„Der Nagel im Kopf“

Ich-Entfesselung

Von Andreas Platthaus
21.01.2022
, 23:25
Szene aus Gillo Pontecorvos „Kapò“, gedreht 1959
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Paul Nizons neuer Band mit Journal-Einträgen aus den Jahren 2011 bis 2020 ist das Dokument eines erst scheiternden und nun geretteten Lebensstoffs.
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­Paul Nizon ist vor Kurzem zweiundneunzig geworden, doch sein Beschreibungsbedürfnis ist ungebrochen. Es ist das ­Lebenselixier des in Paris lebenden Schweizers, und als sein Hausarzt ihm vor zehn Jahren riet, dem „Schreibleistungsprinzip“ doch einmal zu ent­sagen und nichts zu tun, „wenn möglich Urlaub nehmen“, da notierte Nizon in seinem permanent geführten Journal einigermaßen fassungslos: „Urlaub von mir?“ Mehr als jeder andere lebende Großschriftsteller – und bei ihm ist diese anachronistisch gewordene Bezeichnung noch angebracht – lebt Nizon vom Schreiben. Nein, das klingt zu finanziell. Er lebt fürs Schreiben.

Seine Bücher waren schon Autofiktionen, als noch niemand diesen Begriff verwendete. Der Debütroman „Canto“, 1963 erschienen und vor zwei Jahren neu aufgelegt, hat das Stipendienjahr 1960 des damaligen Kunstkritikers in Rom zur Grundlage und erzählt in kaum verbrämter Offenheit das Privatleben seines Autors neu, vor allem seine Faszination für Frauen. Das mag banal klingen, doch Nizon verfügt dabei über ein psychologisches Einfühlungsvermögen, das keine Rücksichten auf sich selbst nimmt. Analog zu einer seiner typisch-markanten Begriffsprägungen, die einen Hauptreiz der Lektüre seiner Bücher ausmachen, der „Ich-Verfesselung“ im Moment einer Schreibblockade, müsste man von dem Moment an, als Nizon das freie Schreiben aufnahm – seinen Posten als Feuilletonredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“ kündigte er mit Beginn der Arbeit an „Canto“ –, von Ich-Entfesselung sprechen.

Im jüngsten Vierteljahrhundert seines Schaffens sind denn auch konsequent die von ihm so genannten „Journale“ in den Mittelpunkt getreten. Der erste Journalband, „Die Innenseite des Mantels“ mit Einträgen aus den Achtzigerjahren, war schon 1995 erschienen, 2002 folgte dann der mit den frühesten Notaten, einsetzend 1961, also mit Beginn der Existenz als freier Schriftsteller, und schon 2004 legte Nizon jenen nach, der den Titel trug, der über allen seinen Büchern stehen könnte: „Das Drehbuch der Liebe“ (die darin enthaltenen Einträge entstammten den Siebzigern, als Nizon an seinem berühmtesten Roman, „Das Jahr der Liebe“, schrieb, aber dessen Titel ist eine Zuspitzung, während Nizon seine ganze Lebenszeit als Liebesjahre begreift). Die Journale schienen die Aufmerksamkeit ihres Verfassers zu bannen: 2005 erschien als bislang letzter Roman „Das Fell der Forelle“. Seitdem ist der Romancier neben dem „Journalisten“ verstummt, aber natürlich schrieb Nizon in beiden Funktionen weiter. Vor mittlerweile fünfzehn Jahren wurde ein neues Romanprojekt begonnen: „Der Nagel im Kopf“.

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Keimzelle fürs Lebensthema

Doch so heißt jetzt der neueste Journalband, der Notate aus den Jahren 2011 bis 2020 zum Gegenstand hat, der – so wäre man versucht zu sagen – Inkubationszeit des Romans. Und auch ein Dokumentarfilm über Nizon, der 2020 in die Schweizer Kinos gelangte, trägt diesen Namen. Es spricht also nicht mehr viel dafür, dass der Roman vollendet wird, denn der Titel ist ja nun verbraucht.

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Im Journal gibt es aber einen längeren Auszug zu lesen, entstanden 2016, der die Keimzelle des Romangeschehens be­schreibt: die Begegnung des jungen Nizon mit einer Römerin namens Maria, als er 1960 nach einer Vorstellung von Gillo Pontecorvos Spielfilm „Kapò“ aus dem Kino auf die Straße trat. Die sich daraus entwickelnde kurze Affäre war schon Thema in „Canto“, aber mit dieser von Nizon als Urszene seiner literarischen Verbindung von Kunst und Leben, Schrecken und Liebe verstandenen Begegnung war er damals noch nicht fertiggeworden. „Kapò“ ist ein Film über das Sterben einer jungen französischen Jüdin im Konzentrationslager und deren aus Überlebenswillen begonnene Liebesbeziehung zu einem deutschen Aufseher – keine Kolportage, sondern ein Werk, das 1961 für den Oscar nominiert werden sollte und zum Zeitpunkt seiner Ver­öffentlichung eine Sensation, weil die Schoah als Kinothema noch für undenkbar galt. Alain Resnais’ erschütternder Film „Nacht und Nebel“ war zwar bereits 1956 herausgekommen, doch das war eine Dokumentation, und der Regisseur hatte nicht geglaubt, dem Publikum mehr als eine halbe Stunde solcher Bilder zumuten zu können.

Verzweifeln am Unbezweifelbaren

„Kapò“ dauert zwei Stunden, und Nizon, als Schweizer kein Angehöriger des Tätervolks, doch über die Sprache eng mit ihm verbunden, war während der Vorstellung durch die Intensität der eigenen Gefühle wie vor den Kopf geschlagen. Natürlich fand er das bessere Sprachbild dafür, und es steht gleich am Beginn des im neuen Journalband wiedergegebenen Romanauszugs: „Ich möchte nicht übertreiben, aber das Entsetzen hat sich mir eingebrannt. Es ist in mir steckengeblieben wie ein Nagel im Kopf.“

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Diese drastische Formulierung wurde paradoxerweise zum Rettungsanker der Geschichte – zunächst als sie 2007 den schon länger geplanten Titel „Salve Maria“ ablöste und das konkrete Schreiben begann, und dann als sie nun aufs Journal der Jahre 2011 bis 2020 überging und damit wohl das konkrete Schreiben beendete. Es handelt sich offenbar um ein literarisches Projekt, das zu groß ist selbst für einen Großschriftsteller, um eines jener Vorhaben, wie sie Thomas von Steinaecker in seinem gerade erschienenen Sachbuch „Ende offen“ über am eigenen Anspruch gescheiterte Kunstwerke zusammengestellt hat und wunderbar beschreibt (F.A.Z. vom 22. Dezember). Nizons Roman „Der Nagel im Kopf“ hätte das Zeug zu einem Ehrenplatz in dieser Liste, aber erst die jetzt erschienenen Notate lassen das ganze Ausmaß der persönlichen Anteilnahme erkennen. Und retten damit die Geschichte, auch wenn sie nicht mehr zur Vollendung gelangen sollte.

Was das Journal „Der Nagel im Kopf“ neben diesem faszinierenden Einblick ins vermehrt verzweifelnde Schreiben an einem für seinen Autor unbezweifelbaren Stoff bietet, ist eine unheimliche Annäherung. Nicht an den privaten Nizon; den hatte man ja immer als Leser im Nacken. Sondern eine zeitliche Annäherung. Die Journalbände versammeln jeweils Notate in Zehnjahresschritten und kamen der Gegenwart der Schriftstellers entsprechend immer näher. Jetzt sind wir mit dem jüngsten publizierten Eintrag am 29. August 2020 angekommen. Nizon war damals neunzig, und er beschließt den neuen Band mit einer Frage, die das fassungslose Erstaunen beim anfänglich ge­schilderten Arztbesuch noch einmal aufnimmt. Nur dass nun nicht mehr über die Zumutung des medizinischen Rats gestaunt wird, sondern über die Zumutung der eigenen Abhängigkeit vom Schreiben: „Es ist an der Zeit, dass ich mich wieder – und wenn auch nur lektorierenderweise – an meine Texte mache; wie halte ich es bloß ohne Produzieren aus?“ Und das provoziert die Frage: Wie hielten wir es nur ohne ihn aus?

Paul Nizon: „Der Nagel im Kopf“. Journal 2011–2020. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 264 S., geb., 26,– €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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