Rezension: Sachbuch

Pax Kantiana

20.09.1995
, 12:00
Volker Gerhardt über Immanuel Kant als politischen Denker
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Die ethischen Probleme der internationalen Beziehungen haben noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit der Philosophen gefunden. Erkundungen der politischen Welt jenseits der nationalstaatlichen Grenzen finden nur zögerlich statt; das Interesse der politischen Philosophie konzentriert sich bislang hauptsächlich auf die internen Verfassungsfragen einer wohlgeordneten Gesellschaft. Jedoch bleibt diese Leitvorstellung einer Gerechtigkeitsordnung in nationalstaatlicher Abgeschiedenheit angesichts des rapide wachsenden Einflusses einer uniformen Weltwirtschaft der stetigen Zunahme internationaler Verflechtung und einer steigenden Anzahl transnationaler Institutionen und Organisationen immer mehr hinter der Realität zurück.

Dabei hat Kant bereits Ende des 18. Jahrhunderts die Theorie eines umfassenden Rechtsfriedens entwickelt, die, von der Verwirklichungsdynamik des Menschenrechts innerlich angetrieben, den vertrauten Horizont der staatlichen Binnenordnung überschreitet und in die Theorie einer Rechtsordnung freier Völker mündet. Diese Theorie findet sich in Kants sensationeller Schrift "Zum ewigen Frieden", die unter dem Einfluß der Französischen Revolution entstanden ist und die republikanische Revolutionierung der zwischenstaatlichen Machtverhältnisse vervollständigen möchte, so daß auf der Welt nur noch das vernunftbegründete Recht herrscht, zwischen den Staaten ebenso wie in den Staaten. Kants kosmopolitischer Entwurf ist im September vor zweihundert Jahren erschienen. Es ist zu hoffen, daß sich die Jubiläumsaktivitäten von Wissenschaft und Philosophie nicht im politischen Erinnern erschöpfen werden, sondern auch systematisch inspirieren.

Der ewige Friede ist das Ergebnis der Verrechtlichung alle konfliktträchtigen Beziehungen in der Welt der äußeren Freiheit. Nun kann es gesetzlosigkeitsbedingte Gewalt zwischen Menschen und Menschen, zwischen Staaten und Staaten und schließlich auch noch zwischen Staaten und Menschen (die fremden oder gar keinen Staaten angehören) geben. Folglich muß ein Programm der umfassenden Vermeidung konflikterzeugter Gewalt alle Konfliktzonen verrechtlichen, folglich muß das Programm eines zeitlich wie räumlich umfassenden Friedens eine staatsrechtliche Friedensstiftung, eine völkerrechtliche Friedensstiftung und eine weltbürgerrechtliche Friedensstiftung enthalten und miteinander kombinieren.

Kant stützt die Friedensordnung nicht wie Hobbes auf ein Klugheitsarrangement, auf ein kriegsverhinderndes Abschreckungsgleichgewicht; er verläßt sich aber auch nicht auf die moralische Gesinnung. Kants Friedenskonzept verlangt nach einer Rechtsordnung; es enthält die Umrisse eines weltpolitischen Reformprogramms, das nichts mit Betroffenheitspazifismus und Vorleistungsmoral zu tun hat, sondern auf die Etablierung von geeigneten Strukturen und Institutionen drängt. Es bietet eine säkularisierte Version der traditionellen Verbindung von pax und iustitia. Es behauptet einen dynamischen Zusammenhang von innerstaatlicher Gerechtigkeit und zwischenstaatlicher Friedlichkeit und fordert, daß die bürgerliche Verfassung in jedem Staate republikanisch werden solle, denn Republiken oder, wie man heute sagen würde: rechtsstaatliche und parlamentarische Demokratien sind nicht kriegslüstern, sondern verträglich.

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Volker Gerhardts rechtzeitig erschienene Werkinterpretation bietet eine gelungene und lehrreiche Darstellung des Kantischen Friedensentwurfs, die auf anregende Weise die souveräne Nachzeichnung der philosophischen Argumentation mit Detailanalysen der literarischen Form und reicher historischer Hintergrundinformation zu verbinden weiß. Das besondere Verdienst dieser Studie liegt aber darin, daß sie den völkerrechtlichen Interpretationsrahmen überschreitet und die Theorie der Politik, die in den bekannten Kantischen Lehrstücken vom moralischen Politiker, dem politischen Moralisten und dem Publizitätsprinzip bruchstückhaft enthalten ist, rekonstruiert und selbständig darstellt. So vermag sie ein überraschendes Doppelporträt Kants zu zeichnen und neben dem Begründer eines vernunftrechtlichen Völkerrechts einen welt- und menschenklugen Denker des Politischen zu präsentieren, der, wie Gerhardt uns glauben macht, das Politische als Medium gesellschaftlicher Selbstorganisation und praktisch-institutionellen Handlungsbereich sui generis erkannt und zutreffend beschrieben hat.

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Dabei fügt es sich, daß die Vorstellungen des Autors von Selbstbestimmung, Öffentlichkeit und politischem Handeln und die Ausführungen Kants sich wechselseitig bestärken. Sicherlich wird mancher Leser in dem konzilianten Kant-Bild Gerhardts das so liebgewordene Schroffe und Zumutungsreiche vermissen. Denn der hier ans Licht gebrachte politische Kant ist kein Rigorist, kein prinzipienschwingender Robespierrot; er weiß, daß das moralische Handlungsmodell nicht auf den politischen Bereich übertragbar ist, daß man sich in der politischen Welt ohne Urteilskraft, Menschenkenntnis, Kompromißbereitschaft und Sinn fürs Mögliche und Zuträgliche nicht erfolgreich bewegen kann.

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Kants Theorie des Politischen ist empiriefest und egoismustauglich; sie überfordert die Menschen nicht moralisch und rechnet mit ihrem Selbstinteresse. Aber sie bleibt prinzipientreu und verbindet "Staatsklugheit" mit "Staatsweisheit". Und wenn sie dabei von einer politischen Öffentlichkeit unterstützt wird, wenn sie sich in den Dienst einer sich selbst autonom bestimmenden Gemeinschaft stellt, dann besteht zumindest begründete Hoffnung, daß sich die rationale Herrschaft des Rechts immer mehr im Innerstaatlichen verfestigt und bald auch, unterstützt von dem neuen weltpolitischen Medium einer Weltöffentlichkeit, auf die zwischenstaatlichen Verhältnisse ausdehnt. WOLFGANG KERSTING Volker Gerhardt: "Immanuel Kants Entwurf ,Zum Ewigen Frieden'. Eine Theorie der Politik." Reihe Werkinterpretationen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995. 254 S., geb., 49,80 DM.

Immanuel Kants Entwurf "Zum Ewigen Frieden"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.1995, Nr. 219 / Seite 13
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