Literatur aus Israel

Das Handwerk des Tötens

Von Sandra Kegel
23.04.2021
, 18:11
Israelische Soldaten  in Jerusalem
Innen sweet, außen stachelig: Der israelische Autor Yishai Sarid erzählt in seinem neuen Roman „Siegerin“ von der Zumutung, die es bedeutet, junge Menschen in den Krieg zu schicken.

Das Werk des israelischen Schriftstellers Yishai Sarid ist umstellt von Monstern. Die Protagonistin seines neuen Romans „Siegerin“ arbeitet mit israelischen Soldaten, denen sie die Psychologie des Tötens nahebringt: Wie sie im Gefecht überleben und andere töten können ohne seelische Folgeschäden, das ist ihr Thema. Sie gilt als die Beste auf diesem Terrain, und wenn sie mit ihren jungen Soldatinnen und Soldaten zum Beispiel „Taxi Driver“ schaut, um am von Robert De Niro gespielten Travis Bickle die Folgeschäden des Krieges zu studieren, bereitet ihr selbst das ein gewisses Vergnügen. Darüber zu reden, was der Krieg mit einem macht. Wie das Töten und auch das Wissen darum, selbst Ziel des Tötens zu sein, Narben auf der Seele hinterlässt, die sich zu Albträumen wandeln, zu chronischer Nervosität, zu Depression.

Dass die meisten Menschen vor dem Töten in Wahrheit zurückschreckten, außer den wenigen, die dazu geboren seien, auch das weiß die hochbegabte Ich-Erzählerin Abigail und hat natürlich ebenfalls hier ihre psychologischen Mittel parat, um die Zögerlichen anzufüttern. Eine junge Frau, die in der Vorbereitung zur Kampfpilotin an der Härte der Ausbildung zu zerbrechen droht, richtet sie mit diesen Mitteln entsprechend ab, so dass diese bald darauf zur gefürchteten Kampfpilotin aufsteigen kann, die keines ihrer Ziele verfehlt. Selbst als diese Pilotin bei einem Einsatz nicht nur den obersten Führer der gegnerischen Seite tötet, sondern auch dessen Kind, das sie aus ihrem Jagdflieger nicht gesehen hat, findet ihre Ausbilderin dafür nur entlastende Worte.

Sie fühlt sich zu Monstern hingezogen

Dass sie sich zu den Monstern hingezogen fühle wegen deren Mordlust, gesteht diese Abigail einmal, als ihr ein Freund, heute Künstler, ehemals natural born killer, erzählt, dass er beim Jagen und Töten des Feindes ein geradezu „fantastisches Hochgefühl“ verspüre. „Monster“ hieß auch der vorige, vielbeachtete Roman des 1965 in Tel Aviv geborenen Yishai Sarid, der 2019 ebenfalls von der Übersetzerin Ruth Achlama in ein geschmeidiges Deutsch übertragen wurde. Erzählerisch interessant war daran, wie Sarid auf narrativer Ebene umsetzte, wovon seine Erzählung handelte: von der Erinnerung. Das Monster schilderte der Autor als ein vielköpfiges, denn es bezieht sich sowohl auf die Erinnerung an ein Menschheitsverbrechen, die jeden, der damit zu tun hat, beschädigt, wie auch auf das Erinnerte selbst, die Schoa.

Kein Zufall, dass derjenige den israelischen Schülern auf Besuch im Konzentrationslager in Auschwitz am anschaulichsten den Horror des Lagers beschreiben kann, der selbst niemals dort inhaftiert war. Während der tatsächliche Auschwitz-Häftling das nicht schafft. Er kann sich nicht erinnern, sondern bricht vor Ort zusammen. Der Roman „Monster“ beschreibt nicht nur, wie das Erinnern in Rituale ausgelagert wird, wie es instrumentalisiert und umgedeutet wird, er führt das Erinnern auch als unheimliches Erinnerungstheater vor, in dem der Historiker zum „Händler der Erinnerung“ wird, während die Jugendlichen aus Israel sich in Ausweichrituale flüchten, wenn sie sich im Konzentrationslager in blau-weiße Flaggen hüllen und die Nationalhymne singen.

Obwohl Auschwitz im Roman „Siegerin“ nicht erwähnt wird, ist es zweifelsohne die Grunderfahrung, auf der auch diese Erzählung mit all ihren Ambivalenzen basiert. „Das ist die Essenz des Zionismus: Juden zu erziehen, die sich – anders als im Holocaust: selbst verteidigen können. Heute sind wir stark, keineswegs hilflos, aber unsere Psyche ist immer noch die des schwachen, geschlagenen Kindes, das all seine Kraft nutzen muss, um nicht erneut drangsaliert zu werden“, hat Yishai Sarid dazu in einem Interview gesagt.

Der israelische Schriftsteller Yishai Sarid
Der israelische Schriftsteller Yishai Sarid Bild: P. Matsas/Opale/Leemage/laif

Deshalb lässt uns der Autor in seinem neuen Roman aufs Neue auf die Generation der Schüler von der Polenreise treffen, die jetzt ein, zwei Jahre älter sind, achtzehn Jahre alt, und als Soldatinnen und Soldaten zum Militär eingezogen werden. Niemand, außer orthodoxen und arabischen Israelis, kann sich dem entziehen, Frauen müssen zwei, Männer drei Jahre dienen. Und weil diese Rekruten so unheimlich jung sind und so unerfahren, weil sie mehr Zeit am Bildschirm verbracht hätten als auf der Straße, wie Abigail bedauernd resümiert, setzt das israelische Militär Psychologen wie sie ein zur Vorbereitung des Gefechts. Abigails Vater, Psychoanalytiker alter Schule, kann nicht verstehen, wie seine Tochter sich für das System des Krieges verwenden kann. Und Abigails Sohn, der sich freiwillig zur Armee gemeldet hat, bricht während eines traumatischen Einsatzes zusammen.

Roman mit radikaler Hauptfigur

„Siegerin“ ist ein bitterer Roman mit einer radikalen Hauptfigur, das macht sein Faszinosum aus. Während der Roman „Monster“ die Frage verhandelte, wie man mit Erinnerung umgehen darf und wie Wissen und Erinnerung sich zueinander verhalten, fragt „Siegerin“ nach den Kosten, die ein Land bereit ist, für Freiheit und Sicherheit zu bezahlen. Die Generation der Sabres, also der in Israel geborenen Juden, die von sich sagen, im Inneren lieblich, aber nach außen hin stachelig wie die gleichnamige Kaktusfeige zu sein, müssen sich zu dieser Gefährdung ihrer selbst und der Gegner verhalten. Die immanenten Widersprüche des israelisch- palästinensischen Konflikts, das Chaos der Auseinandersetzung, grauenhaft und moralisch komplex, sind nicht Thema des Romans.

Worum es Yishai Sarid in seinem Buch geht, ist, wie er selbst erläutert, die „israelische Tragödie“. Dass dieses kleine Land ohne sichere Grenzen auf eine starke Armee nicht verzichten könne und dieses Land deshalb die Kinder, Söhne wie Töchter, „in gewisser Weise opfern“ würde. Ob sich Abigails Sohn je davon erholen wird, lässt der Roman offen. Dass er als zartes Kind von seiner alleinerziehenden Mutter schon als Dreijähriger dazu gebracht wurde, sich im Kindergarten mit Fäusten zu wehren, hat ihn vor der späteren Katastrophe jedenfalls nicht bewahren können.

Eine Figur aus der israelischen Gegenwartsproblematik

Abigail geht strategisch und kalkuliert vor, sei es als Kind im Umgang mit der eigenen Mutter oder später mit dem verheirateten Militär Rosolio, von dem sie ein Kind wollte und auch bekommen hat. Sie ist eine Figur aus der israelischen Gegenwartsproblematik, die sich zum namenlosen Vergangenheitsbearbeiter aus Sarids Vorgängerroman „Monster“ ins Verhältnis setzt. Der titelgebenden „Siegerin“ aber setzt der neue Roman auf erzählerischer Ebene die Opfer entgegen.

Yishai Sarid: „Siegerin“. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2021. 254 S., geb., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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