Familienroman von Anja Hirsch

Jedem Erzählen wohnt die Fälschung inne

Von Lerke von Saalfeld
11.08.2021
, 22:54
Wie wurde aus der Kunststudentin eine biedere Direktorengattin? Studentin der Wiener Kunstgewerbeschule um 1930, Photographie von Marianne Bergler.
Wie eine ganze Generation junger Menschen traumatisiert wurde: Der Roman „Was von Dora blieb“ taucht spannungsvoll und lebensnah in die Abstürze und Höhenflüge einer Familie ein.
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„Dieses Buch ist ein Roman“, beteuert Anja Hirsch in der Nachbemerkung zu ihrem Debüt, und sie fährt fort: „Als literarisches Werk knüpft es in einzelnen Passagen an reale Geschehen und an Personen der Zeitgeschichte an. Es verbindet Anklänge an tatsächliche Vorkommnisse mit künstlerisch gestalteten, fiktiven Schilderungen und schafft so eine ästhetisch neue, künstlerisch überhöhte Wirklichkeit.“

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Die Literaturkritikerin Anja Hirsch, 1969 in Frankfurt geboren, heute in Unna lebend, erzählt eine Familiengeschichte auf zwei Ebenen. Sie beginnt 1914 mit ihrer Großmutter Dora und schildert kapitelweise abwechselnd die Bemühungen der Enkelin Isa im Jahr 2014 am Bodensee, wohin sie sich wegen eines Ehezwistes zurückgezogen hat, die Dokumente ihrer Großeltern und ihres Vaters nachzuvollziehen. Isa ist eine „Kriegsenkelin“, die die Leerstellen der Vergangenheit aufhellen und verstehen möchte, teils mithilfe realer Dokumente, teils mit ihrer Phantasie. Als anregendes Bild steht der Ich-Erzählerin eine kurze, aber eindrückliche Szene aus dem Dokumentarfilm „Die Frau mit den fünf Elefanten“ über Leben und Arbeit der großen Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier vor Augen. Die alte Dame betrachtet ein Stück Stoff, streicht liebevoll darüber und sinniert dabei: „Auch beim Übersetzen macht man erst Gewebe kaputt, dann füllt man es wieder aus.“

Eine moderne Welt erobern

Dieses Bild nimmt die Ich-Erzählerin als Anregung für ihren Roman: „Ich war zu einer Art Übersetzerin geworden. Ich übersetzte meine Familien­geschichte und machte dabei Gewebe kaputt. Ich zerstörte die Vorstellungen, die ich anfänglich über alle hatte; über Dora, die ich mir gern mondän und kreativ vorstellte, über meinen Vater, den ich so sah, wie es mir in den Kram passt. Danach begann ich auszufüllen: Dora mit den zuvor verborgenen Stellen ihres Charakters. Und auch mein Vater erhielt allmählich Profil.“

Anja Hirsch
Anja Hirsch Bild: Frank Wierke

Beim Eintauchen in die Lebensläufe der Familienmitglieder spürt Isa immer heftiger, dass die ganze Kriegsgeneration traumatisiert wurde. Die Großmutter Dora war in den zwanziger Jahren eine aufgeweckte junge Frau, die nicht Hauswirtschaft betreiben wollte, sondern sich von der Gegenwartskunst angezogen fühlte. Sie besuchte die Kunstgewerbeschule in Essen, die spätere Folkwangschule. Zusammen mit ihrem Jugendfreund Frantek, einem Bergarbeitersohn, will sie sich eine moderne Welt erobern. In Essen lernt Dora die Mitstudentin Maritz kennen, die keck und unkonventionell ihr Leben und die Kunst herausfordert. Es kommt zu einer Dreiecksfreundschaft, sie lernen Oskar Kokoschka kennen und lassen sich hinreißen von Paul Hindemiths Einakter „Nusch-Nuschi“, der in Essen aufgeführt wird.

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Was wusste der Großvater?

Die lichten Jahre der Freundschaft verdunkeln sich, als Dora erfahren muss, das Maritz von ihrem besten Freund Frantek ein Kind erwartet. Dora verlässt das Kunstinstitut und schlägt einen Weg ein, den sie nie gehen wollte; sie lernt Hauswirtschaft und verheiratet sich mit einem gut­bürgerlichen Mann, der später Verwaltungsdirektor bei der IG Farben wird. Viele Jahre danach, erst während des Krieges, wird die alte Freundschaft neu geknüpft. Frantek ist tot, er hat sich der Opposition gegen Hitler an­geschlossen und ist ermordet worden.

Dora ist nicht mehr die mondäne, eigenwillige Frau, sie wird wohlsituierte Mutter und schickt ihren ältesten Sohn auf ein Napola-Internat, eine Eliteschule der Nazis. Hier beginnt ein zweiter Strang der Erinnerungen: Warum wurde Isas Vater auf diese Schule geschickt, was vermerkt er als Junge darüber in seinem Tagebuch, warum wurde all dies in der Familie verschwiegen? Und was war mit dem Großvater, der in leitender Position bei der IG Farben tätig war, was wusste er von den Verstrickungen der Firma mit der Tötungsmaschinerie von Auschwitz, wie verlief sein Entnazifizierungsverfahren? Statt Klarheit tun sich immer mehr bedrohliche Fragen auf.

Anja Hirsch: „Was von Dora blieb“. Roman. C. Bertelsmann Verlag, München 2021.335 S., geb., 20,– €.
Anja Hirsch: „Was von Dora blieb“. Roman. C. Bertelsmann Verlag, München 2021.335 S., geb., 20,– €. Bild: C. Bertelsmann Verlag

Isa diskutiert ihre Recherchen mit einem Nachbarn im Bodensee-Asyl. Sie liest Bücher von anderen Kriegskindern und fragt sich, was deren Motivation war, sich ihren Familiengeschichten zu stellen? Und was sparten sie aus? Ihr Fazit: „Es gab die Besessenen, die Fakten türmten. Sie taten so, als diene jedes Detail der Wahrheits­findung, und sicher war auch ich in Gefahr, mich in Details zu verlieren, unter denen der Schmerz der Opfer zu verschwinden drohte. Es gab die Fantasten, die ihre Fiktionen trotz der offensichtlichen Fantasterei als Wahrheiten präsentierten, ohne dabei kenntlich zu machen, dass Erzählen und Erinnern immer schon Fälschung beinhaltete. Es gab die Missionarischen, die Quellen zitierten, um anderen Recherchewerkzeuge an die Hand zu geben. Es gab die hochmütigen Deuter, die so taten, als wäre alles, was geschehen war, ‚schicksalhaft‘ – und sich damit jeglicher Verantwortung entzogen.“ Isa gesteht sich ein, sie habe von dem allem etwas.

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Ihr eigenes Leben verlief außer Beziehungsproblemen ereignislos. Es bedarf des Echoraums der Familie, um die Beziehungen zu den Vorfahren emotional zu erforschen, zu klären, warum sie so waren, wie sie waren, und wie sich darauf für die nach­folgende Generation ein über­zeug­tes und überzeugendes eigenes Dasein aufbauen lässt. Anja Hirsch versteht es, ohne Pathos oder Sentimentalität, Zeit- und Familiengeschichte in deren Höhenflügen und Abstürzen lebensnah und spannungsvoll zu verdichten.

Quelle: F.A.Z.
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