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1 Buch, 1 Satz

Keine Hoffnung ohne Horror

Von Andreas Platthaus
 - 14:17
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1 Buch, 1 Satz
„Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger

Wollte man eine Summa der Handlung von Arno Geigers morgen erscheinendem neuen Roman gezogen sehen, so böte sich dafür eine Passage nach drei Vierteln des Buches an: „Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler.“

Was ist das für eine Sprache? Einerseits eine formelle („Beorderung“), andererseits eine altertümliche („indessen“), schließlich zweifellos eine elaborierte. Es ist die Erzählerstimme eines jungen Mannes namens Veit Kolbe aus „Unter der Drachenwand“, einem Roman, dem schon im Titel die Bedrohung eingeschrieben ist, der sich Kolbe ausgesetzt sieht. Diese Drachenwand ist ein tatsächlich existierender Fels im österreichischen Salzkammergut – das unterscheidet Geigers Buch von dem in ähnlich isolierter Umgebung angesiedelten und auch ähnlich intensiv erzählten Roman „Ein ganzes Leben“ seines Landsmannes Robert Seethaler, der jedoch bei allen Anklängen an reale Ereignisse bewusst einen fiktiven alpinen Handlungsort zwischen Bergen mit so lebensfeindlich klingenden Namen wie Karleitner, Klufterspitze und Häuslerkamm gewählt hatte.

Zuflucht vor den Schrecken des Weltkrieges

Aber auch die Drachenwand erfüllt vor allem einen metaphorischen Zweck: Ihre Gegenwart wird von Geigers Erzähler über die fast fünfhundert Seiten hinweg immer wieder heraufbeschworen („die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust“, „die albtraumhaft hingestellte Drachenwand“, „die Drachenwand zeichnete sich deutlich ab“, und gleich zweimal ist vom „mächtigen Felsenschädel der Drachenwand“ die Rede), doch in diese Wand selbst führt nur eine einzige, dann allerdings auch tödliche Szene. Ansonsten dräut der Fels über der kleinen Ortschaft Mondsee. Doch irgendwie beschützt er sie auch.

Er beschützt sie vor Krieg und Kriegsgeschrei. Geigers Buch deckt das Jahr 1944 ab. Zu dessen Beginn kehrt der aus Wien stammende Veit Kolbe von der Ostfront zurück, eher leicht- als schwerverwundet, und kommt dank privater Beziehungen zur Rekonvaleszenz nach Mondsee. Dort findet er, wie man schon dem Eingangszitat entnehmen kann, eine vergleichsweise friedliche Welt vor, die neben ihm noch zahlreichen anderen Gästen Zuflucht vor den Schrecken des Weltkriegs beschert hat: aufs Land evakuierten Schülerinnen aus Wien, deren Betreuerinnen, einer jungen Mutter aus Darmstadt und dem „Brasilianer“, einem gegen seinen Willen aus Südamerika zurückgekehrten Einheimischen aus Mondsee, der mit der NS-Ideologie gar nichts anfangen kann. Doch so abgeschieden er in dieser Ecke des Großdeutschen Reichs auch lebt, kommt der „Brasilianer“ mit dieser Haltung nicht einfach durch.

Marotte oder subtile Hommage?

Für Veit Kolbe, der ebenfalls keine Illusionen mehr über Methoden und Erfolgsaussichten der deutschen Kriegsführung hat, ist es leichter: Er schweigt, um nicht aufzufallen, schaut aber umso genauer hin. Da es meist seine Perspektive ist, aus der Geiger erzählt, wird darüber eine literarische Reminiszenz akut, die man bislang mit diesem Autor kaum verbunden hätte: Arno Schmidt. Die Erzählhaltung von dessen 1949 erschienenem Debüt, der in der Endphase des Kriegs spielenden Flüchtlingsgeschichte „Leviathan“, erscheint wie eine Blaupause für Geigers Hauptfigur in deren Verschlossenheit und zugleich sezierendem Blick auf den sie umgebenden Mikrokosmos aus Verblendeten und Verzweifelnden. Auch die Flucht aus dem Kriegsalltag, der durch überfliegende Bomberflotten in Mondsee ebenso präsent ist wie auf Schmidts immer wieder stockender Zugfahrt, in die Liebe verbindet beide Bücher. Und wenn es Geiger als 1968 geborenem Autor derart grandios gelingt, das beklemmende Nebeneinander von Untergang der Gesellschaft und Beharrungswillen des Individuums zu beschreiben, dass man sich an den Kriegszeitzeugen Arno Schmidt erinnert fühlt, dann zeigt das einmal mehr, über was für ein literarisches Vermögen dieser Schriftsteller verfügt.

Es gibt zudem eine formale Novität in Geigers Roman, die wie ein Zuzwinkern hin zum in die narrativen Möglichkeiten typographischer Effekte verliebten Schmidt wirkt: den Schrägstrich. Immer wieder, durchschnittlich gewiss einmal pro Seite, wird mitten im Absatz dieses Zeichen gesetzt, ohne dass damit eine andere inhaltliche Funktion verbunden wäre als ein kurzes Innehalten. Es handelt sich also wie auch bei Schmidts entsprechenden Schreibgepflogenheiten um eine Rhythmisierung des Textes, eine rhetorische Funktion, die fürs Vorlesen – wozu der Roman durch seine persönliche Sprache einlädt – ohnehin denkbar gut geeignet ist. Ansonsten scheint es aber im Falle Geigers eher eine Marotte zu sein. Oder eben doch eine subtile Hommage?

War das etwa tatsächlich wahr?

Die Homogenität der Erzählstimme wird in „Unter der Drachenwand“ dreimal dreifach gebrochen: durch Erlebnisschilderungen anderer unfreiwilliger Kriegsteilnehmer. Da ist einmal die in Darmstadt verbliebene Mutter der ins Salzkammergut zur Erholung nach der Geburt ihres Kindes gereisten jungen Frau. Aus ihren Briefen an die Tochter erfahren wir, was die über Mondsee hinwegfliegenden Bomber in den Städten anrichten. Aus Wien wiederum schreibt ein siebzehnjähriger Junge an seine mit ihrer Schulklasse evakuierte Freundin über die eigenen Gefühle und Erlebnisse in der Heimatstadt. Und ein anderer Wiener, ein jüdischer Zahntechniker, der den älteren Sohn mit einem Kindertransport nach Großbritannien hat retten können, aber selbst mit Frau und anderem Sohn zurückbleiben musste, berichtet seiner in einem neutralen Staat lebenden Cousine von den immer aussichtsloseren Versuchen, erst in Österreich und dann in Ungarn zu überleben. Diese Stimmen bringen den Krieg mitten ins scheinidyllische Leben.

Wie sie allerdings überhaupt im Kontext des Romans erklingen können, wie also diese jeweils schriftlich fixierten Zeugnisse, die zudem im Laufe des Buchs ihren Charakter ändern – das landverschickte Mädchen verschwindet spurlos, kommt also als Adressatin der Briefe ihres Freundes nicht mehr in Frage; der schließlich von den Deutschen erhaschte Zahntechniker wechselt als Zwangsarbeiter zu heimlichen Aufzeichnungen –, die Zeiten überdauert haben, das lässt Geiger teilweise bewusst offen. Es tut aber auch nichts zur Sache, denn selbst die personell gar nicht an die Haupthandlung angebundenen Berichte des jüdischen Wieners sind erzählerisch organisch eingepasst – weil sie eine Facette des Jahres 1944 offenbaren, die für unser Verständnis des Stoffs wichtig ist. Erst das Nebeneinander von Hoffnung und Horror, von erfolgreicher und erfolgloser Zuflucht, schafft die ebenso bedrückende wie beglückende Stimmung dieses Romans.

Es ist ein großartiges Buch, das Arno Geiger, einen der erfolg- und wandlungsreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrzehnts, von einer wieder einmal ganz neuen Seite zeigt: diesmal als historischen Chronisten, auf den Spuren eben von Seethaler, Arno Schmidt oder auch Christoph Ransmayr, dem in „Morbus Kitahara“ ein ähnliches Stimmungskunststück geglückt ist. Aber anders als diesen dreien gelingt Geiger mit einem letzten Kapitel aus eigener Perspektive der Geniestreich, das vorherige Geschehen nicht nur zu Ende zu erzählen, sondern dabei die Grenzen zwischen Fiktion und etwaig realer Quellenbasis so subtil zu verwischen, dass man sich nach der Lektüre in dieselbe unsichere Geborgenheit versetzt sieht, von der gerade noch erzählt wurde. War all das, was doch nicht wahr zu sein schien, am Ende tatsächlich wahr? Die Literatur ist ja auf ihre Weise wahrhaftig. Diese ist es allemal.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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