Gores „Der Geldverleiher“

Aus diesem Stoff könnte eine gute Fernsehserie werden

Von Jürgen Kaube
01.12.2021
, 14:39
In diesem Getriebe ließen sich gute Geschäfte machen – und Existenzen zerstören. Die britische Hauptstadt im mittleren neunzehnten Jahrhundert, wie Gustave Doré sie gesehen und für sein 1872 erschienenes Buch „London: A Pilgrimage“ in Kupfer gestochen hat.
Die englische Schriftstellerin Catherine Gore kennt hierzulande kaum jemand. Theodor Fontane hat sie zwar übersetzt – doch übers Manuskript kam er nicht hinaus. Jetzt erscheint dieser Roman „Der Geldverleiher“ erstmals auf Deutsch.
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Der Roman beginnt mit einer großartigen rhetorischen Figur. Auf den ersten vier Seiten wird ausgeführt, dass die Laster über die Gesellschaft wie Epidemien herrschen. Sehr allgemein. Raub und Mord seien als barbarische Verbrechen inzwischen durch „Ordnung und Gesetz“ unterdrückt worden, doch stattdessen seien Lug und Trug die Zeichen einer überreifen Zivilisation. Schon etwas konkreter. Der Sieg über Napoleon habe in den ersten fünfzehn Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die Seelen der Engländer gereizt, in Überschwang versetzt, maßlos und wild gemacht. Ziemlich zeitgenau. Sie fingen an, zu spielen, zu konsumieren und ihr Vermögen zu verschwenden. Also machten sie Schulden und wendeten sich darum – an den Helden dieses Romans.

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Selten dürfte ein Romanheld seit Homer mit einer solchen aus höchster Höhe auf ihn herabstürzenden Kamerafahrt und so prinzipiell eingeführt worden sein. Catherine Gore, die es auf diese ­Weise tat, hatte gar keine philosophischen Absichten. Sie verstand nur die Techniken, Spannung zu erzeugen. Zwischen 1823 und 1858 hat sie mehr als siebzig Werke publiziert: zumeist Romane und Erzählungen, zehn Theaterstücke. Vom „Geldverleiher“ wurden in zwölf Jahren vierzehntausend Exemplare verkauft, für die Zeit eine sehr respektable Menge. Da die meisten Leser sich in Leihbibliotheken versorgten, war ihre Zahl um ein Viel­faches höher. Den Durchbruch am eng­lischen Buchmarkt erzielte Gore 1841 mit „Cecil oder Abenteuer eines Gockels“. Ein guter Titel, denn an der Darstellung von Gockeln – überwiegend männlichen, aber nicht nur – lag ihr viel. Hierzulande ist sie leider völlig unbekannt.

Silbergabelromane erzählen von der Welt der Oberschicht

Ihre Romane werden der Gattung der „Silver Fork Novel“ zugeordnet, ein Name, den William Hazlitt 1827 im Umlauf gebracht hatte, um sich über eine Literatur lustig zu machen, die mehr daran interessiert war, mit welchem Besteck die Bessergestellten Fisch aßen, als für ihre Gefühle und Taten. Thomas Carlyles herrliche Geschichte vom „wiedergeschneiderten Schneider“, der „Sartor Resartus“, in der ein deutscher romantischer Professor an einer Philosophie der Kleider arbeitet, hat 1838 diesen Spott perfektioniert. Es waren Jahrzehnte, in denen viel über den Unterschied von Schein und Wesen sowie die Darstellungsüberschüsse im geselligen Verkehr nachgedacht wurde. Besonders in der Großstadt war es nicht leicht herauszufinden, was hinter großen Auftritten steckt. Womöglich war alles nur Fassade.

Catherine Gore: „Der Geldverleiher“. Ein viktorianischer Roman.
Catherine Gore: „Der Geldverleiher“. Ein viktorianischer Roman. Bild: Die Andere Bibliothek

Die Silbergabelromane, zu deren be­kanntesten Autoren Edward Bulwer Lytton („Pelham“) und Benjamin Disraeli („The Young Duke“) gehörten, erzählten den Lesern aus der Mittelschicht von der Welt der Oberschicht, von Reisen, Luxuskonsum und von der Mode. „Was weiß mein Sohn denn von Herzögen?“, soll Disraelis Vater gefragt haben und traf damit eine durch Welthandel, Tourismus und Großstadtleben entzündete Phantasie. Von Herzögen musste man nur so viel wissen wie heute die „Bunte“, nämlich fast gar nichts. Denn es ging nicht um Herzöge an sich, sondern um solche für das Publikum. Dem Genre trug das und die detailreiche Beschreibung der Warenwelt den Verdacht ein, eine höhere Form von Reklame zu sein. Hazlitt beschwerte sich über zu viel „Macassar Öl, Kölnisch Wasser, Seltzer-Sprudel, Ottos Rosen­extrakt und göttliche Pomade“ in den Romanen.

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Wenn die Aristokratie ihre Funktion verliert

Das traf manche Hervorbringung, aber nicht alle Romane von Catherine Gore. In ihrem Frühwerk erklärt sie ganz offen, Plots und Personenkonstellationen aus Jane Austens („Mrs. Austin“!) Romanen in die Londoner Oberschicht zu verlegen, und schulte sich ein wenig am Stil der Vorgängerin. In ihren Werken ist entsprechend die Kritik an der Aufgeblasenheit und dem Egoismus prätentiöser Schichten spürbar. Deren verkapselte Härte wird geschildert, ihr verzweifelter Versuch, einem Publikum zu gefallen, das sie eigentlich verachten, ihre Dummheit. Im Grunde wird für eine Mittelschicht geworben, die sich von den Übertreibungen des Konsums fernhält und zugleich für ihn empfänglich ist. Sieben Jahre lang hielt sich Gore in Paris auf, wo gerade die ­große Stadt und ihre Untergründe zum literarischen Motiv geworden waren.

Gores „Geldverleiher“ war 1842 nach ihrer Rückkehr aus Frankreich erschienen. Balzac schließt gerade seine „Verlorenen Illusionen“ ab, als die Zeit der Reforminitiativen des liberalen britischen Adels, an den sich viele Silbergabelschmiede angelehnt hatten, schon wieder vorbei war. Gores Roman schildert eine Welt, in der die Aristokratie allmählich ihre Funktion verliert, der Gesellschaft als solcher vorzustehen. Er kritisiert den Antisemitismus in den Oberschichten an­hand des pseudonymen Titelhelden A.O. Der scheint zunächst vor allem ein schattenhafter Kredithai zu sein, erweist sich aber allmählich als der einzige Träger von ökonomischem Verstand in ganz London. A.O. ist der, den alle aufsuchen, wenn sie illiquide sind, den aber niemand je weiterempfohlen hat, der einmal seine Dienste in Anspruch nahm; eine Art Gespenst.

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Die Topographie Londons

Denn Abednego Onsalez, wie er aus­geschrieben heißt, ist auch ein vorweg­genommener Graf von Monte Christo, der sich an der vermeintlich guten Gesellschaft für die Zurückweisung rächen will, die er durch sie erfährt. „Der Wolf ist wild, wenn man Jagd auf ihn macht“, sagt er in seinem langen Schlussbekenntnis mit einem verhaltensbiologisch gewagten Bild. Man redet schlecht über den angeb­lichen Juden, ignoriert, dass er, wie schon sein Großvater, aufrichtig christlichen Glaubens ist und konvertierte, verwehrt ihm die Zugänge zur Oberschicht, aber sucht ihn heimlich auf, weil das „bloße Geld“ doch eben begehrt wird. Weil er das schlechte Gewissen der Oberschicht ist, kann er tun, was er will, das Stigma wird er nicht los.

Dass Gore hier einen Konvertiten zum Opfer des Vorurteils macht, deutet an, was ihr als Forderung von Toleranz möglich schien. Anders als im französischen Pendant von Alexandre Dumas, das von 1844 bis 1846 erschien, erzählt Gore die Geschichte des Helden nicht direkt, sondern erschließt sie Schritt für Schritt durch die Geschichte eines seiner Kreditnehmer, des Gardeoffiziers Basil Anne­sley. Der wiederum nimmt seine Schulden durchaus uneigennützig auf, um einen Emigranten zu unterstützen, der unter dem Druck der Karlsbader Beschlüsse von Heidelberg nach London floh. Weil es ein Maler ist, kann Gore auch alle Aspekte der künstlerischen Freiheit und des Kunstmarktes, der sie gängelt, mit in ihre Darstellung hineinziehen.

Keine Angst vor Pathos!

Die Topographie Londons wird dabei fast vollständig abgeschritten: von den Villenvierteln über die City, die Spiel­salons und die Gefängnisse bis zum East End und der Paulet-Street, in der noch nie eine Kutsche gesehen wurde. Gore schrieb für Leser, die das kannten. Heute liest es sich wie eine Einführung in die Londoner Milieus jener Zeit. Bettler, ­Auktionatoren, Dandys, Polizisten und Opernsänger und müßiggängerische Lords haben ihren Auftritt. Allegorisch aufgefasst, sagt Gore, dass die Stadt weniger durch Kapital oder Arbeit als durch Schulden zusammengehalten wird: „Zu den traurigen Wahrheiten der Fashion, deren Seltsamkeit oft jede Dichtung übersteigt, gehört vorzüglich die, daß man bei einer Rente von zwanzigtausend Pfund jährlich für fünfundzwanzigtausend mit Leichtigkeit entlehnen kann.“

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Das alles ist in eine Geschichte ein­gebracht, die wenig riskant erzählt wird, kein Pathos scheut und ein anrührendes Ende hat. Die Figuren handeln, einmal gekonnt eingeführt, wenig überraschend. Heute würde man eine Fernsehserie daraus machen, und es könnte eine sehr gute werden. Gore wollte unter­halten, und das ist ihr sehr gelungen. Wer nicht darauf besteht, Romane sollten die Weltsicht ihrer Leser erschüttern, wird hier nichts zu beanstanden haben. Wobei viele Leser des Romans von Catherine Gore gerade in puncto Judentum durchaus eine andere Weltsicht gehabt haben dürften. Insofern darf der Roman zumindest moralisch mutig genannt werden.

Dass Catherine Gores Buch jetzt auf Deutsch erscheint, liegt aber weniger an ihrem Mut und ihrer Unterhaltungskraft, sondern an ihrem Übersetzer. Der junge Theodor Fontane hatte während seiner Ausbildung zum Apotheker begonnen, sich stark für die englische Literatur und für die Verhältnisse in der führenden Industrienation wie ihrer Hauptstadt zu interessieren. So stieß er in einer schottischen Monatszeitschrift auf den „Geldverleiher“, der dort als Fortsetzungs­roman erschien, und fertigte sofort eine deutsche Fassung an. Mitunter übersetzte er dabei den Londoner Dialekt ins Ber­linerische. Aus „I’ve been watchin on him this quarter of an hour“ wird „Ick hab ihn schonstens seit ne Viertelstunde uf de Kieke“. Mitunter färbte er den englischen Adel preußisch ein. Aus „What a devil of a show up“ wird „Verteufelter Anblick das!“, und wo die Adligen im Deutschen gern „Auf Ehre!“ rufen, steht im Eng­lischen gar nichts.

Einen Verleger fand Fontane dafür nicht. Dass das lange verschollen ge­glaubte Manuskript mit dem Titel „Abednego der Pfandleiher“ über verwinkelte Wege, die bis ins amerikanische Milwaukee reichten, doch erhalten blieb, ist ein ­kleines Wunder. Iwan-Michelangelo D’Apri­le, Verfasser der schönsten Bio­graphie Fontanes, hat es ­wiedergefunden und jetzt herausgegeben. Zum einen ist es ein richtiger Schmöker. Zum anderen ein äußerst interessantes Buch des Übergangs von der romantischen Schauer­geschichte zum realistischen Ro­man. Für die Weihnachtslektüre kann man es nur empfehlen.

Catherine Gore: „Der Geldverleiher“. Ein viktorianischer Roman. Aus dem Englischen von Theodor Fontane. Die Andere Bibliothek, Berlin 2021. 472 S., geb., 44,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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