Roman von Colson Whitehead

Amerika spielt mit gezinkten Karten

Von Florian Balke
25.08.2021
, 22:08
Ruhe nach dem Sturm: eine Straße in Harlem am 21. Juli 1964, dem Morgen nach der Nacht, in der James Powells Tod Ausschreitungen provoziert hatte.
Lebst du noch oder dealst du schon? In „Harlem Shuffle“ erzählt Colson Whitehead die Geschichte eines einfachen Mannes im New York der sechziger Jahre und zeichnet dabei ein Sittenbild Amerikas.
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Dass im Paradies die Schlange wohnt, ist von der ersten Seite an ablesbar. Schlaglöcher machen Ray Carneys Touren auf dem erst wenige Jahre zuvor fertiggestellten West Side Highway zum Abenteuer. Ray, ein schwarzer Selfmademan aus Harlem, kämpft um sein Einrichtungsgeschäft. Zu vielen Kunden gestattet er den Kauf auf Raten, zu vielen säumigen Zahlern Verzug. Dass das Unternehmen ihn und seine kleine Familie nicht mehr trägt, ist offensichtlich. Er weiß es selbst. So zwingen die Umstände ihn zur Nebenbei-Hehlerei und zu Ausflügen an die Südspitze Manhattans, wo er die bei ihm gelandete heiße Ware in Umlauf bringt.

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Colson Whiteheads neues Buch ist hinter der Fassade eines Romans über den Besitzer eines Möbelgeschäfts von Anfang an auch ein Roman über einen Gangster. Obwohl Ray das so nie sagen würde. Zwischenhändler ist er, Mittelsmann: „Er war eine Wand zwischen der kriminellen und der ehrlichen Welt, notwendig, weil er die Last trug.“

Burlesker, schneller, böser

„Harlem Shuffle“ heißt das Buch, das diese Woche noch vor dem englischsprachigen Original in deutscher Übersetzung erscheint und von Rays erzwungener Bewegung in eine ungewollte Richtung erzählt, die er als erprobter Verkäufer schöner Dinge elegant auffängt. All das ist, obwohl der Name des Buchs nach Angaben des Autors lediglich auf einem alten Song beruht, auf eine für die durch und durch dichterische Wortkunst dieses Erzählers sehr bezeichnende Weise bereits in der zweiten Hälfte des Titels enthalten. Shuffle, das ist das Hin und Her, das trickreiche Ausweichen, ein Tanzschritt und das Mischen von Karten. Mühe, Leichtigkeit, Glück und Zufall, die der Name des Buchs andeutet, regieren das gesamte Werk, das mit Rays Traum vom erfolgreichen Harlemer Unternehmertum beginnt, vom Etwas-aus-sich-Machen, vom „Aufmöbeln“, aber auf kaputte Häuser und Straßen zusteuert.

Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Roman.
Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Roman. Bild: Hanser Verlag

Seit Whiteheads erstem Pulitzerpreis (für „Underground Railroad“) warten Kritiker und Leser mit Spannung auf neue Romane des 1969 in New York geborenen Autors. Seit dem zweiten für „Die Nickel Boys“ erst recht. Was wird er als Nächstes machen? Und wie? „Harlem Shuffle“ ist intimer, burlesker, schneller, böser, auch humorvoller als die Vorgängerromane und belegt einmal mehr, dass dieser Autor aus jedem Werk etwas Neues machen will, obwohl er sich zur Erzeugung seiner dichten Gewebe aus kurzen Szenen, langen Bögen und mit wenigen Strichen scharf umrissenen Figuren auch hier auf Wiederholungen, Korrespondenzen, Entsprechungen verlässt, auf die nichtzeitliche, nicht ursächlich verbundene Verknüpfung weit voneinander entfernter Textmomente.

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Der friedlichere Raum ist eine Täuschung

Über Stoff und erzählerische Verfahren herrscht Whitehead ebenso souverän wie Ray über seinen Laden. Architektur und Inneneinrichtung des Romans stammen von einer meisterlichen Hand, die alles so lange hin und her schiebt, bis es ins richtige Licht gerückt ist und auf das junge schwarze Paar, das ein Kind erwartet, den gegen Ray ermittelnden weißen Cop oder die Käufer von „Harlem Shuffle“ den bestmöglichen Eindruck macht. Whitehead, der eine weitere halb vergessene, halb verdrängte Episode schwarzer Geschichte in den Kanon der zeitgenössischen amerikanischen Literatur einschreibt, ist Mittelsmann wie Ray, ist Vergangenheits­zwischenhändler für die Geschichtskonsumenten der Gegenwart, Arrangeur einstiger und gegenwärtiger Wirklichkeit im Showroom der Kunst.

Diesmal aber, so scheint es zumindest, geht es neben der einen oder anderen kleinen Gaunerei doch eigentlich nur um Zimmer, Wohnungen, Häuser. Nicht um Sklavenstaaten und eine real existierende Untergrundbahn in die Freiheit oder um Schlafsäle und Gräber in einem Fürsorgesystem aus Zwang und Vernachlässigung. Für die erwachsenen Bewohner des Harlems der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts steht weniger auf dem Spiel als für die Sklaven der Zeit vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs oder für Kinder, die hilflos dem Missbrauch durch erwachsene Autoritätspersonen ausgesetzt sind. Stattdessen geht es um Sitzgarnituren, schonende Plastikbezüge und Musik­truhen, die der Fortschritt der Unterhaltungselektronik zu Ladenhütern gemacht hat.

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Möbel und krumme Dinger

Aber der familiärere und friedlichere Raum ist eine Täuschung. Zunächst zieht Rays Cousin Freddie ihn in den Überfall auf das Hotel Theresa hinein, jahrzehntelang einer der Mittelpunkte des schwarzen Lebens in Harlem, nun in die Jahre gekommen, aber noch immer belebt, voll betuchter Gäste, ehrwürdig, eine Institution: „Das Hotel Theresa auszurauben war so, als würde man gegen die Freiheitsstatue pinkeln.“

Die Sache geht für Ray im Jahr 1959, dem der erste der drei Teile des Romans gewidmet ist, einigermaßen gut aus. Noch besser läuft es für ihn 1961, als er den Drogenhändler Biz Dixon an die Polizei verrät und an der öffentlichen Demütigung des Bankiers Wilfred Duke mitwirkt, der ihm die Aufnahme in einen angesehenen Club verweigert hat. Harlems „größten Niemand“ nennt ihn der korrupte Polizist Munson, der von ihm Schutzgeld nimmt wie der Gangster Chink Montague. Am allerbesten aber gerät Ray, der mit Möbeln und krummen Dingern beschäftigt ist, 1964 sein blutiger Kampf gegen eine reiche Familie weißer Projektentwickler und Bauunternehmer aus der Park Avenue, die mit Immobilien spielt und dabei noch krummere Dinger dreht.

Die Stimme von Baudelaires Katze

Ray ist ein Gauner, aber auch Amerika spielt mit gezinkten Karten. In der von Whitehead errichteten Welt der Fassaden ist daher auch das Erzählte immer mehr als es selbst. Denn im Kleinen liegt das Große beschlossen, im Exempel die Moral, und Rays Leben ist auch als Geschichte darüber zu lesen, wie das schwarze Amerika sich vergeblich einzurichten versucht im Haus Manhattans, New Yorks und der Vereinigten Staaten.

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Dass aus alldem kein allegorisches Pappmaché wird, verdankt sich Whiteheads Fähigkeit zum Unterlaufen von Konventionen. Das Buch, das im Nebeneinander von Alltag und Verbrechen zahlreiche Variationen des amerikanischen Gangster-Topos aufruft, vom „Paten“ bis zu den „Sopranos“, erfüllt keine dieser Erwartungen wirklich, deutet an, ist schnell wieder ganz woanders. Es stützt sich auf die Wahrnehmung Rays, geht aber umstandslos zu wohlinformierten Berichten über Dinge über, die er aus Gesprächen mit seinen Freunden nur gerade eben noch wissen kann. Von dort aus springt es mitten hinein in die Wahrnehmung dieser Nebenfiguren. Whitehead erzählt wie Baudelaires Katze, die im Hirn des Dichters ein und aus geht, als wäre es ihre Wohnung.

Aus den Unruhen schließlich, die nach der Ermordung des schwarzen Schülers James Powell durch den weißen Polizisten Thomas Gilligan am 16. Juli 1964 ganz Harlem erfassen, hätten andere Autoren ein großes Schaustück offensichtlicher Gegenwartsbezüge gemacht. Anders Whitehead. Als sein Roman im Juli 1964 ankommt, sind die sechs Aufruhrnächte gerade vorbei. Auf den nächsten 130 Seiten tauchen sie lediglich im erzählerischen Rückspiegel wieder auf. Ray macht einen Spaziergang und sieht Lucky Luke’s Shoe Repair an der 125. Straße als geschwärzte Ruine, nebenan sind einige Blocks unberührt: „Dann bog man um die Ecke und zwei Autos lagen auf dem Dach wie fette Käfer und ein Tabakladen-Indianer stand enthauptet vor einer Reihe eingeschlagener Schaufensterscheiben.“

Am Schluss ist ein ganzes Stadtviertel in Aufruhr gewesen, ein anderes abgerissen und die Baugrube für das World ­Trade Center schon bereitet. „Wenn man die Wut, die Hoffnung und den Zorn sämtlicher Menschen von Harlem in eine Flasche füllte und eine Bombe daraus machte, sähe das Ergebnis in etwa so aus“, denkt Ray beim Anblick der Baustelle. Aufbauen, zerstören – die Kräfte, die New York verändern und den Menschen in ihren Klauen halten, versucht Ray im Gestalten zu bändigen. Es gelingt ihm zwischen dem Verhökern von Schmuckstücken und dem blutigen Tod seiner Gegner nicht immer. Das bleibt dem Roman vorbehalten, der gegenüber der Geschichte den unfairen Vorteil hat, die Zerstörung in einer reinen Aufbauleistung auffangen zu können. Das allerdings gelingt ihm grandios.

Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag, München 2021. 384 S., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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