Dmitrij Kapitelmans Erzählung

Die Migration hört eigentlich nie auf

Von Andreas Platthaus
03.03.2021
, 23:16
Ein Fall von produktivem Befremden: Dmitrij Kapitelman erzählt in „Eine Formalie in Kiew“ urkomisch von einer Reise in die Heimat seiner Familie.

In Leipzig gibt es ein russisches Spezialitätengeschäft namens „Magasin“ (das russische Wort für ein Ladenlokal), an dem ich häufig vorbeigekommen bin. Als vor fünf Jahren Dmitrij Kapitelmans Debüt „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ erschien, die umwerfend komische Schilderung einer gemeinsamen Reise von Vater und Sohn nach Israel, konnte man darin auch erfahren, dass seine Eltern nach ihrer Ausreise aus der Ukraine im Jahr 1994 ein Geschäft mit dem Namen „Magasin“ in Leipzig eröffnet hatten.

Seitdem ging ich mit erneuertem Interesse am Schaufenster vorbei, bestaunte fortan allerdings eher die Betreiber als die Auslagen – was einiges heißen will, schließlich war unter Letzteren lange Zeit auch eine wodkagefüllte gläserne Kalaschnikow in Originalgröße. Kapitelmans Publikation aber habe ich nie dort ausliegen gesehen. Dann schloss das Geschäft, und es zog eine Buchhandlung ein. Ironie des Schicksals?

Frau Kunze hat's gewusst

Nun hat Kapitelman sein zweites Buch veröffentlicht: wieder eine Reiseschilderung, wieder ist er gemeinsam mit seinem Vater unterwegs, wieder ist es urkomisch, und wieder erfährt man auch manches über die Leipziger Jugend des Autors. Und doch ist diesmal vieles anders. War die Israel-Fahrt eine späte Reise auf den Spuren eines schon früh gescheiterten Plans – Kapitelmans Vater ist Jude, entschied sich aber 1994 aus praktikablen Gründen (Kapitelmans Mutter ist keine Jüdin) für Deutschland als Auswanderungsziel –, war der 2019 durchgeführte Ausflug nach Kiew eine Heimkehr: Hier wurde Dmitrij Kapitelman 1986 geboren.

Doch die Rückkehr mehr als drei Jahrzehnte später hatte keinen sentimentalen Anlass, sondern musste erfolgen, um eine Bescheinigung der dortigen Behörden zu erhalten, die für die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft nötig ist. „Joa“, sagt Frau Kunze, Kapitelmans Sachbearbeiterin im Leipziger Einwohnermeldeamt in schön transkribiertem Sächsisch, „üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch.“ Wie man dann im Laufe von 176 Seiten erfährt, war das noch eher euphemistisch ausgedrückt.

Die Sprache des Postsozialismus

Es geht Kapitelman stark ums Sprachliche. Nicht nur, dass er sächsischen Zungenschlag gut schriftlich zu imitieren weiß, er liefert in seinem Buch auch eine Sprachphänomenologie des Postsozialismus. Und das nicht in platt denunziatorischer Weise, sondern satirisch zugespitzt vor allem über seine Eigenschaft als Doppelsprachler: Acht Lebensjahre in Kiew haben für die Beherrschung des Russischen gesorgt und danach ein Vierteljahrhundert in Deutschland für dessen Vernachlässigung, die nun bei der Wiederauffrischung konstruktives Befremden auslöst.

Paradebeispiel im Buch ist die Wendung „Obtlagodari“, ein Synonym für Bestechung, das Kapitelman wörtlich mit „Man entdankt sich“ übersetzt. Aus diesem deutschen Neologismus macht er einen Running Gag seines Kiewer Aufenthalts und sorgt damit selbst für eine positive Form der Bereicherung: Seine hiesigen Leser dürften kaum umhinkommen, „entdanken“ in ihren Wortschatz aufzunehmen.

Und nachzudenken über ähnliche, ihnen aber altvertraute und somit gar nicht fragliche Wendungen der eigenen Sprache wie etwa „entsorgen“. „Ja okay“, schreibt Kapitelman im typisch mündlichen Erzählduktus seines Buchs, „die Landsleute hier kennen den Ausdruck entsorgen überhaupt nicht.“ Hier – das bedeutet diesmal in der Ukraine. Und man kann sich vorstellen, wie diese Landsleute staunen würden, wenn Kapitelman ihnen wiederum das deutsche Wort „entsorgen“ wörtlich übersetzte.

Völkerverständigung mit Vorurteilen

So dient „Eine Formalie in Kiew“ auf höchst intelligente Weise der Völkerverständigung – im buchstäblichen Sinne. Obwohl das Buch voller Klischees steckt, deren Richtigkeit es aber lustvoll zu belegen versteht. Kein Geringerer als der Philosoph Hans-Georg Gadamer hat ja das Vorurteil zur Grundlage seiner Hermeneutik, der Lehre vom Verstehen, gemacht. Kapitelman erweist sich als gelehriger Schüler. Und die gern in den Text eingeworfene Formulierung „Außer uns gesprochen“, mit der Kapitelman sein exklusives Wissen übers Russische gegenüber uns, seinen Lesern und künftigen Landsleuten (denn am Ende wartet er immer noch auf seine Bescheinigung), ausstellt, bietet eine ähnlich produktive Befremdung.

Dieser Blick auf die Sprache ist ein furioser Beitrag zur sogenannten Migrantenliteratur, die mittlerweile eine Schlagader im Blutkreislauf der deutschsprachigen Literatur geworden ist. „Ja, ich flüchte mich in Sprachspielereien“, schreibt Kapitelman, dessen Familie 1994 den Status von „Kontingentflüchtlingen“ hatte. Der Sohn hat mit dem Flüchten einfach weitergemacht: „Migration hört eigentlich nie auf“, heißt es einmal. Aber mit im Gepäck hat Kapitelman sein bilinguales Sprachbesteck, und in die Autorenreihe von Feridun Zaimoglu bis Saša Stanišić, die uns mit solchem Besteck geistreich neue Sprachmanieren und -manierismen nahegebracht hat, passt sich „Eine Formalie in Kiew“ nahtlos ein.

Wie aber kommt beim ukrainischen Wortspiel und Behördengang noch Kapitelmans Vater mit ins Spiel? Er wird von der resoluten Mutter, der diesmal eine weitaus größere Rolle zugeschlagen wird als im Vorgängerbuch, gleichzeitig zur medizinischen Behandlung nach Kiew geschickt, weil dort trotz „Entdankung“ alles billiger sei. Die Tour d’hôpital, die Leonid Kapitelman absolviert, spottet jeder Beschreibung, aber sein Sohn schafft es, aus dem persönlichen Drama, das ihr zugrunde liegt, eine gloriose Farce zu machen. Immerhin kommt Leonid Kapitelman wieder heil aus dem Land heraus und wird sogar im Leipziger „Magasin“ kurzfristig wieder an der Kasse sitzen.

Das aber steht schon nicht mehr im Buch. Wie auch im Falle anderer Reiseimpressionen aus Kiew – etwa einer kurzen Taxiepisode für die Schweizer Zweimonatszeitschrift „Reportagen“ (Heft 56, Januar 2021) –, erfährt man das Ende der Kapitelman’schen Expedition anderswo, diesmal im „Spiegel“. Dort veröffentlichte Dmitrij Kapitelman schon im vergangenen Juli eine Reportage über seinen Versuch, das Geschäft der Eltern durch die Corona-Krise zu bringen. Leider war er erfolglos. Doch Moment – war denn das Leipziger „Magasin“ nicht schon vorher vom Buchladen abgelöst worden? Plötzlich begreife ich, dass ich jahrelang am falschen „Magasin“ vorbeigelaufen bin und bei dessen Schließung gar nicht das der Kapitelmans betrauert habe. Und doch: Wenn das neue Buch es ins Schaufenster des anderen ehemaligen „Magasin“ schaffen sollte, dann wird mir das wie eine weitere höchst gelungene Heimkehr des Dmitrij Kapitelman vorkommen.

Dmitrij Kapitelman: „Eine Formalie in Kiew“. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2021. 176 S., geb., 20,– .

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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