Roman von Antje Rávic Strubel

Wir müssen wissen, wie wir’s anders machen sollen

Von Andreas Platthaus
23.03.2016
, 12:48
Antje Rávic Strubel im Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse
Auf der Suche nach dem zweiten Ich in uns: Antje Rávic Strubel beschließt mit „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ eine Romantrilogie, die unser Verständnis von Leben und Liebe permanent in Frage stellt.
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Alle Gewissheiten, die man sich mühsam erarbeitet hat“, stellt die Schriftstellerin René, eine von acht Hauptpersonen in Antje Rávic Strubels neuem Roman, fest, „werden außer Kraft gesetzt. Und darum geht’s. Um nichts anderes. Darüber werde ich schreiben.“ Es ist wohl nicht unzulässig, in dieser Äußerung einer Romanfigur auch die Motivation von Antje Rávic Strubel selbst zu erkennen. Denn in dem Moment, als René zu diesem Schluss kommt, ist das halbe Buch vorbei, und dass wir darin um alle Gewissheiten gebracht werden, ist längst deutlich geworden.

Dabei fängt es so vertraut an: in einem sommerlichen nordschwedischen Feriencamp, in dem zwei junge Frauen ihre Liebe zueinander entdeckt haben. So war es schon in „Kältere Schichten der Luft“, Strubels geheimnisvollem Roman aus dem Jahr 2007, mit dem die 1974 geborene Schriftstellerin sich in der vordersten Reihe der deutschen Literatur etablierte. Vier Jahre später erschien dann „Sturz der Tage in die Nacht“, ein nicht nur geographisch verwandter, umfangreicherer Roman, der auf einer kleinen schwedischen Vogelschutzinsel in der Ostsee angesiedelt ist und von der Faszination eines Studenten für eine ältere dort arbeitende Ornithologin erzählt. Strubel war nie zu haben für gängige Liebesschemata, sie interessiert sich für Partnerschaften in all ihrer Vielfalt und Unberechenbarkeit - betreffs der Kombination, aber auch des Verlaufs. In ihrem neuen Roman, den sie selbst als Fortführung der beiden vorangegangenen und somit letzten Teil einer Trilogie ansieht, wird diese Neugier auf Vielfalt und Risiken des Begehrens auf die Spitze getrieben.

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Er heißt „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, und das ist zusammengesetzt aus zwei berühmten anderen Romantiteln: Ernest Hemingways „Über den Fluss und in die Wälder“ und Carson McCullers’ „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Die beiden amerikanischen Bücher aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts standen Pate für die Erzählweise des Strubelschen „Episodenromans“ (so die Gattungsbezeichnung, die die Autorin gewählt hat) insoweit, als bei McCullers und Hemingway die Leben der Protagonisten aus Bruchstücken zusammengesetzt werden, die aber jeweils innere Zusammenhänge aufweisen, die sich erst bei sorgfältiger Lektüre ergeben.

Ein großes Sprach- und Kompositionskunststück

Dieses Verfahren wendet auch Antje Rávic Strubel an. In dreizehn Kapiteln werden die Schicksale ihrer acht Hauptfiguren über ein rundes Jahrzehnt hinweg verfolgt. In gewisser Weise sind es alles Frauen, aber eine war früher ein Mann, und eine andere wird zum Mann werden. Dadurch kommt eine sexuelle Ambiguität in das Buch, das wie in einer Versuchsanordnung die Modi der sexuellen Möglichkeiten unserer Zeit durchspielt. Es ist aber kein voyeuristischer Roman. Vielmehr muss man „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ ein genuin politisches Buch nennen, ohne dass es die Ebene des Privaten jemals verließe. Aber schlaglichtartig bricht etwa die Gewalt im Geschlechterverhältnis als Thema ein, wenn sich der Vater einer Ärztin, die in einem Krisengebiet humanitäre Hilfe leistet, vorstellt, was seiner Tochter dort widerfahren könnte. Aber auch im liebenden Verhältnis der Geschlechter (die eben nicht mehr auf die klassischen zwei beschränkt sind) zueinander treten durch die sich immer erneuernden Konstellationen Herausforderungen auf, die Pars pro Toto aufs Ganze weisen. Weil die Liebenden aufs Ganze gehen.

Die ebenso erwünschte wie erzwungene Beweglichkeit moderner Lebensführung wird von Strubel auch mittels wechselnder Handlungsorte deutlich gemacht. Der feste Platz, an den es einen Menschen früher verschlug, ist heute in unserem Kulturkreis Illusion. Schweden ist im Roman Schauplatz für vier Episoden, und dadurch, dass gleich die erste die aus Strubels Werk so vertraute Szenerie wählt, erweckt das Buch zunächst sehr geschickt den Anschein, einfach fortzusetzen, was wir schon kennen, doch dann wird alles anders, es geht auch je viermal nach Deutschland und in die Vereinigten Staaten. Und einmal nach Finnland, zu einem Extremskilanglauf in den eiskalten Winter. In dieser inhaltlich wie vom Aufbau des Buchs her zentralen Episode ist nicht nur das eingangs erwähnte Zitat von René zu finden, sondern auch ein mit typisch Strubelscher Beschreibungsakkuratesse fixierter Moment, in dem sich drei Personen wechselseitig beobachten, ohne aber jeweils um den Dritten zu wissen. Alle drei sind also Beobachter, bemerken jedoch nicht, dass auch sie selbst beobachtet werden. Die scheinbare Autarkie erweist sich als Irrtum.

Antje Rávic Strubel: „In den Wäldern des menschlichen Herzens“. Episodenroman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 269 S., geb., 19,99 €.
Antje Rávic Strubel: „In den Wäldern des menschlichen Herzens“. Episodenroman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 269 S., geb., 19,99 €. Bild: S. Fischer

Genauso verhält es sich im Liebesreigen, der in diesem Roman entfaltet wird. Es beginnt mit Katja und René, die den Ort ihres ersten gemeinsamen Urlaubs wieder aufsuchen, um sich dann dort überraschend wieder zu trennen. „Macht Liebe nicht trotzdem Spaß?“, fragt René im Moment der Trennung, und Katja antwortet: „Nicht so. Nicht, wenn wir nicht einmal wissen, wie wir’s anders machen sollen.“ Sie will es wissen und wird in der letzten Episode verwandelt wiederkehren. Dass ihr Name phonetisch nahe am Zauberer Kastschej aus Strawinskys Ballett „Der Feuervogel“ ist, das im Buch Erwähnung findet, ist kein Zufall.

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Erst durch die schließliche Rundung des Episodenromans zum Reigen erweist sich Strubels Handlung als minutiös konstruiert. Denn die Zäsuren in den Gesprächen, die aufblitzenden Ereignisse, die weniger auserzählt als anerzählt werden, vermitteln einem das Gefühl eines kaleidoskopischen Geschehens. Doch die Veränderungen erfolgen mit Notwendigkeit. Hielt man lange Zeit René für die wichtigste Figur, so bekommt sie zunächst durch die schillernde Amerikanerin Faye, die man aber nur mit den Augen ihrer deutschen Geliebten sieht, Konkurrenz, und ganz zum Schluss wird mit Katt ein weiterer Schriftsteller ins Geschehen eingeführt, der an einem Manuskript mit dem schwedischen Titel „Vad vet du om mig och vad vet jag?“ (Was wissen Sie von mir, und was weiß ich?) schreibt, über das gesagt wird: „Im Ganzen ergaben die Szenen eine Geschichte oder mehrere, untereinander verbundene Geschichten ... Sie las. Und während sie las, hoffte sie, einen Text über sich zu lesen, über sich und Katt, weil es in den Geschichten um Liebende ging. Aber sie erkannte nichts wieder.“

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Wir aber erkennen etwas wieder, weil Strubel mit Reprisen von Beschreibungselementen und parallelen Textpassagen eine Spur zurück zum Anfang des Romans legt. Und damit einlädt zur Relektüre des ganzen Episodenromans, der eine Fundgrube von Leitmotiven ist, bis hin zu Tania Blixens Figuren aus „Jenseits von Afrika“. Strubels Buch erweist sich als ein großes Sprach- und Kompositionskunststück, in dem Augenblicke festgehalten sind, in denen Lebens- und Liebespfade neue Richtungen bekommen. Dieser Roman ist wie das Leben selbst: unendlich kompliziert und doch einfach herrlich.

Antje Rávic Strubel: „In den Wäldern des menschlichen Herzens“. Episodenroman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 269 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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