Antje Rávic Strubel: Sturz der Tage in die Nacht

Luftnummer im Vogelschutzparadies

Von Wiebke Porombka
09.09.2011
, 15:49
Antje Rávic Strubel lässt die Figuren ihres neuen Romans „Sturz der Tage in die Nacht“ in die politischen und menschlichen Abgründe der DDR fallen. Leider fällt ihr Buch gleich mit.
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Wenn derjenige, der ein Geschehen zu rekonstruieren versucht, selbst im Zentrum dieses Geschehens gestanden hat, dann werden die Spuren nicht zu Indizien, die wie im Kriminalfall auf etwas Verdecktes verweisen. Vielmehr neigt die Erinnerung dazu, im Wissen um das, was folgen wird, aus nahezu allem einen Zeichenträger zu machen, der vorausdeuten, womöglich hätten warnen können. Wie ein letztes, nur noch halbherzig vorgetragenes Beharren auf Alltäglichkeit klingt deshalb der Satz, mit dem Antje Rávic Strubel ihren Roman einsetzen lässt: „Es hatte begonnen, wie es immer beginnt.“

Und während die Insel, zu der Erik einen letzten Blick zurückwirft, langsam am Horizont verschwindet und Erik fast beschwörend diesen Satz noch einmal denkt, ahnt der Leser - und soll es ahnen -, dass eben gerade nicht alles war wie immer, sondern dass etwas Ungeheuerliches geschehen ist, seitdem Erik vor drei Monaten zu dem kleinen schwedischen Vogelschutzreservat vor der Küste Gotlands übergesetzt ist. Eine Auszeit hatte die Reise nach Schweden sein sollen, vor einem Wechsel des Studienfachs und einem Aufbruch in ein neues Leben. Nun laufen Journalisten über den Strand, haben sich zum Abschied zwischen ihn und Inez gedrängt, die am Wasser steht und ihm nachblickt, und Eriks Abfahrt wirkt nicht wie ein Aufbruch, sondern wie eine Flucht.

Abgründe der Vergangenheit

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Es ist keine schlichte Liaison zwischen dem Studenten Erik und der gut sechzehn Jahre älteren Vogelkundlerin Inez, die das Unruhezentrum dieses Romans bildet. Antje Rávic Strubel lässt in „Sturz der Tage in die Nacht“ mit einer dem Titel kaum nachstehenden Wucht ihre Figuren tief hinein nicht nur in deren familiäre, sondern in die politischen Abgründe der Vergangenheit rasen. Eine beinahe menschenleere, vor zivilisatorischen Eingriffen bewahrte Insel wird dabei zur Bühne, auf der Antje Rávic Strubel die Abseitigkeiten der Politik mit den Diesseitigkeiten der Liebe zusammenprallen lässt. Antje Rávic Strubel fügt damit diesem Bücherherbst, der ein halbes Jahrhundert nach dem Bau der Mauer auffallend viele Romane über die DDR hervorbringt, eine weitere literarische Auf- oder Nacharbeitung hinzu, die auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht.

Vermutlich ist es nicht den zurückliegenden Ereignissen selbst, sondern zu einem wesentlichen Teil dem groschenheftadäquaten Arrangement geschuldet, mit dem Antje Rávic Strubel sie in diesem paradiesischen Eiland zum Showdown bringt, dass das Treiben in dem windigen Vogelparadies relativ rasch zur Luftnummer verkommt. Schlussendlich ärgerlich wird es durch eben die Übereindeutigkeit der Zeichen, auf die Antje Rávic Strubel nicht nur Erik in der Rückschau, an der Reling der Fähre lehnend, stoßen lässt, sondern die sie dem Leser mit enervierender Penetranz in die Augen streut - als würde sie immerzu gegen ihre eigene Konstruktion anschreiben, die an dieser Stelle allenfalls angedeutet werden kann. Gerade eben nicht Spannung erhält das Ganze dadurch, sondern dem Geschehen wird auf diese Weise der dräuende Unterton einer antiken Tragödie verliehen, der indes nichts Zwingendes, allenfalls etwas Schulmeisterliches hat.

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Zünftig orchestrierte Theatralik

Auch dadurch wird der Bogen zur Antike geschlagen, dass die unerhörte Begebenheit, die hier erzählt wird, als eine moderne Variation des Ödipus-Mythos gelesen werden kann - versetzt in die niederen Ränge der Staatssicherheit und in die zwielichtigen Grauzonen der Nachwende-Aufsteiger. Zum zentralen Bild wird dabei für Antje Rávic Strubel der Lummensturz. Gleich in der ersten Nacht wird Erik von Inez mit auf die Klippen genommen, wo sie beobachten, wie die Jungvögel von den Brutfelsen stürzen, ohne wegen ihres weichen Knochenbaus Verletzungen davonzutragen, um schließlich im Meer von ihren Eltern wiedergefunden und weiter aufgezogen zu werden. Ein Initiationsritus im Tierreich, der unter Menschen aber eben nicht funktioniert. Hier erkennt ein Kind seine Mutter nicht ohne weiteres wieder, wenn sie einmal abhandengekommen ist. Dieses Drama bildet den Hintergrund von Antje Rávic Strubels Roman.

Dass es sich bei Inez, von der sich Erik vom ersten Moment an wie magisch angezogen fühlt, obgleich sie sich anfangs in sich gekehrt und kühl gibt, um seine leibliche Mutter handelt, die ihn unmittelbar nach der Geburt weggegeben - aus dem Nest gestoßen - hat, kann kaum verborgen bleiben. Nur für Erik und Inez, die bald ein Liebespaar werden, bleibt es das. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich von einer zünftig orchestrierten Theatralik ist, dass Inez ihr Leben der wissenschaftlichen Erforschung und Beobachtung gerade des Lummensturzes, ihrer Spiegelgeschichte also, verschrieben hat, wird auch zunehmend unglaubwürdig, dass sie nicht den geringsten Verdacht schöpfen soll, während dem Leser alles bis ins Kleinste ausbuchstabiert wird.

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Nah an der Kolportage

Nicht zuletzt deshalb wird es unglaubwürdig, weil mit derselben Fähre wie Erik noch ein weiterer Protagonist aus Inez' Vergangenheit auf die Insel gekommen ist: Rainer Feldberg, den Inez zwar nicht zu kennen vorgibt, der ihr aber durch Verleumdungen bei ihren Vorgesetzten das Leben schwermacht und beständig mit latenten Drohungen und Andeutungen über ihr wahres Verwandtschaftsverhältnis um sie und Erik herumscharwenzelt. Ein Prachtexemplar von einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, der sich nach der Wiedervereinigung für die schmutzigen kleinen Intrigen der Lokalpolitik verdingt hat. Wie sich die Fäden zwischen DDR-Vergangenheit und Provinzwahlkampf in den neuen Bundesländern und zwischen Familie und Politik spinnen und gesponnen wurden, lässt Antje Rávic Strubel in länger zurückreichenden Rückblenden erzählen, die Eriks rekapitulierende Erzählstimme ablösen. Gemeinsam mit dem Leser wird Inez, die zwischenzeitlich in Fieberträumen liegt, die in Bewegung setzen, was lange Jahre in den tiefsten Schichten des Bewusstseins eingefroren war, auf die Reise in DDR-Lauben, ungeheizte Wartburgs und kleine Studentenbuden nach Adlershof geschickt.

Was bei dieser Reise zum Vorschein kommt, mag politisch wie menschlich abgründig sein, büßt bei Antje Rávic Strubel aber seine Brisanz ein, weil sie durch die Analogien zu Tierreich und Mythologie ihre Geschichte in den immer wiederkehrenden, ewigen Gesetzmäßigkeiten aufgehen lässt und ihr damit hintenrum die spezifisch historische Ungeheuerlichkeit wieder abspricht. Bedenklich nah an der Kolportage schrammt dieser Roman nicht zuletzt deshalb vorbei, weil seine Sprache ein ums andere Mal verrutscht, was man bei dieser Autorin so gar nicht kennt. Wenn sie Erik in lässigem Spätjugendjargon sprechen lässt, dann wirkt das auf linkische Weise aufgesetzt. Die Versuche, das fatale Liebesverhältnis in Worte zu fassen, changieren zwischen Kitsch und Angestrengtheit.

Beziehungen in der DDR

Das alles ist gerade deswegen so bedauerlich, weil Antje Rávic Strubel mit ihrem Roman ein Thema angeht, das sich zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR mit großer Dringlichkeit den Weg an die literarische Oberfläche zu bahnen scheint: Nach Wawerzinek, Altwasser und jüngst Angelika Klüssendorf erzählt auch sie über das schmerzvolle Scheitern von Mutterschaft und zwischenmenschlicher Beziehung in der DDR. Man wäre diesen Grabungen und Rekonstruktionen gerade bei ihr zu gern gefolgt, hätte sie diese nicht in falsch verstandener Artistik überschrien.

Antje Rávic Strubel: „Sturz der Tage in die Nacht“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 342 S., geb., 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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