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Roman von Elif Shafak

Höllenritt ins Vertraute

Von Lena Bopp
 - 21:36
Shafaks Hauptfigur Leila flieht nach Istanbul, und natürlich lässt ihr die Stadt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera.zur Bildergalerie

Wie so oft ist auch der jüngste Roman von Elif Shafak ein Bestseller geworden. Eine Weile stand er auf den einschlägigen Listen, wurde im ZDF-„Morgenmagazin“ als „tolle Buchempfehlung“ gelobt und gab Anlass zu üblichen Empörungen über das Unrecht, das Frauen in der Türkei widerfährt. Und es stimmt: Elif Shafak hat mit „Unerhörte Stimmen“, wie so oft, ein Buch über Frauen geschrieben, deren Träume an Archaik und Aberglaube der türkischen Gesellschaft zerschellen. Aber es ist kein Buch, über das man sich empören müsste, und wenn doch, dann nicht, weil es den Frauen in ihm so schlecht ergeht.

In der englischen Originalausgabe erschien der Roman unter dem Titel „10 Minutes 38 Seconds in this Strange World“, der anders als das betulich Mehrdeutige der deutschen Übersetzung, auf das klare Gerüst anspielt, das die Erzählung stützt. Es dauert genau zehn Minuten und 38 Sekunden, bis Leilas ganzes Leben vor ihrem inneren Auge vorbeigezogen ist. Danach ist die Heldin des Buches gestorben. Hinübergeglitten ins Reich der unerwünschten Toten, die in der Nähe von Istanbul auf einem eigenen Friedhof bestattet werden. In Kilyos, das es auch in Wirklichkeit gibt, liegen Aids-Kranke, Homosexuelle, Prostituierte und Transsexuelle – Menschen wie Leila und jene, die sie im Roman zu ihren engsten Freunden zählt und an die sie sich in den letzten Momenten ihres Daseins erinnert.

Befreit, aber nicht erlöst

Im ersten Teil des Buchs breiten diese Erinnerungen ganze Lebensgeschichten vor uns aus. Jede für sich ist ein Drama. Osman zum Beispiel wurde in der ostanatolischen Provinz als Sohn eines wohlhabenden Bauern geboren, aber fühlte sich in seinem männlichen Körper so unwohl, dass er in der Hochzeitsnacht floh und sich in Istanbul einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Humeyra nahm vor der Familie ihres Gatten Reißaus und singt seither in einem Nachtclub jene Weisen, Balladen und Schlaflieder, die sie einst in ihrer Heimat nahe dem Kloster Mor Gabriel gelernt hat.

Auch Leila ergriff die Flucht vor ihrer Familie. Einer Ansammlung verlogener, von schreiendem Unrecht in den Wahnsinn getriebener Frauen und einem Mann, der sich vom Kummer über die Geburt seines einzigen, leider kranken Sohnes in die Arme konservativer Moscheebrüder treiben ließ, die ihm das Schicksal als Strafe Gottes verkauften. „Dass du dich hier sicher fühlst, heißt nicht, dass du hier richtig bist“, denkt Leila an einer Stelle. Woher sollte sie auch wissen, dass sie in Istanbul genauso verkehrt sein würde?

Natürlich lässt ihr die Stadt nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Leila landet im Bordell, wird Opfer eines Säureattentats und trifft ihre große Liebe, von der sie befreit und in die Ehe geführt, aber nicht erlöst wird. Gar nicht ungeschickt verwebt Elif Sharak diese an „Pretty Woman“ erinnernde Episode mit historischen Ereignissen der sechziger und siebziger Jahre – Kommunisten und Faschisten jagen einander durch die Straßen, Revolution liegt in der Luft.

Auf dem Höhepunkt dieser Annäherung von Politischem und Privatem, einer für die junge Frau ebenso beängstigenden wie erfüllenden Zeit, werden am 1. Mai 1977 auf dem Taksim-Platz Dutzende Menschen massakriert. Danach muss Leila die Rückkehr in ihr altbekanntes Leben wie ein Höllenritt erschienen sein. Aber mit psychologischen Untiefen hält sich Elif Shafak nicht lange auf.

Respektvolle Distanz

Was immer ihren Figuren widerfährt, stets rüstet Elif Shafak sie mit Witz und Widerstandskraft aus. Leila führt ein schreckliches Leben, ein einziges Trauerspiel von der Wiege bis zum Tod. Trotzdem weiß sie sich noch im Sterben geborgen. „Leila hatte es den anderen nie gesagt, doch sie waren ihr Sicherheitsnetz. Wenn sie stolperte oder fiel, standen sie bereit und fingen sie auf oder milderten die Wucht des Aufpralls. In Nächten, in denen sie von einem Freier misshandelt wurde, gab ihr das Wissen, dass ihre Freunde mit Salben für die Kratzer und Blutergüssen kommen würden, die Kraft, nicht zusammenzubrechen.“

Das Buch erzählt eine schöne Geschichte über Loyalität und Frauenfreundschaft an den Rändern der türkischen Gesellschaft. Es entwickelt sich im zweiten Teil zu einem Kriminalfall, der das Geschehen bis in die Mitte dieser Gesellschaft führt. Aber über das Leben in dieser Mitte und über jenes an den Rändern erzählt es nicht viel.

Wo er ekelhaft werden müsste, hält der Roman respektvoll Distanz. Wo man Verzweiflung vermuten darf, flüchtet er sich in Humor. Wo Präzision das Erlebte noch schlimmer machen würde, also fast überall, bleibt der Roman voller Andeutungen, die den Vorteil haben, das Elend erträglich zu machen. Für die Figuren, aber vor allem für die Leser. Und nur so wird ein Bestseller draus.

Quelle: F.A.Z.
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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