter für die F.A.Z. genau gegenüber vom schwedischen König. Allerdings etwa zehn Meter höher, auf dem zweiten Balkon des Konzerthauses, und wenn man ehrlich sein soll, ging der Blick nur dann direkt auf Carl XVI. Gustaf, wenn man sich nach rechts neigte, um an einer Säule vorbeizuschielen. Von diesen Stützen gibt es insgesamt achtzehn im Konzerthaus und dementsprechend ebenso viele Plätze mit radikal eingeschränktem Blick.

Wim Wenders zu Gast in Stockholm

Nun glaube aber niemand, die durch den weltweiten Streit um Handkes Auszeichnung gebeutelte Nobelpreisstiftung habe aus Rache jeweils nur Journalisten hinter den Säulen plaziert. Hinter einer anderen saß etwa Wim Wenders, zu Gast in Stockholm, weil er das Drehbuch zu einem seiner schönsten Filme, „Der Himmel über Berlin“, Peter Handke verdankt. Die entsprechende Sympathie für den Preisträger nutzte Wenders bei der Platzvergabe nichts. Als Filmregisseur machte er indes das Beste daraus und drehte sofort ein Handy-Video von seinem Platz: erst scheinbar freier Blick auf die Bühne, aber dann ein kleiner Schwenk rückwärts, und schon war nur noch Säule im Bild. Als Wenders seine Dokumentation vorführte, war der Trost groß.

Die Preisverleihung ist eine minutiös geplante und dennoch eher zähe Veranstaltung, weil alles über eineinviertel Stunden hinweg immer gleich abläuft: Ein Laudator aus den jeweiligen Nobelpreiskomitees für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Wirtschaft tritt auf und spricht fünf Minuten lang über die Leistungen der in seiner Sparte Ausgezeichneten. Da es diesmal zwei Literaturpreisträger gab, Olga Tokarczuk für das Jahr 2018 und Handke für 2019, kamen aus der Schwedischen Akademie gleich zwei Mitglieder zu Wort. Das wirkte etwas seltsam, weil in allen anderen Sparten jeweils drei Personen geehrt wurden, die aber dennoch nur je eine gemeinsame Rede bekamen, weil ihre Leistungen sich ergänzten. Tokarczuk und Handke dagegen verbindet bis auf ihre literarische Qualität nichts, also wurden sie auch einzeln gewürdigt.

Nach jeder solchen Begründung treten die Preisträger einzeln vor und bekommen vom König Urkunde und Nobelpreismedaille überreicht. Kurzes Händeschütteln, dann Verbeugung vor dem König, zur rückwärtigen Bühne hin, wo die Auswahlkomitees sitzen, dann noch einmal ein Diener zum Publikum, Applaus der Anwesenden, und das war’s. Pro Disziplin braucht man dazu keine zehn Minuten, auf die 75 Minuten Gesamtdauer kommt man durch Musik, darunter zu Beginn die schwedische Königs- und zum Abschluss die Nationalhymne – jeweils von den Musikern des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm im Stehen vorgetragen.

Das Publikum steht dabei natürlich ebenfalls. Und es steht auch immer dann, wenn der König sich erhebt, um einen Laureaten zu ehren. Das hält beweglich, was sich als besonderer Vorteil erwies, weil der kurze Weg zu den draußen bereitstehenden Bussen ein Balanceakt auf vereistem Boden wurde. Die Herren in ihren Fräcken glichen mit ihrem tastenden Gang einer großen Pinguinkolonne, und auch die Gleichgewichtsbemühungen beim Ausgleiten hatten etwas vom hilflosen Flügelschlag dieser Tierart. Apropos Frack: Als der Nachbar von der Nachrichtenagentur Austria Press im Publikum einige männliche Besucher in stinknormalem Anzug erspähte, beklagte er sich bitter über die Nachlässigkeit des Einlasspersonals. Wozu miete man denn teuer einen Frack, wenn man auch ohne hineingekommen wäre?

Den größten Teil des Abends wird serviert und gegessen

Von den knapp 1800 Gästen im Konzerthaus passen immerhin 1200 in die Blaue Halle des Stockholmer Rathauses zum Galabankett. Nicht ganz unüberraschend findet sich der eigene Sitzplatz in der äußersten Ecke, an Tisch 54 – einer Art Katzentisch für Journalisten, wie man meinen möchte, aber die Tür gleich nebenan führt zu einem Medienraum, der von den schwedischen Kollegen eifrig genutzt wird, um während der vierstündigen Dauer des Banketts immer wieder Zwischenstände dieses gesellschaftlichen Ereignisses abzugeben. Das Nobelpreisbankett hat einen fixen Platz im schwedischen Festtagskalender: Es wird live im Fernsehen übertragen, und die Zuschauer veranstalten nicht selten vor den Bildschirmen Parallel-Essen. Das ist aber wohl auch nötig, um den häufigen Leerlauf zu überbrücken, der zwischen dem Einmarsch von Königsfamilie und Ehrengästen um 19 Uhr und deren Ausmarsch gegen 23 Uhr entsteht. Es gibt zwar zwischendurch einige musikalische Darbietungen und kurze Ansprachen der neuen Nobelpreisträger, aber den größten Teil des Abends wird serviert und gegessen – beides wenig telegene Vorgänge. Umso wichtiger sind aktuelle Beobachtungen der anwesenden Berichterstatter zu Speisenfolge, Abendroben und Paarkonstellationen.

Solche Beobachtungen sind aber schwer zu machen, denn im Saal frei bewegen darf man sich erst nach dem Auszug der Prominenz. Dann verlagert sich rasch alles eine Etage höher in den Goldenen Saal, wo getanzt wird, und in die Prinzengalerie, wo später ein Mitternachtssnack gereicht wird. Alles sehr unübersichtlich, weil es eben 1200 Menschen sind. Aber hier wenigstens die Speisenfolge des gar nicht so besonders noblen Nobel-Banketts, an dem teilzunehmen den Preis eines Menüs in einem Drei-Sterne-Lokal erfordert: Kalixrogen auf einem Gurkenbett mit Kohlrabimarinade, Dillcreme und Meerrettichsauce; mit Totentrompeten gefüllte Ente nebst Kartoffeln mit karamellisiertem Knoblauch, Roter Beete, Kohl, Shiitake-Pilzen und gegrillten Zwiebeln; zum Abschluss Himbeer- und Schokoladenmousse sowie Himbeercreme und -sorbet. Dazu eine Weinbegleitung, wobei ausgerechnet das Getränk zum Dessert, ein Grüner-Veltliner-Eiswein, nur in homöopathischer Dosierung aus- und nicht mehr nicht nachgeschenkt wurde. Ein Gast am Tisch hatte aber eh Skrupel, ihn zu trinken, weil er im Herkunftsland Österreich eine Hommage an Peter Handke vermutete. Das war der letzte Protest gegen dessen Auszeichnung in dieser Nacht. Die Demonstration in der Innenstadt hatte sich da längst zerstreut.

Quelle: FAZ.NET
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot