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Rezension: Sachbuch

Ein begabter Mensch kommt hinter alles

Aktualisiert am 29.05.1998
 - 12:00
Freiheit ist Fortschritt im Reichtum der Erfahrungen: John Dewey folgte den Spuren Hegels

Das Kind, das einen unbekannten Gegenstand aufhebt, ihn betastet, ihn in den Mund steckt, darauf beißt, ihn drückt, ihn zu zerlegen versucht, ist das Urbild von John Deweys Pragmatismus. Die wissenschaftliche Welterkundung unterscheidet sich von der kindlichen durch reflektierte Methodizität. Auch die Wissenschaft jedoch bringt ihre Gegenstände in bestimmte Situationen, um Veränderungen zu beobachten. Allem Wissen liegt ein Tun zugrunde, Denken ist Handeln, entlastet von realen Konsequenzen, Probehandeln. Learning by doing lautet der einzige Spruch, mit dem Dewey im deutschen Allgemeinbewußtsein präsent ist. Die Substanzbegriffe müssen durch Funktionsbegriffe ersetzt werden, so hat das Cassirer philosophisch konventioneller und in der Durchführung erheblich unschärfer ausgedrückt.

Die Pragmatisten werden jetzt weiträumiger gelesen, mit einiger Verspätung, zu der die Vorstellung beigetragen haben mag, daß Amerikaner nicht denken können, weshalb sie ja auch Pragmatisten geworden sind. Peirce interessiert als Zeichentheoretiker, Mead als Sozialphilosoph, James als Pluralist und Perspektivist und am spätesten von allen, propagiert durch Joas, popularisiert von Rorty, Dewey als Handlungs- und Wissenschaftstheoretiker. Der Umgang mit den Pragmatisten ist pragmatisch. Das ist teils ganz in Ordnung, teils wiederholt es die Ausgrenzung der amerikanischen Philosophie aus der europäischen Tradition und damit aus der Metaphysik und den Antworten auf sie. Dabei haben Dewey und Mead nicht nur emsig Platon und Hegel studiert, sie standen auch in genauer Auseinandersetzung zumal mit Bergson, dem großen Unbekannten einer germanozentrischen Philosophiegeschichtsschreibung. Dieses lebensphilosophische Moment des Pragmatismus geht einer unhistorischen, antiphilologischen Lektüre verloren. Dabei hätte alles so viel einfacher laufen können, hätte sich die Metaphysikkritik Heideggers oder der Kritischen Theorie nicht an Nietzsche oder Bergson mit ihren ungelösten Dualismen gehalten, sondern an den pragmatistischen Gegenentwurf. Und viel Mühe könnte noch heute denen erspart werden, die die Bestimmungen des Daseins als In-der-Welt-Sein aus "Sein und Zeit" herausklauben, anstatt sie da aufzusuchen, wo sie in leuchtender Klarheit ausgebreitet werden.

"Die Suche nach Gewißheit" ist, mehr als eine Begründung experimenteller Wissenschaft, eine Kritik der philosophischen Tradition um ihrer sozialen Folgen willen, Ideologiekritik. Sie stellt gewissermaßen die Frage, wie aus dem alles in den Mund steckenden Säugling der Fachmensch ohne Geist und der Genußmensch ohne Herz wird. Am Anfang steht ein Priesterbetrug. (Das Historische ist nicht Deweys Stärke.) Die Priester und ihre wissenschaftlichen Erben aber haben den Massen nur einreden können, das in höherem Maße Wissenswerte zu besitzen, weil dem Vorrang der vita contemplativa vor dem Herstellen und Handeln eine anthropologische Plausibilität zukommt. Das Wesen der Dinge ist unveränderlich, das Wissen dieses Wesens habbar. "Praktische Tätigkeit dagegen hat es mit individuellen und einzigartigen Situationen zu tun, die niemals exakt wiederholbar sind und hinsichtlich deren keine vollständige Sicherheit möglich ist." Die Welt des wahren Seins hat ein Refugium vor den Unbillen der zu bloßem Schein depotenzierten Welt des Werdens. Diese Suche nach Gewißheit jedoch wird angesichts der Möglichkeiten moderner Technik - des Stands der Produktivkräfte - zur Hemmnis gesellschaftlichen Fortschritts.

Mit der Bestimmung der Wahrheit des geschauten Wesens wird das Sollen radikal vom Sein getrennt. Sittliche und ästhetische Werte haben in Technik und Wissenschaft nichts mehr zu suchen. Erst daraus, nicht aus dem Wesen des Technischen oder der instrumentellen Vernunft folgen die unkontrollierte Erforschung und Herstellung von allem, was sich erforschen und verkaufen läßt. Erst daraus folgen die ästhetisch minderwertigen Gebrauchsgüter, deren Kritik den zur Zeit der Arts & Crafts-Bewegung großgewordenen Dewey besonders interessiert.

Und auf der nicht weniger häßlichen Rückseite der Loslösung der Wissenschaft von praktischen Fragen steht ein hedonistischer Utilitarismus, seinerseits ein Erbe der Reduktion ethischer Fragen auf die Moral und der Moral auf die Gesinnung. Wo das Wissen zur reinen Wahrheit wird, wird der Mensch zum reinen Sinnenwesen. "Die Idee, daß der wirkliche Gegenstand allen intelligenten Verhaltens die stetige und immer weiter fortschreitende Einrichtung all der Dinge ist, die das Leben in menschlichen Beziehungen lebenswert machen, wird auf Behaglichkeit, Reichtum, polizeiliche Ordnung, Gesundheit eingeschränkt, Dinge, die isoliert von anderen Gütern nur einen beschränkten Wert beanspruchen können."

Deweys Pragmatismus ist, wie das im lebensphilosophischen Kontext nicht erstaunen kann, im Kern eine Theorie der Verdinglichung beziehungsweise Entfremdung. Nur ist hier nicht der Geist ein unversöhnlicher Widersacher der Seele, verstellt der Begriff nicht identifizierend das Nichtidentische, ist das Denken des Vorhandenen nicht seinsvergessen. In der praktischen Erfahrung sind von Anfang an Subjekt und Objekt vermittelt. Und der Sinn der Welt konstituiert sich als ein Reichtum von Beziehungen. Erst wo Wissenschaft, Technik und Politik sich als Bereich für das objektiv Wahre und Gute institutionalisieren - eine Monopolisierung, hinter der meist "private oder Klasseninteressen" stehen -, verarmt komplementär die lebensweltliche Erfahrung zu Reiz-Reaktions-Schemata. Die Urteilskraft, die bei Dewey noch hübsch altmodisch Geschmack heißt ("die einzige Sache, über die zu streiten lohnt"), verkümmert. Die Menschen nehmen die natürliche und soziale Wirklichkeit nicht mehr als Raum der Gestaltung.

Die Menschen zum Selbstbewußtsein ihrer Freiheit zu bringen, darin liegt für Dewey die kritische Aufgabe der Philosophie, und ebendarin zeigt Dewey sich als Hegelianer. Wenn er zugleich diese Freiheit lebensphilosophisch als Fortschritt im Reichtum der Erfahrungen deutet, enthüpft er leichtfüßig all den eschatologischen Fallen, in die Marx, Heidegger oder Adorno mit ihren Adaptionen der Hegelschen Geschichtsphilosophie gerieten. Und wenn er Erfahrung als Teil der Natur beschreibt, eine "Naturalisierung der Intelligenz" anstrebt, reformiert er materialistisch (auch Mead gibt eine materialistische Theorie des Subjekts), was wohl schon bei Hegel zu Unrecht als Idealismus angesehen wird.

"Die Suche nach Gewißheit", Gifford-Lectures aus dem Jahre 1929, gibt wohl den besten Einstieg in Deweys Denken. Mit "Kunst als Erfahrung" und Erfahrung und Natur" liegen die ästhetischen und naturphilosophischen Hauptwerke vor. "Erziehung und Demokratie", Deweys Ethik, war als einziges Werk immer schon erhältlich. Hoffentlich schreckt Suhrkamp jetzt nicht vor der "Logik", dem opus summum, zurück. Zumal in Martin Suhr ein Übersetzer zur Verfügung steht, der als Verfasser einer vorzüglichen Einführung in Dewey, überdies gleichermaßen zu Hause bei Platon und Hegel, die terminologischen Probleme angemessen lösen kann. Doch auch Suhrkamp sucht Sicherheit vor den Unwägbarkeiten des Handelns. Trotz des hohen Preises reicht es nicht einmal für eine editorische Notiz. GUSTAV FALKE

John Dewey: "Die Suche nach Gewißheit". Eine Untersuchung des Verhältnisses von Erkenntnis und Handeln. Aus dem Amerikanischen von Martin Suhr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. 300 S., geb., 68,- DM.

Die Suche nach Gewißheit

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.1998, Nr. 123 / Seite 15
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