Erzählerin Dorothee Elmiger

Alles auf Zucker

Von Jan Wiele
06.10.2020
, 20:57
Ist das ein Roman, ein Traum oder ein Essay über das Begehren? Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ ist vor allem ein erfreulicher Angriff auf den Literaturbetrieb.

Was haben ein abgestiegener Lottokönig, die Geschichte der Sklaverei am Beispiel der Zuckerplantagen, ein Psychiatrie-Fall des frühen 20. Jahrhunderts sowie das Verweilen auf einem amerikanischen Parkplatz gemein? Wahrscheinlich nichts, außer dass all dies im Bewusstsein einer jungen Schriftstellerin sich bündelt, überlappt, durcheinanderfließt.

Wen das nun kurios oder sogar belanglos anmutet, der sollte vielleicht einen Schritt zurücktreten und sich Gedanken machen, was der Literaturbetrieb uns sonst so an Themen anbietet, an Fabeln, die sich viel einfacher auf einen Klappentext bringen lassen, an Konstruktionen von Wirklichkeit, die man kaum glauben mag. Und dann auf Knien dafür danken, dass dieses Buch einmal etwas anderes liefert.

Die Erzählkrise der deutschen Literatur

Seine Erzählerin thematisiert darin ständig, was es heißt, wenn man „einfach nicht imstande ist, das zu tun, was man gemeinhin unter ‚Erzählen‘ versteht“. Sie erklärt es wie folgt: „Es ist doch ganz einfach so, dass immer alles Mögliche geschieht, während ich da an meinem Schreibtisch sitze, ich höre die Stimmen der Leute auf dem Flur, wie sie aus der Mittagspause und draußen fährt ein doppelstöckiger Intercity aus der Stadt hinaus, Leute in orangen Westen gehen mit Zollstöcken auf das Dach des Nachbargebäudes herüber, und jemand schickt mir eine Nachricht aus Antigua Guatemala, und das muss dann natürlich alles auch erzählt werden, weil das ja die Bedingungen sind, unter denen der Text entsteht, also die Verhältnisse, in denen ich schreibe.“

Die Bedingungen, unter denen ein Text entsteht, mit zu erzählen: Das hat in der Literaturgeschichte schon manche Tradition, nicht zuletzt in der deutschsprachigen und ihrer „Erzählkrise“ etwa seit den sechziger Jahren. Wer angesichts des Zitats zum Beispiel dachte: „Moment mal, ist das nicht das, was Peter Handke seit fünfzig Jahren sucht, das ereignislose, entdramatisierte Erzählen?“, hätte wohl nicht unrecht.

Aber Dorothee Elmiger ist 1985 geboren, und eine Pointe ihres entdramatisierten, selbstreflexiven Erzählens ist im derzeitigen Gros der literarischen Neuerscheinungen aus marktgängiger, „plotgetriebener“ Agenturprosa mit all ihren Toms und Bens und Bibis und Lunas nebst deren Baby-Dialogen auch ein generationelles Statement. Es ist ein Ausbruch aus dem System.

Darüber hinaus sucht die aus Wetzikon stammende Schweizer Autorin, die vor zehn Jahren mit dem Roman „Einladung an die Waghalsigen“ debütierte, das andere Erzählen auch auf eine ganz andere, in mancher Hinsicht vielleicht spezifisch weibliche Weise.

Lektüre, Filme, Träume

Ihr Buch trägt den Titel „Aus der Zuckerfabrik“, und darin selbst bündelt sich schon eine Reihe von Assoziationen, die von historischen Zuckerfabriken über sexuelle Metaphern bis zu solchen für die künstlerische Produktion reichen. Es ist ein Text in aphoristischen Absätzen, gegliedert in Kapitel mit ihrerseits anspielungsreichen Überschriften wie „Plaisir“ „Swan Lake“, „Ávila“ oder „Montauk“, die auf Orte, Personen oder Werke verweisen.

Die Einträge vermischen Tagebuchhaftes mit Eindrücken aus Lektüren, Filmen und Träumen – von Anfang an steht uns die Erzählerin dieses Textes als ein die Wirklichkeit stets im Lichte von Literatur, Kunst und Wissenschaft wahrnehmendes Wesen gegenüber. Auch das ist heute alles andere als selbstverständlich, bedenkt man den immer noch eklatanten Mangel an Darstellung von akademischem Leben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Uneingestandenes sexuelles Verlangen

Zu einem solchen Leben gehört fast zwingend auch eine eingestandene Zitathaftigkeit der Existenz und damit des Textes. Am Ende des Buches finden sich reichlich Fußnoten mit Quellenangaben, und streckenweise erinnert „Aus der Zuckerfabrik“ an das Wagnis des vor einigen Jahren von der Künstlerin U.D. Bauer in der „Anderen Bibliothek“ veröffentlichten Romans „O.T.“, der aus 2857 Zitaten besteht.

Worum geht es also nun in diesem Buch? Die prinzipielle Unbeantwortbarkeit dieser Frage ist Teil seines Prinzips. Eine zugespitzte, freilich unzureichende Antwort wäre: Es ist eine Art Wachtraum über den Wallungswert des Wortes „Zucker“ in jeglicher Hinsicht. Um einmal zu konkretisieren, wie das aussieht, sei auf eine Stelle verwiesen, an der die Sucht des Ökonomen Adam Smith nach Würfelzucker verhandelt wird: Stellt sie, wie eine Biographin vermutete, dessen uneingestandenes sexuelles Verlangen nach seiner Kusine dar? Manchmal erzeugt die Erzählerin Groteskes auch nur durch Abbilden der Wirklichkeit: „Pepe Lienhard spielt Querflöte. Die Musiker singen café, café, café.“

Für das Traumhafte des Textes spricht ferner, dass er um einige immer wieder anders geschilderte Szenen kreist: etwa die Versteigerung zweier schwarzer Plastiken aus Haiti auf einem Schweizer Basar 1986. Ebenso kann man in diesem Text aber auch einen Essay über das Begehren sehen oder eine Kritik des Kolonialismus und der aus ihm erwachsenen Arbeitswelt.

Ob das ohne Gattungsbezeichnung erscheinende Buch ein Roman ist, wird in ihm selbst verhandelt und nicht zuletzt die Jury des Deutschen Buchpreises beschäftigt haben, auf deren Shortlist es steht. Im Lichte des literarischen Fortschritts kann es nur eine Antwort geben: Ja, gerade das ist heute ein Roman. Und seine Auszeichnung wȁre ein noch kühnerer Schritt als die von Frank Witzels Romanessay 2015.

Im Zentrum des vorliegenden steht die zu Recht stolze wie auch ironisch gebrochene Selbstbehauptung, eine solche selbstreflexive Literatur überhaupt schreiben und publizieren zu dürfen. Das spiegelt sich nicht zuletzt in den immer wieder eingeschobenen Nachfragen an die Erzählerin, „woran sie denn arbeite“. Alle, die auch nur irgendwie mit Schreiben zu tun haben, sei es an einer Doktorarbeit oder einem Roman, wissen, wie viel Unverständnis für geistige Arbeit oft schon in der Frage liegt. Vielleicht sollte man immer, wenn sie gestellt wird, in Zukunft so wie Dorothee Elmigers Erzählerin antworten: „Zucker, Lotto, Übersee.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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