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Rezension: Sachbuch

Justizmord nahe Neu-Jerusalem

Aktualisiert am 02.06.1998
 - 12:00
Wer war Joseph Süß? H. G. Haasis erzählt das Leben des Finanzberaters und angeblichen Hochverräters

Kurz nach der Hinrichtung Joseph Süß Oppenheimers am eigens für ihn errichteten Spitzgalgen am 4. Februar 1738 wurden dem wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilten Finanzberater von Herzog Carl Alexander in einem zeitgenössischen Pamphlet die Worte in den Mund gelegt: "Es wird so voller Scartequen (Scharteken) von meiner Persohn in der Welt herum fliegen, daß man zuletzt nicht wissen wird, wer ich gewesen."

Wie Barbara Gerbers Studie über Antisemitismus- und historische Rezeptionsforschung gezeigt hat, ist die Literatur über "Jud Süß" fast unüberschaubar und sehr facettenreich. Nun liegt eine neue Biographie von Hellmut G. Haasis vor (die - nebenbei - die obengenannte Arbeit nicht mit einem Wort erwähnt). Der Verfasser, ein Publizist und Historiker, verzichtet ganz bewußt "auf Schubladen einer theoriefixierten Geschichtsdarstellung" und will statt dessen einfach "aus den Quellen" erzählen. Sancta simplicitas - wenn Geschichtsschreibung mehr als hundertfünfzig Jahre nach Ranke nur so einfach wäre!

Die Prozeßakten, die kein gutes Licht auf die württembergische Justiz in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts werfen, sind seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zugänglich gewesen, wovon nicht zuletzt die bekannte und in vielerlei Hinsicht immer noch unübertroffene Süß-Biographie von Selma Stern zeugt. Allerdings hat niemand zuvor die mehr als hundert Aktenbände im Württembergischen Hauptstaatsarchiv so akribisch gelesen wie Haasis. So ist es ihm zumindest gelungen, mit dieser ansonsten nicht gerade historiographisches Neuland betretenden Darstellung der bruchstückhaften Biographie einer der schillerndsten Persönlichkeiten des frühen achtzehnten Jahrhunderts einige weitere Mosaiksteinchen hinzuzufügen.

Das gilt insbesondere für die Zeit der Kindheit und Jugend des späteren Hoffaktors und Finanzgenies, über die wir bislang nur wenig wußten oder widersprüchliche Angaben hatten. Haasis kann anhand der Akten nachweisen, daß Joseph Süß mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit 1698 (und nicht, wie häufig zu lesen, 1692) in Heidelberg geboren wurde. Er sammelte seine ersten Erfahrungen als Geschäftsmann nicht in Amsterdam, Prag oder Wien, sondern ausschließlich in Mannheim, das man wegen seiner bedeutenden jüdischen Gemeinde damals "Neu-Jerusalem" nannte. Joseph Süß war auch nicht, wie antisemitische Rufschänder später behaupteten, das uneheliche Kind des Kommandanten der Fränkischen Kreistruppen, des Freiherrn von Heddersdorf.

Wie sein leiblicher Vater Isachar Süß Oppenheimer zu Heidelberg betrieb der junge Joseph Süß einen schwunghaften Handel; schon früh baute er ein weitgespanntes Netz von Geschäftsbeziehungen auf. Sowohl in Mannheim als auch in Frankfurt am Main, dem "Gold- und Silberloch" (Luther) des deutschen Reiches, unterhielt er Büros; er leistete sich an diesen Orten eine aufwendige Haushaltung. Dank guter Kontakte und seiner Risikobereitschaft wurde er 1723 Pächter des Stempelpapiers, das die kurpfälzischen Untertanen für Schriftwechsel mit Behörden verwenden und natürlich bezahlen mußten.

Der entscheidende Wendepunkt in seiner Karriere war die Begegnung mit Prinz Carl Alexander, dem späteren, zum Leidwesen seiner Untertanen sich autokratisch gebenden und zu allem Unglück auch noch katholischen Herzog im protestantischen Württemberg. Nach dessen Regierungsantritt wurde Süß zu einem der einflußreichsten Männer im "Ländle". Zunächst Verwalter der herzoglichen Schatulle, wurde der frühere württembergische "Agent" in Frankfurt unter anderem Hof- und Heereslieferant, Münzpächter und schließlich wichtigster politischer Berater Carl Alexanders. In dieser Funktion entwickelte er immer neue Ideen und Vorschläge für die Reform des in seinen Augen verkrusteten und politisch verfilzten Staatsapparats und setzte diese gegen den Widerstand des Geheimen Rates zum Teil sogar in die Praxis um.

Diesen Machtverlust konnten die Landstände auf Dauer nicht hinnehmen. Die "ständische Restauration" (W. Grube), die gleich nach dem Tod des Herzogs im Jahre 1736 einsetzte, umschreibt Haasis mit dem irreführenden Begriff "konservative Revolte". Daß die in lutherischem Protestantismus und ständischem Denken verhaftete württembergische Elite, die sogenannte "Ehrbarkeit", hier durchweg als "Patriziat" bezeichnet wird, muß man vermutlich dem Lektorat und nicht dem Autor anlasten. Mit dem Ende der Herrschaft Carl Alexanders kam auch Joseph Süß zu Fall. Aus dem geheimen Finanzrat wurde "Jud Süß" - eine Bezeichnung, die sich als Schimpfname bereits kurz nach der Verhaftung am 12. März 1737 in den Verhörprotokollen findet.

Am 19. März nahm eine Untersuchungskommission ihre Arbeit auf. Ein Vierteljahr später wurde ein spezielles Kriminalgericht gegen Joseph Süß Oppenheimer eingesetzt. Das Todesurteil stand allerdings von Anfang an fest. Bereits ein Nachfahre Carl Alexanders, König Friedrich I. von Württemberg, fand für diesen Schauprozeß hinter verschlossenen Türen das einzig richtige Wort: "Justizmord". Spätestens seit Haasis' Auswertung aller Prozeßakten kann an dieser Einschätzung kein Zweifel mehr bestehen. ROBERT JÜTTE

Hellmut G. Haasis: "Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß". Finanzier, Freidenker, Justizopfer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1998. 477 S., geb., 48,- DM.

Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.1998, Nr. 125 / Seite 46
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