Mittelalterliche Literatur

Liebesglück ist wichtiger als kaiserliche Machtvollkommenheit

Von Andreas Rossmann
28.08.2021
, 21:43
Wer braucht schon Macht, wenn er sich geliebt weiß? Kaiser Heinrich VI., wie ihn der Codex Manesse zeigt
Diese Adligen besaßen ungeahnte Talente: Ein Band versammelt erstmals die Dichtungen der Staufer. Er liegt in zwei Sprachen vor und berücksichtigt auch frühere Übersetzungen und den neuesten Forschungsstand.
ANZEIGE

Auf dem Buchdeckel glänzt das Castel del Monte. Von den vielen Bauwerken, mit denen Friedrich II. (1194 bis 1250) seine Herrschaft manifestierte, ist die achteckige Krone Apuliens das bekannteste und faszinierendste. Die historische Größe des Staufers, den seine Zeitgenossen „stupor mundi“, Staunen der Welt, nannten, vereint viele Aspekte und geht über diplomatische und militärische Aktionen hinaus: Als Erneuerer, der eine effektive Verwaltung und Rechtsprechung aufbaute, als Wissenschaftler, der ein Traktat über die Falkenjagd schrieb und in Neapel die erste Universität ohne päpstliche Bulle gründete, als Gelehrter, der den Austausch mit der islamischen Welt pflegte und mehrere Sprachen, darunter Arabisch, sprach, war er schon zu Lebzeiten ein Mythos. Nietzsche nannte ihn „jenen großen Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern“, Jacob Burckhardt den „ersten modernen Menschen auf dem Thron“.

ANZEIGE

Aber Kaiser Friedrich hat, und das ist wenig bekannt, wie sein Vater Heinrich VI., seine Söhne Enzo (Heinz) und Manfred sowie sein Enkel Konradin auch Gedichte und Lieder verfasst und in Palermo die sizilianische Dichterschule begründet, dem ein fester Kreis von Beamten angehörte und deren Kopf ein Notar an seinem Hof, Giacomo da Lentini, war, der als Erfinder des Sonetts gilt. Ihre literaturgeschichtliche und kulturpolitische Bedeutung hat, auch wenn die sizilianische Hochsprache (volgare illustre) bei der Toskanisierung durch die folgende Generation verlorenging, kein Geringer als Dante hervorgehoben: „Weil der königliche Sitz in Sizilien war“, so der Sommo poeta in seinem sprachpolitischen Werk „De vulgari eloquentia“ (1304/05), „wurde alles, was unsere Vorfahren in der Volkssprache vortrugen, ‚sizilianisch‘ genannt, eine Bezeichnung, die auch wir beibehalten und die auch unsere Nachfahren nicht ändern können.“

Sehnsucht und Erfüllung

In dem Band „Da es dir gefällt, o Liebe“ hat der Romanist Sebastian Neumeister die Dichtungen der Staufer, verfasst in Mittelhochdeutsch und Altitalienisch, zum ersten Mal in einer zweisprachigen Edition, die frühere Übersetzungen und den neuesten Forschungsstand berücksichtigt, zusammengeführt. Am Anfang steht Heinrich VI., der an der Spitze der Manessischen Handschrift thront: In seinen Liedern besingt er erlebtes Liebesglück, das die Geliebte des späteren Minnesangs allenfalls noch bedingt gewährt, und stellt es über kaiserliche Machtvollkommenheit.

„Da es dir gefällt, o Liebe.“ Die Dichtungen der  Staufer. Zweisprachige Ausgabe.  Hrsg. von Sebastian  Neumeister.
„Da es dir gefällt, o Liebe.“ Die Dichtungen der Staufer. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. von Sebastian Neumeister. Bild: Universitätsverlag Winter

Das Zentralgestirn aber ist Kaiser Friedrich II., der mit der Abkehr von der lateinischen Hochsprache, aber auch von der Volkssprache der provenzalischen Trobadors die italienische Lyrik auf den Weg bringt. Eines seiner Lieder führt das Verhältnis von Liebe und Macht, Person und Amt, das schon Heinrich VI. anspricht, in den Konflikt; ein anderes zeigt ihn in einem Netz interkultureller Bezüge und gerade auch arabischer Einflüsse; in einem dritten nutzt er die Gattung des Sonetts für ein moralisches Programm: „Maß, Vorausschau und Verdienst“, so die Leitwerte, „machen weise und wissend.“ Drei Texte können dem Kaiser nicht eindeutig zugeschrieben werden, zu zwei weiteren gibt es scharfsinnige Hypothesen. Indem Neumeister die Argumente für und wider abwägt, diskutiert er die Poetik der Minnelyrik: die Spannung von Sehnsucht und Erfüllung, die Übereinstimmung von innerer und äußerer Schönheit, Verehrungsrituale.

ANZEIGE

Balance zwischen Lesefreundlichkeit und Philologie

Ein Gedicht über Trennungsschmerz und eines über das existenzielle Leid seiner Gefangenschaft in Bologna, wo er die letzten 23 Jahre in einem goldenen Käfig lebte, sowie ein Sonett aus glücklicheren Tagen in Palermo sind von Friedrichs Lieblingssohn Enzo überliefert, während die Kanzonen seines Bruders Manfred nicht erhalten sind. Von Konradin, dem letzten Staufer, den Karl von Anjou als Sechzehnjährigen in Neapel enthaupten ließ, sind zwei poetische Versuche bekannt, die im Codex Manesse stehen: In dem einen bekennt er sich zu seiner Unerfahrenheit in Minnedingen, die er in dem anderen, das wahrscheinlich unvollständig ist, poetisch konventionell korrigiert.

Das Tableau komplettieren Autoren, die Staufer zum Thema von Gedichten machten: Aimeric de Peguilhan, der Friedrich als (politischen) Arzt lobt, Guilhem Figueira, der den Kaiser einmal hymnisch rühmt und einmal scharf kritisiert, Walther von der Vogelweide, der ihn mit der Erwartung auf Zuwendung konfrontiert, Reinmar von Zweter, der erst panegyrische Töne anschlägt und dann zu seiner Abwahl aufruft, schließlich der (biographisch nicht fassbare) Marner mit einer Idealisierung Konradins, der die Macht für die Staufer zurückgewinnen soll.

Das schön gestaltete und illustrierte Buch, das die Balance zwischen Lesefreundlichkeit und Philologie hält, ist auch ein Beitrag zum Dante-Jahr. Im Epilog greift Neumeister die Stelle aus dem zweiten Buch der Göttlichen Komödie auf, in der eine Gruppe von Seelen erscheint, von denen sich eine als Friedrichs Sohn Manfred zu erkennen gibt: „Manfred klagt nicht über sein Schicksal und das seines Stammes, nein, er berichtet erhobenen Hauptes, was ihm geschehen ist. Seine lange Rede am Ende des dritten Gesangs, kurz vor dem Aufstieg in höhere Regionen, ist deshalb viel eher die Klage, die Dante über das Ende eines Kaisertums anstimmt, von dem er sich die Einigung Italiens versprochen hatte, ein würdiger Abgesang auf ein großes Geschlecht.“

ANZEIGE

„Da es dir gefällt, o Liebe“. Die Dichtungen der Staufer. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. von Sebastian Neumeister. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2021. 168 S., Abb., geb., 26,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Freier Autor im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE