Neuer Roman von Monika Maron

Im Exil

Von Julia Encke
12.08.2020
, 23:20
Monika Marons Buch „Artur Lanz“ sehnt sich im postheroischen Zeitalter wieder nach echten Helden und lässt viel Dampf ab.

Vor drei Wochen gab die Schriftstellerin Monika Maron der „Berliner Zeitung“ ein Interview, in dem sie gefragt wurde, warum sie ihre Essays im Frühjahr nicht wie sonst im Verlag S. Fischer veröffentlicht habe, sondern in der „Exil“-Reihe des Dresdner Buchhauses Loschwitz von Susanne Dagen. Dagen sammelte 2017 Unterschriften für einen offenen Brief, der dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen „Gesinnungskorridor“ vorwarf und vor einer „Meinungsdiktatur“ warnte. Die Buchhändlerin vertreibt diese eigene Buchreihe über den Antaios-Verlag des neurechten Götz Kubitschek, gegen dessen Institut laut Verfassungsschutz „Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ vorliegen. Mit Ellen Kositza, Kubitscheks Ehefrau, rief Dagen auf Youtube ein Literaturformat ins Leben: „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“. – „Wäre es nicht besser, sich von ihr abzugrenzen?“, fragten die Journalistinnen.

„Ich grenze mich grundsätzlich nicht von Freunden ab, nur weil wir vielleicht unterschiedlicher Meinung sind“, antwortete Monika Maron. „Und warum von Susanne?“ Die sei „eine Oppositionelle mit einem leidenschaftlichen Sinn für Gerechtigkeit“, sitze für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat, sei mehrfach zur „Besten Buchhändlerin“ gewählt worden. Und an ihrem Aufruf, die Stände rechter Verlage auf der Buchmesse nicht zu zerstören, könne sie nichts Falsches finden. „Offenbar gilt inzwischen jeder als rechts, der nicht links ist.“ Mit dem Titel „Exil“, fügte sie hinzu, sei sie allerdings nicht glücklich. Sie sei ja nicht im Exil.

Exil in der Schweiz

Auf der Buchpremiere in Dresden hatte das im März noch etwas anders geklungen. Es sei natürlich mitnichten so, dass die Autoren der Reihe (neben Maron sind das Uwe Tellkamp und Jörg Bernig) auf gepackten Koffern säßen, hatte Dagen an diesem Abend gesagt. Vielmehr gehe es ihr um eine Flucht in die Kunst in einem „Klima zunehmender politischer Anfeindungen“. Dass sie mit dieser Interpretation gut leben könnte, äußerte Maron damals, auch wenn ihr der Begriff „Exil“ zu hoch sei. Irgendwie scheint er ihr dann aber doch gefallen zu haben. Denn in ihrem neuen Buch „Artur Lanz“, das eher eine Erzählung als ein Roman ist, gehen zwei Männer, die sich, ähnlich wie Dagen, Tellkamp, Bernig oder Maron, „einem Klima zunehmender politischer Anfeindungen“ ausgesetzt glauben, am Ende aus Deutschland weg. Sie ziehen in die Schweiz. Das Wort „Exil“ fällt nicht – und doch steht am Ende des Buches das Exil.

Für Maron werden sie so zu Helden. Denn darum geht es in „Artur Lanz“. Monika Maron sehnt sich ganz offensichtlich nach Helden und will in einer „postheroischen Gesellschaft“ nicht leben. Was sie vermisst, sind echte Männer, von denen es für sie kaum noch welche gebe. Also hat sie eine Schriftstellerin erfunden, Charlotte Winter, die einem frustrierten Mann um die fünfzig begegnet, gescheiterte Ehe, Mitarbeiter eines ökologischen Forschungsinstituts, der ihr Sohn sein könnte. Er heißt nicht zufällig Artur Lanz, sondern wurde von seiner heldenverliebten Mutter so genannt, weil diese die Geschichte vom Heiligen Gral beschwören wollte: König Artus und Lancelot in ihrem einzigen Sohn vereint. Nur fühlt sich Artur Lanz gar nicht wie ein Held, im Gegenteil. Er gehört zur besonders schwachen Männersorte, die der Zeitgeist angeblich neuerdings überall hervorbringt. Durch die Begegnung mit der Schriftstellerin Charlotte Winter aber hat er nun die einmalige Chance auf Erlösung. Durch sie schöpft er Mut zur Tat, ist bereit, etwas zu verteidigen, was er mehr liebt als seine Sicherheit: nämlich seinen Freund und Kollegen Gerald Hauschildt aus Thüringen, der wegen eines Facebook-Posts im Umwelt-Institut zur Rede gestellt und aufgefordert wird, sich von den Rechten zu distanzieren. Was er aber nicht will.

Das erste Problem dieser durchaus ernst gemeinten Geschichte ist die Figur der Charlotte Winter. Als Monika Maron, die 1981 mit ihrem umwerfenden Bitterfeld-Roman „Flugasche“ über die junge Wirtschaftsjournalistin Josefa Nadler berühmt wurde und durch „Stille Zeile Sechs“, „Pawels Briefe“ über ihren jüdischen Großvater mütterlicherseits oder „Endmoränen“ zu einer großen deutschen Schriftstellerin wurde, vor zwei Jahren ihren Roman „Munin oder Chaos im Kopf“ veröffentlichte, gab es auch schon mal dieses Figuren-Problem. Es ging in „Munin“ um die Angststruktur einer Frau, die in der friedlichsten bürgerlichen Großstadtgegend wohnte und sich, umgetrieben vom vollen Programm gängiger Ressentiments, dennoch bedroht fühlte. Eine Figur, in der man die Stimme der Autorin zu erkennen glaubte. Doch wurde ihre Perspektive mit einem kunstvollen Erzähltrick gebrochen. Maron stellte ihr eine Krähe zur Seite, einen sprechenden Vogel, mit dem sie ironische philosophische Dialoge führte. Sie stellte auf diese Weise Distanz her und machte die Angstwelt ihrer Protagonistin als Fallgeschichte sichtbar.

Eine homogene Truppe

In „Artur Lanz“ dagegen – und das ist nicht nur das Enttäuschende, sondern in seiner Plattheit das eigentlich Schockierende an diesem „Roman“ – gibt es keine Brechungen. Die Figuren, die sonst noch vorkommen (eine Freundin, mit der Charlotte Winter regelmäßig eine Cocktail-Bar besucht; ein besserwisserischer Germanist), sind mehr oder weniger einer Meinung, jedenfalls liegen sie sehr nahe beieinander. Eine homogene Truppe. Und Monika Maron nutzt die Gelegenheit, um mit ihnen allen ordentlich Dampf abzulassen.

Sie lässt Charlotte Winter gegen Gendersternchen und Karrierefrauen wettern: „Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber, die es wagen, die intelligentesten und klügsten Männer zu beschimpfen.“ Die Männer dagegen bedauert sie: „Alles, was bis gestern an ihnen als rühmenswert galt, Mut, Entschlossenheit, war im Laufe der Jahre unter den Verdacht geraten, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein. Dabei waren es eigentlich die von Männern erfundenen Waschmaschinen, elektrischen Heizungen, Fahrstühle, Rolltreppen und alle möglichen anderen lebenserleichternden Geräte, die den Frauen plötzlich erlaubten, auf die männliche Kraft zu pfeifen und sie als Gefahr für den Fortbestand der Menschheit zu verdächtigen.“ „Die Männer sind entmachtet“, jammert ihr Professorenfreund. Und die Freundin gefällt sich in kernigen Sprüchen: Manche Männer seien wohl „nur schwul geworden, weil sie sich nur noch bei Männern wie Männer fühlen durften“.

Biker sind die neuen Ritter

Wie klein der Ausschnitt der Welt ist, den sie betrachten; dass all ihre Beobachtungen schon in der frauenlosen Führungsetage des nächsten Unternehmens nicht mehr gelten; oder vielleicht schon im Nebenhaus, wo Frauen der häuslichen Gewalt ihrer Männer ausgeliefert sind, interessiert hier niemanden und wird durch die Erzählung auch nicht reflektiert. Denn Monika Marons Charlotte Winter will zwar gerne sehr viel über die alte König-Artus-Sage, über Lancelot oder Fontanes „Stechlin“ nachlesen, um ihrem Artur Lanz zu Mut und Männlichkeit zu verhelfen. Mit der Wirklichkeit um sich herum hat sie es aber nicht so. Da verlässt sie sich lieber auf ihre Meinungen und Ressentiments, etwa die über eingewanderte Männer.

So wird sie einmal Zeugin einer Demonstration von Frauen, die gegen die unterstellte zunehmende Unsicherheit auf den deutschen Straßen demonstrieren. Weil für diese Frauen die Gewalt „häufig von eingewanderten Männern ausging“ und der Protest darum als rassistisch verdächtigt wurde, kommen Biker aus verschiedenen Teilen des Landes nach Berlin, um die demonstrierenden Frauen vor den Gegenprotestlern zu beschützen: „Ich wusste nichts über diese Männer, ich wusste wenig über die Bikerszene, hin und wieder war zu lesen, dass sie einen Hang zur Kriminalität hätte. Aber diese vom männlichen Ur-Instinkt getriebene Aktion gefiel mir“, stellt sie fest. Die „tätowierten Bikerhorden“ stehen als „letzte Verfechter der Ritterlichkeit“ im Raum. Und die Autorin bringt für Charlotte Winter auch nichts weiter über sie in Erfahrung, sonst wäre das schöne Bild ja eventuell schon zerstört. Maron ist eine eigentlich exzellente Stilistin, die man für ihre präzisen Beobachtungen immer bewundern konnte. Die Eindimensionalität der kolportierten Meinungen macht das Buch aber auch erzählerisch fad und literarisch uninteressant.

Die Dissidentin

Was interessiert Artur Lanz an der Schriftstellerin, die seine Mutter sein könnte? Sie kommt aus dem Osten und kennt sich aus mit Dissidententum. Er berichtet ihr von seinem Freund im Institut, besagtem Gerald aus Thüringen, der das Kohlendioxid als Ursache des Klimawandels leugnet und auf Facebook gepostet hat, dass wir „geradewegs ins Grüne Reich“ marschieren. Als kurz darauf der Vizechef der „Rechten Partei“ ebenfalls vom „Grünen Reich“ spricht, wird Gerald im ökologischen Forschungsinstitut aufgefordert, sich von diesem zu distanzieren und seinen Post zurückzunehmen.

„Wer Ausgrenzung und Beschränkung der Meinungsfreiheit einmal erlebt hat, der reagiert seismographisch, wenn er das Gefühl hat, dass es wieder so weit ist. Und dann regt er sich auf und wehrt sich. Es ist komisch: Seit ein paar Jahren fühle ich mich so ostdeutsch, wie ich mich nicht mal gefühlt habe, als ich noch in der DDR gelebt habe“, hat Monika Maron in ihrem Interview vor drei Wochen gesagt. Artur Lanz’ Freund nimmt im Buch nichts zurück. Als Bürger habe er das Recht, seine Meinung immer und überall frei zu äußern, sagt er. Und es ist natürlich kein Zufall, dass Charlotte Winter ihren Artur dazu kriegen will, sich „ritterlich vor seinen Freund“ zu stellen, wie einst ihre Freundin sich vor eine Kommilitonin stellte, „als die für das Abspielen der Biermann-Lieder fast exmatrikuliert werden sollte“.

Wir leben in einem Land, so suggeriert es uns Maron allen Ernstes in ihrem toxischen Cocktail aus Selbstgerechtigkeit, Ressentiment und Machotum, in dem die Meinungsfreiheit wieder eingeschränkt wird wie in der DDR. Aber das ist nicht alles. So wie Charlotte Winter Artur Lanz lehrt, wie er, indem er seinem Freund beisteht, zum Helden werden kann, will auch Monika Maron uns darin unterweisen, auszuscheren und ins geistige Exil zu gehen. Wobei „uns“ natürlich falsch ist. Nur die Männer. Die sollen wieder Helden werden und Männer sein dürfen. Am besten Biker-Typen. Die Frauen sind sowieso nur durchideologisierte Denunziantinnen im Genderwahn.

Monika Maron war mal eine große Schriftstellerin. Jetzt scheint sie nur noch von ihrer politischen Agenda getrieben zu sein – und das Interesse am Literarischen verloren zu haben.

Monika Maron: Artur Lanz. Roman, Verlag S. Fischer, 224 Seiten, 19,90 Euro. Die Buchpremiere findet am 9. September 2020 im Pfefferberg Theater in Berlin statt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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