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Neuer Roman von Annette Pehnt

Wanderer, kommst du nach Kirthan

Von Andreas Platthaus
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 17:32
Annette Pehnt im März 2014 in Köln
Anfangs denkt man noch, es ginge in diesem Roman um die deutsche Reisegruppe: Annette Pehnts Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ konfrontiert das alte mit dem neuen China. Und das alte Europa gleich mit.

Kirthan steht nicht im Atlas. Aber es ist Gegenstand eines Buchs aus dem neunzehnten Jahrhundert: „Reisen durch Kirthan in dunklen Zeiten“. Das ist die Begleitlektüre eines pensionierten deutschen Witwers während dessen eigenem Aufenthalt in der fernöstlichen Region mit diesem Namen. Gemeinsam mit seiner Tochter ist er Teil einer organisierten Kulturreisegruppe von etwa einem Dutzend Landsleuten. Was sie in Kirthan erleben, steht in einem Buch aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert: dem Roman „Alles was Sie sehen ist neu“ von Annette Pehnt.

Alles, was wir in einem Roman lesen, ist Fiktion. Sollte es zumindest sein. Also wozu sich wundern, dass es den im Roman erwähnten historischen Reisebericht gar nicht gibt? Dass der Handlungsort Kirthan heißt und nicht einfach China? Dass in Kirthan ein Spiel namens Guan populär ist oder der zentrale Platz in der Hauptstadt die Bezeichnung „Platz Ohne Namen“ trägt, während die wichtigste Kultstätte ein „Tempel der Ewigen Freundlichkeit“ ist? Alles irgendwie ganz nahe an der chinesischen Wirklichkeit, was Annette Pehnt sich da an Namen ausgedacht hat, und dann doch eine entscheidende Winzigkeit anders.

Während das, was von den Protagonisten während der Reise gesagt wird, genau dem entspricht, wie wir alle über China denken: „Auf dem Land herrscht in Kirthan große Armut, nicht wahr? Wie in den anderen Provinzen auch, man liest es überall“, fragt ein Mitglied der Gruppe deren einheimischen Reiseleiter namens Nime. Der zuckt die Schultern und antwortet nicht. Keine zehn Seiten später wird er beim Besuch des prachtvollen Tempels umso beredter: „Nime hatte nun die Stimme eines Märchenerzählers, flüsterte von Kurtisanen und Erntetagen, Verbrennungen und Himmelsrichtungen und dem Mittelpunkt der Welt, der seit tausend Jahren mitten im Tempel ruht. Wir lauschten mit halb geschlossenen Augen, hier war sie, die erhabene Schönheit von Kirthan, hier und nicht in den verstopften Straßen und Betonsiedlungen, und den Mittelpunkt der Welt würden wir uns nicht entgehen lassen.“ Wenn deutsche Touristen in die Welt hinausziehen, wollen sie eine Fremde sehen, die ihnen vertraut ist, weil sie sich schon ein Bild von ihr gemacht haben. In keinem anderen Land werden mehr Reiseführer verkauft als bei uns.

Wenn die Realität davon abweicht? Umso schlimmer für die Wirklichkeit. Und für eine Reiseleitung, die nicht einlöst, was man als zahlender Gast doch wohl erwarten darf, zumal als deutscher Kulturreisender. Für Zwischentöne ist da kein Raum, und die hat Nime denn auch nicht im Repertoire. Aber er selbst, diese Hauptfigur im Roman von Annette Pehnt, ist ein Zwischenton. Nime steht zwischen Ost und West, Zukunft und Vergangenheit, Stadt und Land. Er ist eine literarische Projektionsfigur, wie wir sie lange nicht gesehen haben, ein Meisterstück in Konzeption und Ausführung. Er ist der gute Mensch von Kirthan.

Anfangs denkt man noch, es ginge in diesem Roman um die deutsche Reisegruppe. Das liegt einerseits an der Erzählstimme, die der Tochter des pensionierten Herrn gehört, die mit ihrem Vater seit dem Tod der Mutter jedes Jahr eine solche organisierte Kulturreise unternimmt, diesmal indes zum ersten Mal nach Asien. Andererseits liegt es an der Präzision des Gruppenporträts: Drei Ehepaare und drei Einzelreisende gehören außerdem mit zum Tross, und Annette Pehnt charakterisiert sie in ihren jeweiligen Persönlichkeiten äußerst subtil, obwohl wir nicht einmal alle ihre Namen erfahren. Nime ist da scheinbar nur Projektionsfläche ihrer Erwartungen an einen Reiseleiter. Und es gibt da auch noch Joe, den einheimischen Busfahrer, der aber auch des Deutschen mächtig ist. Elf Deutsche und zwei Kirthaner – da sollte doch klar sein, wo der Schwerpunkt liegt.

Die Geburt des Erzählers

Dann ist das erste Drittel des Romans vorbei, sind die ersten beiden Reisetage in der Hauptstadt absolviert, und das frühe Fazit von Vater und Tochter lautet: „Kirthan: undurchdringlich, wir werden es nicht begreifen.“ Weil es anders geworden ist als im Reisebericht aus dem neunzehnten Jahrhundert. Aber auch die Irritation durch das Fremde ist ja ein Kitzel. Und Nime? „Klug und ein guter Regisseur.“ Auch da sind sich Vater und Tochter einig.

Doch das nächste Kapitel spielt ganz woanders und fast dreißig Jahre früher: 1990 in einem namenlosen kirthanischen Dorf. Erzählerin ist nun eine Lehrerin, und es dauert einige Seiten, bis die Irritation bei der Lektüre weicht, weil der Name Nime fällt. Der ist hier noch ein Kind, aber schon ein sonderbares, weil begabtes; die Lehrerin erkennt es sofort. „Auch die anderen Kinder achteten auf ihn. Er schaute ihnen in die Augen, als wollte er hinter ihren Pupillen etwas entdecken, das sie selbst nicht kannten. Das waren sie nicht gewöhnt. Er forschte in ihren Gesichtern, und dann fing er an zu erzählen.“ Und das ist die Geburt des Erzählers Nime, der aber nie selbst in diesem Roman erzählt, obwohl es insgesamt acht wechselnde Stimmen aus sieben verschiedenen Handlungszeitpunkten gibt. Neben der deutschen Touristin des Jahres 2019 sind das noch sieben aus Kirthan, und das macht klar, wo der eigentliche Schwerpunkt liegt: bei Nime. Denn von ihm erzählen über 29 Jahre hinweg letztlich alle acht Ich-Erzähler in „Alles was Sie sehen ist neu“.

Beschämt als Leser

Immerhin der Titel des Romans stammt aus Nimes Mund. So (im Text übrigens mit korrekter Kommasetzung, die der Verlag beim Buchtitel aber wohl nicht für hilfreich hält) erklärt er seiner Reisegruppe auf der Fahrt vom Flugplatz ins Hotel die explosionsartig wachsende Hauptstadt. Wie neu aber, das können die Deutschen nicht verstehen, auch wenn im Rahmen des Besuchsprogramms irgendwann wohl auch ein Dorfbesuch absolviert wird. In einem der Kapitel erzählt Nimes Mutter, wie auf offizielle Anweisung hin im eigenen Dorf westliche Touristen herumgeführt werden, die hier auch dank des jungen Nime das pittoreske alte Kirthan vorgeführt bekommen, das aber nichts mit dem ländlichen Alltag zu tun hat. Der Zivilisationsbruch innerhalb einer asiatischen Gesellschaft durch die Modernisierung ist das eigentliche Thema des Romans, vorgeführt am grandiosen Erzähler Nime, der den Stoff für seine Geschichten nicht Lektüre verdankt, sondern dem eigenen Zuhören. Und vorgeführt von Annette Pehnt, die genau das Gleiche tut, wenn sie uns ihren verschiedenen Stimmen zuhören lässt.

Nebenbei entsteht in „Alles was Sie sehen ist neu“ eine Erzählkonkurrenz zwischen Nime und dem alten Mann aus Deutschland, der ziemlich zum Schluss, als wir wieder bei den Erlebnissen der Reisegruppe angelangt sind, sagt: „Einen Erzähler werden wir brauchen, sonst werden wir nichts verstehen.“ Zuvor ist Nime plötzlich verschwunden, einfach am dritten Morgen der Reise nicht erschienen, und wir Leser, die wir ihn mittlerweile aus vielen kirthanischen Perspektiven als ebenso brillanten wie eigensinnigen Menschen kennengelernt haben, müssen das Schlimmste fürchten im autoritären Staat. Die deutsche Gruppe aber denkt nur an die Fortführung ihres Programms und bestimmt kurzerhand den belesenen Pensionär zum neuen Reiseleiter: „Wenn Herr Nime morgen wieder zu uns stößt, werden wir ihm berichten, was wir gesehen haben: das alte Kirthan.“ Doch das neue wird triumphieren, denn so einfach können Ausländer in Kirthan sich nicht als ihre eigenen Herren aufschwingen, und im Schlusskapitel wird klar, was der Grund für Nimes Verschwinden ist. So viel sei verraten: Einen sympathischeren gibt es nicht. Beschämt steht man auch als Leser. Vor dem guten Menschen von Kirthan. Und vor diesem exzellenten Roman.

Annette Pehnt: „Alles was Sie sehen ist neu“. Roman. Piper Verlag, München 2020. 190 S., geb., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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