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Rezension: Sachbuch

Kleines Licht mit Schmelze

 - 12:00

"Ungern leuchten wir hinein / In die Affäre Frau von Stein", dichtete Eugen Roth, "Wo sich die Welt den Kopf zerbricht: / Hat er nun oder hat er nicht?" Um den Leser nicht erst auf die Folter zu spannen, sei hier gleich die Antwort verraten, die Jochen Klauß in seiner neuen Charlotte-von-Stein-Biographie auf die Frage von Eugen Roth gibt: Er hat nicht. Auch Nicholas Boyle kommt im ersten Band seiner soeben in deutscher Übersetzung erschienenen meisterhaften Goethe-Biographie zu keinem anderen Ergebnis.

Am kleinen Weimarer Hof, wo jeder jeden genau kannte und mit Argusaugen beobachtete, wäre es unmöglich gewesen, ein ehebrecherisches Verhältnis über längere Zeit geheimzuhalten. Doch keine Anzüglichkeit, keine pikante Anekdote machte die Runde, niemand zweifelte an der Integrität der Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein, am wenigsten deren Mann, der herzogliche Stallmeister Baron Gottlob Ernst Josias Friedrich von Stein, der seiner Frau oft selber Goethes Briefe überbrachte, seinen Sohn Fritz von ihm erziehen ließ und mit ihm auf kameradschaftlichem Fuße stand.

Wie ist es erklärbar, daß Goethe und Frau von Stein sich zehn Jahre fast täglich sahen, ohne daß das stille Feuer ihrer Liebe zu einer körperlichen Beziehung aufflammte? Der amerikanische Psychoanalytiker Kurt Eissler, Verfasser einer dickleibigen psychoanalytischen Goethe-Biographie, hat in seiner Ahnungslosigkeit, was die individual- und sozialpsychologischen Konditionen des achtzehnten Jahrhunderts betrifft, eine These aufgestellt, die der eigentlich ganz andere Wege beschreitende Jochen Klauß allzu breit referiert. Für Goethe sei der Geschlechtsverkehr mit Charlotte von Stein kein "gangbarer Weg" gewesen, meint Eissler, da er an vorzeitiger Ejakulation krankte, von der er erst in Italien genas.

Nicholas Boyle übrigens führt Eisslers verbreitete Biographie nicht einmal im Literaturverzeichnis an - keineswegs auf Kosten einer psychologischen Perspektive, die er von den eigenen Voraussetzungen des achtzehnten Jahrhunderts her entwickelt, mit noch größerer Klarheit übrigens als der mit mehr Quellenmaterial arbeitende Jochen Klauß.

In der "guten Gesellschaft" war die klare Trennung von privatem Ich und gesellschaftlichem Verhaltenscode oberste Regel. Es galt mit Goethes eigenen Worten, die "Dehors zu salvieren", was nicht selten bedeutete, das "Dedans" zu unterdrücken. Das mußte Goethe lernen, und er lernte es von Frau von Stein, die ganz in der höfischen Sphäre aufgewachsen und in den geselligen Künsten, vor allem in der französischen Konversation und im Tanz, wohlbewandert war. Sein von Charlotte in einem Brief an Johann Georg Zimmermann getadeltes Betragen - "mit Fluchen, mit pöbelhaften, niedern Ausdrücken" - oder seinen "coqueten" Umgang mit Frauen sollte er bald im Sinne des höfischen Dekorums ablegen.

Lang waren Charlotte und Goethe befreundet, bis sie ihm - 1781, als sich das Verhältnis zwischen ihnen bedeutend vertiefte - das "Du" erlaubte, das sie ihm früher verwiesen und auch später wieder verwehrt hat. Eheliche Pflichterfüllung wußte sie adliger Tradition gemäß von höherer Liebe zu trennen. Sexualität galt der Erzeugung von Nachkommenschaft, die Liebe zu Goethe hielt sie von ihr frei, ja ihr scheint das Verlangen nach körperlicher Intimität überhaupt gefehlt zu haben. Der ihr eng vertraute Knebel schrieb ihr eine "leidenschaftslose Disposition" zu, die sie freilich nicht hinderte, von Goethe immer eifersüchtiger Besitz zu ergreifen und - bis hin zu ihrem platten Schlüsseldrama "Dido" - mit wütender Erbitterung zu reagieren, als er sich schließlich durch die Flucht nach Italien ihrem Bann entzog.

Goethe fühlte sich merkwürdigerweise in verschiedenen Lebensphasen zu Frauen hingezogen, die für ihn unerreichbar waren oder die vestalinnenhaft-unerotische Züge hatten, und er neigte auch dazu - wie von Thomas Mann in "Lotte in Weimar" geschildert -, ohne sexuelle Ambitionen in fremde Verlöbnisse oder Ehen einzudringen, die ihm eine Bindung fürs Leben ersparten.

Nicholas Boyle hat im Falle der Beziehung Charlottes zu Goethe vom "Bann der Schneekönigin" gesprochen. Der Märchenvergleich erklärt die eigentümliche Kälte, die diese Frau auch heute noch ausstrahlt, sei es in der Darstellung von Boyle oder von Klauß. Sosehr dieser ungerechte Urteile der Nachwelt über sie korrigieren will, verschweigt er doch die Schattenseiten ihres Charakters nicht, etwa die erschreckend herzlose Benachteiligung ihrer Söhne Carl und Ernst zugunsten ihres Lieblingssohnes Fritz. Ihre Gefühlskälte macht es schwer zu begreifen, was Goethe an ihr fand.

Man ist geneigt, Herzog Carl August Glauben zu schenken, wenn er sagte, Frau von Stein sei "kein großes Licht" gewesen, Goethe habe "stets zu viel in die Weiber gelegt" und "seine eigenen Ideen in ihnen geliebt, eigentlich große Leidenschaft nicht empfunden". Wie sollte das auch möglich sein angesichts der Vielzahl der Frauen, die er zu lieben meinte und die heute nur noch Goethe-Experten mitzählen können, während sie bis zum Beginn unseres Jahrhunderts, wie Thomas Mann bemerkt hat, jeder Gymnasiast als kanonisches Bildungsgut kennen mußte. Jochen Klauß hat einen sehr geschickten Weg gewählt, das Leben Charlottes nachzuzeichnen. Da es für sich zu wenig Interesse erweckt, erzählt er es nicht einsträngig, in chronologischer Folge, sondern bettet es in verschiedene Lebens- und Kulturbereiche ein, die freilich nicht immer glücklich bezeichnet werden. Die der modernen bürgerlichen Arbeitswelt entstammenden Begriffe "Arbeitsplatz" und "Freizeit" passen denkbar schlecht zur höfischen Welt.

Doch derartige Anachronismen prägen die Substanz des Buches glücklicherweise nicht. Es gibt aufschlußreiche Kapitel über die Frauen im klassischen Weimar, überhaupt über das Rollenbild der Frau im achtzehnten Jahrhundert; am Beispiel Charlottes wird die Baustruktur Weimars und seiner Umgebung als Spiegel seiner politisch-sozialen Struktur beschrieben, die Institution des Hofes wird mit seinen komplizierten gesellschaftlichen Verflechtungen durchleuchtet; es entsteht um Charlotte von Stein herum ein facettenreiches Porträt des klassischen Weimar im Spannungsfeld einer gewissermaßen insularen, französisch geprägten Hof- und Hochkultur - aristokratisch mit "bürgerlicher Schmelze" - und einer recht armseligen bäuerlich-kleinbürgerlichen Gesamtwirklichkeit.

Klauß stützt seine Darstellung auf viele bisher ungedruckte, aber auch auf bekannte Quellen, die er oft besser ausführlicher analysiert als ausufernd zitiert hätte. Seine Beschreibungen und Analysen von Porträts, Architekturen und Landschaftsräumen sind weit präziser als sein Umgang mit Texten. Die Tiefenschärfe der Kapitel über Charlotte von Stein in Boyles opus summum erreicht er nur selten. Es ist Pech für den Autor dieser verdienstvollen und gut geschriebenen Charlotte-von-Stein-Studie, daß sie gleichzeitig mit jenem Glücksfall einer Goethe-Biographie, die alle bisherigen antiquiert, erscheinen mußte. DIETER BORCHMEYER

Jochen Klauß: "Charlotte von Stein". Die Frau in Goethes Nähe. Artemis & Winkler Verlag, Zürich 1995. 320 S., Abb., geb., 58,- DM.

Charlotte von Stein

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1995, Nr. 293 / Seite 36
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