Ein Roman über Rentierzüchter

Liebe? Pfui, mein Sohn!

Von Tilman Spreckelsen
31.05.2021
, 22:37
Damit im Schneesturm kein Tier verloren geht, wacht der sibirische Hirte über die Rentierherde.
Wo Mann und Frau nicht zum Spielen zusammenkommen: In ihrem Roman „Weiße Rentierflechte“ schildert Anna Nerkagi das Leben der Nenzen im Norden Russlands und fragt nach den Kosten der Moderne.
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Gegen seine Hochzeit hat sich Aljoschka lange gesträubt. Nun ist der Schlitten gekommen und das Mädchen da, das seine Mutter für ihn ausgesucht hat. Doch der nicht mehr ganz junge Mann – er ist schon sechsundzwanzig und sollte längst verheiratet sein – schweigt und demonstriert damit, dass er noch immer nicht einverstanden ist. Dass er die Nachbarn nicht einlädt und keine Rentiere für sie schlachten lässt, wie es Brauch ist, verstört nicht nur Mutter und Braut. Doch Aljoschka geht weiter: Auch nachdem seine Frau in den Tschum eingezogen ist, das große Zelt aus Stangen und Rentierfellen mit der Feuerstelle in der Mitte, rührt Aljoschka sie nicht an. Um sie, so denkt er, eines Tages ungestraft zu ihren Eltern zurückschicken zu können.

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Als seine Mutter endlich die vom heimlichen Weinen geröteten Augen der Schwiegertochter bemerkt und den Sohn zur Rede stellt, sagt der nur, er liebe seine Frau eben nicht. „Ach Liebe, pfui!“, antwortet seine Mutter und entwirft in wenigen Worten ein ganzes Lebenskonzept: „Mann und Frau kommen nicht zum Spielen zusammen. Du ernährst sie und die Kinder, sie hält den Tschum warm, und sie kleidet dich ein. So haben wir gelebt. War es nicht so?!“ Nichts wäre leichter, als auf diesem Konflikt einen Roman aufzubauen, der das traditionelle nomadische Dasein im nördlichen Russland gegen eine individualistische Moderne stellt, das kleine Leben gegen das große, die romantische Liebe gegen das „Pfui“. Und eine Weile lang könnte man Anna Nerkagis Roman „Weiße Rentierflechte“, im Original 1996 und nun auf Deutsch erschienen, durchaus so verstehen.

Listige Raben und Füchse

Selbstzeugnisse aus der Welt der Nenzen, einer gut vierzigtausend Menschen umfassenden Ethnie, die teils nomadisch, teils sesshaft im Hinterland der russischen Arktisküste lebt, sind rar, zumal auf Deutsch – immerhin liegt eine Reihe von nenzischen Märchen in Übersetzung vor, die von einer belebten Natur erzählen, von listigen Raben, Füchsen und Bären in einer menschenleeren Landschaft. Anna Nerkagis Roman konzentriert sich dagegen auf die wenigen Bewohner der Zelte, von denen sich jeweils einige an geeigneten Stellen zusammenfinden, um die kommenden Monate gemeinsam zu verbringen, bevor der Wechsel der Jahreszeiten auch einen Wechsel der Lagerplätze verlangt, zwischen den Bergen und den Weiden. Für die Nenzen, die Nerkagi schildert, haben die Bäume Seelen und die Berge so mächtige Gedanken, dass sie ganz schrundig davon werden. Auch die Rentiere haben ihre eigene Würde, was sie nicht davor bewahrt, zur Ernährung der Nenzen beizutragen, was Nerkagi mit großer Sachlichkeit schildert.

Der Gedanke, dass alles, vom Stein bis zum Himmel, als beseelt und präsent anzusehen ist, macht nicht einmal vor den Toten halt. Eine beeindruckende Szene erzählt von einer lange zurückliegenden Hungersnot, in deren Verlauf Aljoschkas Nachbar Wanu aus dem Lager geschickt wird, um in einer nahen von den Sowjets betriebenen Siedlung Nahrungsmittel zu holen. Er macht sich auf den langen Weg und kommt an einer grausigen Allee von Verhungerten und Erfrorenen vorbei. Manche haben sogar noch etwas Essbares dabei, das Wanu ihnen mit den ehrfurchtsvollen Worten „Ich geb’s dir wieder“ abnimmt. Was er auf dem Rückweg, beladen mit Brot für das Lager, auch tut.

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Entfremdete Kinder

Es sind die Kontakte mit den Vertretern der großen Welt, an denen sich die Ambivalenz des Geschilderten zeigt. Anna Nerkagi, geboren 1951 als Nenzin in der Baidarata-Tundra, wurde als Sechsjährige so wie viele andere Mitglieder indigener Gruppen im Norden von ihrer Familie getrennt und in ein Internat gebracht – eine entsprechende Szene enthält auch ihr Roman. Nerkagi durchlief die Schule und studierte, lebt aber inzwischen wieder in der Tundra ihrer Geburt, wo sie eine Schule für die Kinder der Nenzen gegründet hat.

Die Stellung der Autorin als Mittlerin zwischen den Welten bildet sich auch im Roman ab. Sie ist weit entfernt davon, das Nomadenleben zu verklären; den Segen, den die Kolchose „Roter Norden“ für die in der Nähe herumziehenden Nenzen bedeutete, solange die Einrichtung deren traditionelle Lebensweise unterstützte, beschreibt sie ebenso wie die Verheerungen, die sich einstellen, als das nicht mehr der Fall ist – ausführlich wird etwa das Unglück eines Nenzen geschildert, dem einer der sowjetischen Aufseher plötzlich so viel Rentierfleisch abverlangt, dass der Kreislauf der Zucht zerstört wird.

Anna Nerkagi: „Weiße Rentierflechte“. Roman.
Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. 
Mit Fotos von Sebastiao Salgado.
Verlag Faber & Faber, Leipzig 2021.
192 S., geb., 22,– €.
Anna Nerkagi: „Weiße Rentierflechte“. Roman. Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Mit Fotos von Sebastiao Salgado. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2021. 192 S., geb., 22,– €. Bild: Verlag Faber & Faber

Vor allem aber wurzelt in dem Bemühen, gerade die jungen Nenzen an Bildung und städtischer Zivilisation teilhaben zu lassen, die Zerrissenheit jener, die wie Aljoschka Schuldgefühle hegen „gegenüber dem Flecken Erde, auf dem man geboren war und den man nun aufgeben wollte“. Für Aljoschka heißt das, dass er – den Koffer schon in der Hand, den Hubschrauber schon fast bestiegen, der die Schüler des Lagers ins Internat bringen soll – umkehrt, um bei der verwitweten Mutter zu bleiben. Während das Mädchen, das er wortlos liebt, auf diese Reise geht. Wie viele andere, darunter auch Aljoschkas Brüder.

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Es ist diese Leerstelle, die für das literarische Raffinement der Autorin spricht. Indem ihre Perspektive streng auf die Nomaden beschränkt ist, fragt man sich beim Lesen umso mehr, warum eigentlich Aljoschkas Liebste nicht mehr in den Tschum ihres Vaters kommt und welchen Beitrag das strikte Beharren der Alten auf der Tradition daran hat. „Deine Brüder sind davongelaufen wie Hasen“, sagt Aljoschkas Mutter missbilligend – hatten sie dafür vielleicht Gründe? Die wenigen Besucher ihrer Familien jedenfalls sprechen Russisch untereinander, verlangen Geld und bleiben nicht lange. Sie müssen sich nicht mit Regeln auseinandersetzen wie „Das Leben ist ein langer Nomadenzug, und den Weg wählt immer der Mann“, sie müssen sich nicht mit Ehemännern auseinandersetzen, die ihre Frauen körperlich züchtigen. Auch Privatsphäre ist nichts, was in dieser Gesellschaft begünstigt würde, und wenn doch, ist man vermutlich schon halb erfroren.

Vielleicht ist das der stärkste Eindruck, den der auch sonst sehr anschauliche Roman vermittelt: dass das Dilemma, in dem Aljoschka bis zum Ende des Romans steckt, unlösbar ist. Die Rolle, die er am Ende zähneknirschend übernimmt, die des Familienoberhaupts und Ernährers, lehnt er nach wie vor ab: „,So ein Leben will ich nicht‘, dachte Aljoschka unnachgiebig, während er die Rentiere jagte, ,nicht ich habe die Liebe erfunden. Und es ist nicht meine Sache, sie zu begraben.‘“

Anna Nerkagi: „Weiße Rentierflechte“. Roman. Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Mit Fotos von Sebastiao Salgado. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2021.
192 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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