Rezension: Sachbuch

Als Küng mit dem Alfa durch Tübingen brauste

15.04.2002
, 12:00
Wie weit kann die Welt nach unten hin aufgelöst werden, fragt nicht Joseph Ratzinger, sondern Ernst Bloch im "Logos der Materie". Die kritisch gemeinte Antwort: man könne so lange auflösen, bis in der allgemeinen Nacht alle Katzen grau werden. Ja, bis überhaupt keine Katzen mehr übrigbleiben, indem ...

Wie weit kann die Welt nach unten hin aufgelöst werden, fragt nicht Joseph Ratzinger, sondern Ernst Bloch im "Logos der Materie". Die kritisch gemeinte Antwort: man könne so lange auflösen, bis in der allgemeinen Nacht alle Katzen grau werden. Ja, bis überhaupt keine Katzen mehr übrigbleiben, indem alles Leben dem Erdboden gleichgemacht wird und der Erdboden selber, als subatomares Gefüge, weder Erde noch Boden bleibt. Ob es da nicht folgerichtig ist, wenn Spencer zwischen dem Zusammenwirbeln eines Haufens Staub und der Entstehung der Arten keinen Unterschied der "Entwicklung" sehe, fragt Bloch. Denn Entwicklung sei hier bloße "Integration" qualitätsloser Teile. Ein Mechanist sei eben notwendig "wertfrei", seine Art Konditionalismus mache ihn gegen Nacht- und Lichtgestalt gleichermaßen neutral.

Hätten sich Bloch und Ratzinger in Tübingen, wo beide Ende der sechziger Jahre lehrten, nur öfter einmal zusammengesetzt und miteinander über Katzen geplaudert - sie hätten, selbst wenn es nicht gleich zu einer Männerfreundschaft gekommen wäre, manch einen gemeinsamen Ansatzpunkt für die Frage nach der richtigen Analyse der Welt entdeckt, und die katholische Kirche hätte, zumal in der Gestalt ihrer römischen Glaubenskongregation, seit den siebziger Jahren womöglich noch einmal eine ganz andere Ausprägung genommen. Denn wäre Bloch für Ratzinger damals in Tübingen nicht jenes Trauma geworden, das dieser als "Antlitz der atheistischen Frömmigkeit" de facto für ihn wurde - wer weiß, ob Ratzinger nicht als Gelehrter in Tübingen geblieben wäre, statt, vom Dauerkonflikt mit den Revoluzzern entnervt, ins ruhigere Regensburg zu wechseln und von dort aus über München den Weg nach Rom zu nehmen?

Der Biograph John L. Allen legt diese Frage nahe, wie Ratzinger selbst sie schon vor Jahren in seinen Erinnerungen "Aus meinem Leben" (DVA, Stuttgart 1998) anzudeuten schien. Hatten in Tübingen bis dahin Bultmanns Theologie und Heideggers Philosophie den Rahmen des Denkens bestimmt, "so brach das existentialistische Schema fest über Nacht zusammen und wurde durch das marxistische ersetzt", schreibt Ratzinger. "Ernst Bloch lehrte nun in Tübingen und machte Heidegger als einen kleinen Bourgeois verächtlich." Jahre zuvor hätte man erwarten dürfen, "die Theologischen Fakultäten würden ein Bollwerk gegen die marxistische Versuchung bedeuten. Nun war das Gegenteil der Fall: Sie wurden zum eigentlichen ideologischen Zentrum." In seinem Tübinger Kampf gegen die "existentialistische Reduktion" des Christentums hatte Ratzinger nach eigenem Bekunden zunächst "sogar Gegengewichte vom marxistischen Denken her gesetzt, das ja von seiner jüdisch-messianischen Wurzel her durchaus auch biblische Motive verwahrt". Aber die Zerstörung der Theologie, die nun durch ihre Politisierung im Sinn des marxistischen Messianismus vor sich ging, sei ungleich radikaler gewesen, "gerade weil sie auf der biblischen Hoffnung basierte und sie nun dadurch verkehrte, daß die religiöse Inbrunst beibehalten, aber Gott ausgeschaltet und durch das politische Handeln des Menschen ersetzt wurde".

Allen nimmt diese Erfahrung Ratzingers mit einiger Plausibiltät als eine Art Initiationserlebnis auf dem Weg zum defensor fidei, zur Frontstellung, zum kontroversen Ton. Zumindest dürfte es die Leidenschaft erklären, mit der Ratzinger in den Folgejahren die marxistisch inspirierte Befreiungstheologie trockenlegte. Etwas angestrengt wirkt dagegen Allens Ehrgeiz, "die Kluft zwischen Ratzinger vor und nach dem Konzil" zu dokumentieren. Zwar gelingt es ihm, "diese Dynamik des Vorher und Nachher" anhand der unterschiedlichen Studentenkreise zu illustrieren, die Ratzinger aufgebaut hatte und von denen der eine auf seine frühen Jahre in Bonn, Münster und Tübingen datiert, der andere auf seine späteren Jahre in Regensburg. "In den meisten Fragen ist die spätere Gruppe mit der früheren theologisch uneins", eine These, die Allen anhand "fünf von Ratzingers Schützlingen" veranschaulicht: Hansjürgen Verweyen, Werner Böckenförde, Vincent Twomey, Joseph Fessio und Christoph Schönborn.

Weniger sorgfältig fällt der Nachweis aus, wenn Allen versucht, anhand einer Auswahl von Ratzingers vierzig Büchern, die er als Autor oder Mitautor verfaßte, den Wandel dingfest zu machen. Daß die Kunst der Paraphrase danebengehen kann, zeigt insbesondere Allens Bezugnahme auf Ratzingers bekanntestes Werk, die immer wieder aufgelegte, seit seinem Erscheinen Ende der sechziger Jahre in siebzehn Sprachen übersetzte "Einführung in das Christentum". "Er (Ratzinger) sagt, das Primat des Bischofs von Rom zähle nicht unter die Hauptbestandteile der Kirche, und gleichfalls, daß eine episkopale Struktur nicht nötig sei; das sei nur ein Mittel zum Zweck." Was für ein Erzliberaling von geradezu Rendtorffschen Dimensionen mochte Ratzinger in seinen wilden Jahren tatsächlich gewesen sein, sogar Papst und Bischöfe waren ihm also einmal wurscht, schlußfolgert der erstaunte Leser.

In Ratzingers Buch jedoch liest sich der von Allen verkürzte Passus, der hier nun notwendigerweise vollständig zitiert werden soll, wie folgt: In dem Wort "katholisch" ist, so Ratzinger, "die bischöfliche Struktur der Kirche und die Notwendigkeit aller Bischöfe untereinander ausgedrückt; eine Anspielung auf die Kristallisierung dieser Einheit im Bischofssitz von Rom enthält das Symbolum nicht. Es wäre zweifellos verfehlt, daraus zu schließen, daß ein solcher Orientierungspunkt der Einheit nur eine sekundäre Entwicklung sei. In Rom, wo unser Symbolum entstanden ist, ist dieser Gedanke alsbald schon als Selbstverständlichkeit mitgedacht worden. Richtig ist aber, daß diese Aussage nicht zu den primären Elementen des Kirchenbegriffs zu zählen ist, schon gar nicht als sein eigentlicher Konstruktionspunkt gelten kann. Als die Grundelemente der Kirche erscheinen vielmehr Vergebung, Bekehrung, Buße, eucharistische Gemeinschaft und von ihr her Pluralität und Einheit: Pluralität der Ortskirchen, die aber doch nur Kirche bleiben durch die Einfügung in den Organismus der einen Kirche. Als Inhalt der Einheit haben zunächst Wort und Sakrament zu gelten - die Kirche ist eins durch das eine Wort und das eine Brot. Die bischöfliche Verfassung scheint im Hintergrund als ein Mittel dieser Einheit auf. Sie ist nicht um ihrer selbst willen da, sondern gehört der Ordnung der Mittel zu; ihre Stellung ist durch das Wörtchen um-zu zu umschreiben: Sie dient der Verwirklichung der Einheit der Ortskirchen in sich und unter sich. Noch einmal ein nächstes Stadium in der Ordnung der Mittel beschriebe dann der Dienst des Bischofs von Rom." Erst wenn man die Originalstelle komplett betrachtet, kann man deren Paraphrase als entstellend erkennen. So arbeitet Allen leider häufiger.

Ratzinger selbst bestreitet seine theologische Entwicklung natürlich nicht, setzt die Zäsur allerdings weniger schematisch und früher als Allen an. In seinen Erinnerungen verweist er auf seine ersten "Warnsignale" vor zuviel "Welt"-Getue schon in seiner Münsteraner Zeit und erwähnt eine Rede auf dem Bamberger Katholikentag 1966, bei der Kardinal Döpfner bereits "konservative Streifen" festgestellt habe. Ein Entlastungszeugnis gegenüber Hans Küng? In der gemeinsamen Tübinger Zeit hatte dieser ein gutes Verhältnis zu Ratzinger. Später freilich verdächtigte Küng dessen Richtungsänderung als Machtgier (seinerzeit glaubte Küng noch an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel und brauste mit einem Alfa Romeo durch die Stadt, während Ratzinger mit dem Fahrrad hinterherfuhr, fand Allen heraus).

Das Buch empfiehlt sich vor allem wegen seines Materialreichtums, in seinem analytischen Anspruch bleibt es eher flächig (liberal und konservativ sind als Hauptkategorien der Analyse schnell verbraucht). Man erfährt Einzelheiten von den Raufereien um die "pluralistische Theologie" und um die "inklusive Sprache" in Lehrdokumenten (ist Gott männlich oder weiblich?); hört, daß Ratzinger gegen zu viele Heiligsprechungen ist (Dissens mit dem Papst!); studiert Ratzingers Rolle im Zweiten Vaticanum, seine Ansichten zur Seele, zur Musik, zu Luther; entziffert die Anatomie der Kontroverse mit Metz und Küng und - prophetisch? - mit den amerikanischen Bischöfen wegen der Sex-Doktrin; man bekommt das immer noch bestehende Defizit von vatikanischen Verfahrensregeln vor Augen geführt sowie Mutmaßungen über die Ausrichtung des nächsten Pontifikats und nimmt zur Kenntnis, daß es bei all dem um "die Wahrheit" geht.

Und man staunt, daß "die Wahrheit" sich nicht nur in den Stall von Bethlehem begeben haben soll, sondern sich offenbar auch nicht zu schade ist, zwischen die Mühlräder der Bürokratie Roms zu geraten. Und man wundert sich, wie weit die Welt nach oben hin aufgelöst werden kann in einer Zeit, in der es so aussieht, als sei es dafür eigentlich schon zu spät.

CHRISTIAN GEYER.

John L. Allen: "Kardinal Ratzinger". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hubert Pfau. Patmos Verlag, Düsseldorf 2002. 340 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2002, Nr. 87 / Seite 48
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