Zwei Bücher über das Meer

Der Harpunier hat Haut aus Bier

Von Jan Wiele
05.06.2021
, 23:00
Ausspannen statt Wellenreiten: Auch ein ereignisloser Tag am Meer kann ein guter Tag sein.
Übungen in Entdramatisierung: Ein altes und ein neues Buch beschreiben, was passiert, wenn nichts passiert. Über Peter Seebergs „Am Meer“ und Jürgen Hosemanns „Das Meer am 31. August“.
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In der Mitte ist ein Delfin. Darunter steht auf Dänisch: „Ich denke, ich möchte nur einer von denen sein, die von Waldrändern kommen und hinter den Feldern die Stadt und den Fjord sehen und Stimmen hören.“ Der Satz auf dem Grabstein des Schriftstellers Peter Seeberg (1925 bis 1999) auf der Insel Röm klingt wie ein Motivationsschreiben für seinen 1978 veröffentlichten Roman „Ved Havet“, auf Deutsch 1981 als: „Am Meer“. Darin hört man gleich ein ganzes Arsenal von Stimmen, allerdings ausschließlich solche, die es aus der Stadt heraus, am Fjord entlang ans offene Wasser gezogen hat. Der Roman begleitet Singles, Paare, Familien und „einige Alte“ durch einen Tag am Meer, ein und denselben Tag, strukturiert durch Uhrzeit-Angaben, unter denen jeweils Impressionen der verschiedenen Menschen aufscheinen, manchmal gleichzeitig oder fast gleichzeitig.

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Natürlich wittert man als Leser in einer derartigen Darstellung Sinn und Zusammenhang, spürt vielleicht gar etwas von Alfred Döblins Resonanztheorie in solcher Gleichzeitigkeit der Leben, wie Döblin sie in der modernen Großstadt beschrieben hat – und doch ist es bei Peter Seeberg oft nur eine Gleichzeitigkeit des Banalen, des Sinn- und Bedeutungslosen. „Und die große Wolke wird länger und länger, einige werden bestimmt aufbrechen, andere werden sich entschließen zu essen. Sie wird mindestens eine Viertelstunde brauchen, um vorüberzuziehen.“ Oder: „Sie gehen gemeinsam die Zeltstraße hinunter, der Mann faltet die Zeitung sehr sorgfältig zusammen, und Josef sieht ihnen nach, während sie miteinander redend davongehen.“ Eine Szene wie die folgende wirkt da schon fast trubelig: „Helene gähnt. Man kann schnell genug davon haben. Vielleicht ist sie hungrig. Und keiner kennt sie.“

Das Meer kommen lassen

Die treibende Kraft – nein, falsch –, vielmehr das schwarze Loch, das den Strandmenschen und manchmal sogar dem Erzähler alle Kraft abzieht, ist das Meer. Das Höchste, was einige der Figuren da noch zustande bringen, sind belanglose Wettergespräche.

Das Meer am Morgen: Adriaküste in Kroatien
Das Meer am Morgen: Adriaküste in Kroatien Bild: Picture-Alliance

„Passiert denn nichts? Passiert nichts, aber davon ganz viel? Und was passiert, wenn nichts passiert?“ Dies nun fragt sich der Erzähler eines heutigen Buches, das demselben Strukturprinzip folgt wie jenes Seebergs. Es heißt „Das Meer am 31. August“ (erschienen im Berenberg Verlag). Der Verfasser Jürgen Hosemann, Lektor bei einem anderen Verlag und Spezialist für Reiseliteratur, beschreibt darin einen Tag am Meer, ein und denselben Tag, von viertel nach fünf am Morgen, als es noch dunkel ist, bis zur nächsten Dunkelheit. Das Meer ist hier ein südliches, in Grado an der Adria, aber ansonsten ähnelt sich vieles. „Wird die Sonne uns heute finden? Den Tag kommen lassen. Das Meer kommen lassen. Alles sehen. Alles ist gleich wichtig.“

Ein Ort der Selbstbegegnung

Es ist eine philosophische Übung, und eine literarische dazu. In Gleichgültigkeit zu beschreiben bedeutet das Gegenteil von allem Dramatisieren. „8Uhr 42. Ein Elektrokarren der Policia Municipale.“ – „10 Uhr 25. Das Schiff im Westen ist weg.“ – „12 Uhr: Vom Strand kommt eine Lautsprecherdurchsage.“ – „14 Uhr 50. Sogar der Wind ist eingeschlafen.“ – „15 Uhr 23. Warum?“ – „15Uhr 35. Nichts.“

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Auch hier hat das Meer also jene energieabziehende, betäubende Wirkung. Es ist dabei aber nicht verboten, Schönes zu erkennen: So kommt Hosemann, im Gegensatz zu Seeberg mit dessen durchgehaltenem Oberflächenstil, zu Momenten der reinen Ästhetik, bisweilen der Tiefe und Erkenntnis. Der ersteren etwa, wenn er einen frühmorgendlich sich bereitmachenden Harpunier beschreibt, der in seinen Taucheranzug steigt, um exquisite Beute zu jagen – „Goldbrasse, Seebarsch, Oktopus oder gar nix“ –, und sich davor kurioserweise den Körper mit Bier einreibt. Der zweiteren, wenn deutlich wird, dass in jedem Besuch am Meer alle vorherigen wieder aufscheinen – das Meer als Krücke der Erinnerung und als deren Strukturgeber: „Etwas fliegt von draußen auf mich zu. Es bewegt sich sehr schnell und knapp über der Wasseroberfläche, es ist schwer zu erkennen.“ Das Meer dient immer der Selbstbegegnung: „Erinnere dich an dich.“

Ästhetik muss man sich leisten können

Und doch gibt es in beiden Büchern auch den Moment, in dem eine andere Wirklichkeit durchbricht. Bei Seeberg ist das die Frage danach, warum Menschen eigentlich zusammenkommen und sich wieder trennen: Ein Mann geht da vom Meer wieder weg mit einer anderen Frau als der, mit der er kam. Bei Hosemann ist es die Wirklichkeit der Schiffbrüchigen im Mittelmeer, die zu Hunderten sterben, während der Beobachter an dessen Strand verweilt: „Du hast dich an einen Friedhof gesetzt.“ Das ist nur noch mit Sarkasmus zu ertragen. „Aber eigentlich willst du jetzt gar nicht darüber nachdenken, oder? Eher über das Licht und so.“ Auf diese Passage folgt ein Blick in die Todesanzeigen einer italienischen Zeitung: Die Verstorbenen sind zumeist zwischen siebzig und neunzig Jahre alt geworden.

Beide Bücher machen im Grunde kein Hehl daraus – und das ist nun keine überraschende Erkenntnis –, dass der Strand der Fluchtort nur des saturierten Menschen ist. Und Ästhetik, das kommt bei Hosemann noch dazu, muss man sich leisten können. Soll man aber aus Scham darauf verzichten? Das geht eben auch nicht. Umso leidenschaftlicher erfolgen, hat man den Eindruck, nach dem Schreck über die Schiffbrüchigen die Beschreibungen des Schönen. „Im Westen steht das Abendrot wie eine Wand, im Südosten die Gegendämmerung mit dem graublauen Erdschattenbogen über der schiefergrauen Küste. Als spiegele sich das Abendrot dort.“

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Manchmal löst diese Schönheit sogar noch Träume und Utopien aus. „Wenn das soziale Leben an einem großen warmen Meer vor sich ginge, gäbe es keine Probleme“, sagt eine Figur bei Seeberg, darauf eine andere: „Und es gäbe keine Gedankentätigkeit, keine Entwicklung“. Und bei Hosemann: „Fast genau in dem Moment, in dem der Taucher im Wasser verschwunden war, war hinter dem Bergmassiv die Sonne aufgegangen und in vielen kleinen Rucken höhergestiegen.“ Es könnte immer so weitergehen am Meer.

Jürgen Hosemanns „Das Meer am 31. August“ ist bei Berenberg erschienen, Peter Seebergs „Am Meer“ ist antiquarisch in verschiedenen Ausgaben zu finden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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