Roman von Antje Rávik Strubel

Der Fall ins Bodenlose

Von Nils Kahlefendt
15.10.2021
, 20:10
Naht Rettung in Helsinki? Dorthin jedenfalls flieht die Protagonistin in Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“, schwer traumatisiert.
Männermacht löst weibliche Ohnmacht aus: Antje Rávik Strubels neuer Roman „Blaue Frau“ erzählt von sexualisierter Gewalt und ihren Folgen – nicht nur als individuelle Leidensgeschichte, sondern als strukturelles gesellschaftliches Problem.
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Am 18. September 2006 verlässt die einundzwanzigjährige Tschechin Adina mit einer Gürteltasche gesparter Euro, einem 50-Liter-Rucksack und jeder Menge Hoffnung auf Zukunft den Busbahnhof von Liberec. Ihr Bus fährt „in die richtige Richtung“, nach Deutschland, wo mit Angela Merkel zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Regierung steht. Gleichsam aus dem Off schaltet Antje Rávik Strubel einige Sätze aus der Regierungserklärung in die Szene, die Merkel bereits im November 2005 abgegeben hat: „Lassen Sie uns verzichten auf die eingeübten Rituale, auf die reflexhaften Aufschreie, wenn wir etwas verändern wollen. Niemand kann uns daran hindern, neue Wege zu gehen.“

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Adina, der man bereits vor zwanzig Jahren in Rávik Strubels Episodenroman „Unter Schnee“ als „letztem Teenager von Harrachov“, dem kleinen Skiort dreißig Kilometer südöstlich von Bautzen, begegnen konnte, kennt diese Rede nicht. Sie kennt nur Merkels Stimme aus dem Radio. Doch sie, die in Berlin einen Sprachkurs belegen, später studieren will und all das Neue mit der Unerschrockenheit einer Naturforscherin in den Blick nimmt, mutig wie bei ihren halsbrecherischen Tiefschneeabfahrten mit blinkender Stirnlampe daheim im Riesengebirge, würde jeden Satz leidenschaftlich bejahen: eine starke Frau am Anfang des neuen Jahrtausends.

Keine zwei Jahre später wird sich Adina, schwer traumatisiert, in einem Plattenbau in Helsinki einigeln, nach der brutalen Vergewaltigung durch einen hochrangigen deutschen Kulturmanager und einer atemlosen Flucht, bei der sie drei Grenzen, drei Sprachen hinter sich gelassen hat. „Sie ist in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind und die Menschen eine andere Sprache sprechen, wo das Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat.“

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 430 S., geb., 24,– €
Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 430 S., geb., 24,– € Bild: S. Fischer

An ihrem der 2017 verstorbenen Freundin und Mentorin Silvia Bovenschen gewidmeten Roman, der das Psychogramm einer um die eigene Identität ringenden Frau und zugleich ein breit angelegtes europäisches Gesellschafts- panorama zu MeToo-Zeiten ist, hat Antje Rávik Strubel, wie sie im Nachwort festhält, mehr als acht Jahre gearbeitet. Es ist ihr wohl kühnster erzählerischer Wurf, seit sie 2001 in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem Debüt „Offene Blende“ den Ernst-Willner-Preis erhalten hat.

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Adinas Geschichte wird, in jeweils geänderter Tonalität, über vier Romanteile entwickelt, an unterschiedlichen Hauptschauplätzen zwischen Helsinki, Berlin und der östlichen Uckermark sowie mit wechselndem Personal im Vordergrund. Erzählt wird nicht linear, sondern in einem raffinierten Wechsel von Vorausdeutungen und assoziativen Er­innerungssplittern. In der finnischen Hauptstadt, wo der Roman einsetzt, muss der Leser die Protagonistin zunächst ganz nach unten begleiten. Wie in Nebel stochernd, müht sich eine zutiefst verletzte Frau, „die Handgelenke lose, wie aus der Verankerung gerissen“, um Zugriff auf ihr in Scherben liegendes Lebens. Was bleibt, neben Albträumen, Rachephantasien und Viru Valge, dem eiskalten finnischen Seelentröster?

Ein Geräusch, das vom Tod kam

Da sind Short Cuts der eher tristen Nachwende-Kindheit eines Mädchens am Fuß des Krkonoše, das zur Samtenen Revolution gerade fünf ist. Nach dem Tod des Partisanen-Großvaters wächst Adina unter Frauen auf und wird nur vom digitalen Lagerfeuer eines Chatrooms gewärmt, in dem sie sich „der letzte Mohikaner“ nennt. Wenn sie den Krieger aus Coopers Klassiker in sich spürt, fühlt sie sich frei und ohne Angst, jenseits jeder geschlechtlichen Determination. Und schließlich ist da noch der estnische EU-Diplomat Leonides Siilmann, der sich in der Hotelbar, in der Adina schwarzarbeitet, in sie verliebt. Die Begegnung mit dem feingeistigen Professor, der statt Virginia Woolf eher Zygmunt Baumann oder Umberto Eco liest und die „Dunkelstellen“ des Stalinismus freilegen möchte, ist für Adina ein Durchatmen, ein Luftholen – mehr nicht.

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Denn für die existenzielle Not seiner Geliebten hat Leonides kein Gespür: „Bei seinem Einfühlungsvermögen, das für ganz Europa reicht, hätte ihm auffallen müssen, dass etwas nicht stimmte mit ihrer Haut, mit ihrem Zurückzucken im Bett, etwas, das in Ordnung gebracht werden musste.“

Schritt für Schritt steigt der Leser mit Adina zurück ins Herz des Schreckens: Als ihr die lesbische Fotografin Rickie, für die sie in Berlin nach den Deutschkursen Modell steht und die in ihren Bildern „den letzten Mohikaner zum Vorschein“ gebracht hat, einen Praktikumsplatz auf einem Gut in der Uckermark vermittelt, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem hemdsärmeligen Selfmademan Razlav Stein, einem Ex-NVA-Offizier, der in der uckermärkischen Pampa ein Kulturzentrum als Ost-West-Drehscheibe ausbauen will, und dem westdeutschen „Multiplikator“ Johann Manfred Bengel, einem „uralten Mann in Turnschuhen“, der dafür die nötigen Fördertöpfe anzapfen und Kontakte herstellen soll, gerät für Adina zur Falle. Als sie, anderthalb Jahre später, auf einem Kulturempfang in Helsinki, zu dem sie Leonides begleitet, hinter sich Bengels Räuspern hört – „ein Geräusch, das vom Tod kam“ –, fällt sie ins Bodenlose.

Als wäre Sozialisation eine Art Smog

Mit der Aktivistin Kristiina, die sich Adinas annimmt und den vierten Teil des Buchs dominiert, rücken sexualisierte Gewalt und der Umgang mit ihr nicht mehr nur als individuelle Leidensgeschichte, sondern als strukturelles gesellschaftliches Problem in den Blick. Die akribisch aufgebotenen Fakten, unter deren Last das kunstvolle Romangebäude gegen Ende hin ächzt, sind erschreckend genug: „Sexualisierte Gewalt gilt überall als sicheres Verbrechen.“

Was aber hat es mit der titelgebenden „blauen Frau“ auf sich? Eine weitere Erzählebene dieses an Spiegelungen und literarischen Verweisen von Ilse Aichinger bis Joan Didion nicht eben armen Romans verfolgt deren Begegnungen mit einer eng an die Autorin gebundenen Ich-Erzählerin, die in Helsinki für ein Romanprojekt recherchiert. In den anfangs wie kleine Prosagedichte eingestreuten, später weiter ausgreifenden Passagen gibt die blaue Frau, als eine Art Katalysatorin des Erzählens, die poetischen Obertöne des Romans vor; sie bestimmt, wer spricht, sprechen darf: „Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten.“ In Rávik Strubels Roman werden immer wieder Machtverhältnisse durchdekliniert: Meist sind es die zwischen Männern und Frauen, hin und wieder, wie in Rickies Berliner Bo­hème-Clique oder im Fall von Bengels Schweizer Begleiterin, die die Augen vor der Vergewaltigung verschließt, jene ­zwischen Frauen. Aber auch die (Macht-)Strukturen zwischen Ost- und Westeuropa, Ost- und Westdeutschland werden seziert, in der Figur des taten­armen, doch gedankenvollen Leonides oder im Fall des bitterböse überzeichneten Herr-und-Knecht-Duos aus Bengel und Stein.

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Auch die der Autorin sehr ähnliche Ich-Erzählerin, die bei Erscheinen ihres vierten Romans („Tupolew 134“, 2004) genauso lang in der Bundesrepublik gelebt hat wie in der DDR, weiß um all diese Antagonismen. Als ostdeutsche Schriftstellerin zu gelten, schien ihr damals fad. „Nach entsprechender Zeit war ich selbst westdeutsch geworden, als wäre Sozialisation eine Art Smog, der einen ihm ausgesetzten Körper durchdringt. Erst im Brodeln von Paris, New York und Helsinki, in der Salzluft des Pazifiks und den eisigen Weiten Lapplands löste er sich auf.“ Finnland erscheint ihr fast ideal, als „Gehirn mit zwei Gedächtnissen“. Eine Insel der Seligen ist das Land, in dem der von Kristiina spöttisch „Saunapräsident“ genannte Urho Kekkonen 25 Jahre lang Politik nach Männerart machte, keineswegs. Doch vielleicht können die bisher übersehenen Geschichten hier besser geschrieben werden?

Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 430 S., geb., 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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