Felicitas Hoppes Nibelungen

Es werden Köpfe rollen

Von Tilman Spreckelsen
17.09.2021
, 19:49
Er war’s: In Fritz Langs Stummfilm „Die Nibelungen“ lässt Kriemhild (Margarete Schön) keinen Zweifel an Hagens (Hans Adalbert Schlettow) Schuld.
Als die Schätze in die Welt zogen: Felicitas Hoppe macht in „Die Nibelungen“ aus einem alten Stoff mit größter Raffinesse ein reines literarisches Vergnügen.
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Zwischen den Akten sollten Schauspieler ihre Ruhe haben. Diese aber, beschäftigt bei einer Aufführung der „Nibelungen“ in Worms, stehen einem aufdringlichen Reporter Rede und Antwort – vielleicht auch einer Reporterin, so genau weiß man das nicht, schließlich bekommen wir nur die Protokolle der Interviews zu lesen. Etwa das Gespräch mit der Darstellerin der Brunhild („1998 in Hamburg geboren, im Besitz eines Schauspiel- und Lotsenpatents“), die über ihre Rolle sagt, die Königin sei „eine Sammlerin, die Köpfe wie andre Auszeichnungen sammelt. Hat man einmal mit der Sammelei angefangen, hört man nie wieder damit auf. Wer den ersten Kopf hat, will auch den letzten haben.“ Oder mit dem Darsteller des alten Kämpfers Dietrich von Bern, der über den Unterschied zwischen Tortenschlachten und echtem Gemetzel spricht. Und schließlich der Schauspieler, der den Rüdiger von Bechelaren gibt und den Reiz des Nibelungen-Stoffes so bestimmt: „Ganz egal, wer darin welche Rolle spielt, am Ende kommen fast alle um und damit alle auf ihre Kosten, jeder verliert seinen eigenen Kopf und ist damit buchstäblich bei sich.“

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Das Nibelungenlied, um 1200 verfasst und seit etwa 200 Jahren der bekannteste mittelalterliche Stoff neben der Artus-Legende, ist Ausgangspunkt von Felicitas Hoppes Roman „Die Nibelungen“ mit der aparten Gattungsbezeichnung „Ein deutscher Stummfilm“. Unter den für den Deutschen Buchpreis nominierten Titeln gehört er zu den verspieltesten, formal anspruchsvollsten und zugleich zu den witzigsten.

Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“. Ein deutscher Stummfilm. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 256 S., geb., 22 €.
Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“. Ein deutscher Stummfilm. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 256 S., geb., 22 €. Bild: S. Fischer Verlag

Wer sich da allerdings eine plane Nacherzählung der Nibelungen-Handlung erhofft hat, wird sich enttäuscht sehen, muss sich allerdings auch fragen lassen, warum er nicht zu einem der dutzendfach vorhandenen Texte greift, die genau das leisten: die Wiedergabe einer Geschichte des jungen Drachentöters Siegfried, der mit seinem Goldschatz nach Worms kommt, um die schöne Kriemhild zu heiraten, deren Bruder Gunther hilft, die ebenso schöne Brunhild auf Island zu gewinnen, vom finsteren Hagen ermordet und später seines Schatzes beraubt wird. Kriemhild aber findet sich mit beidem nicht ab und entwirft einen monströsen Racheplan, der praktisch allen Burgunderrittern den Tod bringt und am Ende auch ihr.

All das erzählt Hoppe auch, aber aus diesem Stoff wird bei ihr ein Kunstwerk mit inhaltlich wie formal aufs schönste fließenden Grenzen. Unter Großkapiteln wie „Der Rhein“, „Die Donau“ und „Die Klage“ wird die Handlungsstruktur der Vorlage sichtbar, die in zwei Teile und einen dritten zerfällt, der oft vernachlässigt wird und doch im Kontrast zu den anderen für das Gefüge des Werks unverzichtbar ist. Hoppe aber setzt mit noch zwei weiteren Kapiteln, beide mit „Pause“ überschrieben und zwischen den drei anderen platziert, einen Akzent, der schon allein einem allzu planen Handlungsfluss von der Quelle – Siegfrieds Ankunft – zur Mündung – dem großen Gemetzel – geradewegs zuwiderläuft.

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Regie führt Frau Kettelhut

Am Ende finden drei Erzählebenen in diesem Buch zusammen: die Nibelungen-Geschichte als modernes Theaterstück in Worms samt Zuschauerreaktionen, zweitens als stummfilmartig dargebotene Handlung mit rasanten Szenen, kaum Dialog und genretypischen Texttafeln und schließlich die Pausengespräche über Rollen und ihre Darsteller. Natürlich weiß Hoppe, dass jede heutige Beschäftigung mit dem Nibelungen-Stoff in einer übermächtigen Tradition steht, die etwa mit den Adaptionen von Heinrich Steinfest oder Ulrike Draesner bis in die Gegenwart reicht. Weder ignoriert Hoppe sie oder wendet sich bewusst von ihr ab, sondern spielt mit beiläufiger Eleganz darauf an – ihre Wormser Regisseurin „Frau Kettelhut“ trägt den Namen des Filmarchitekten von Fritz Langs Nibelungen-Film, der Hinweis auf die allen Deutschen bekannte Geschichte der Nibelungen stammt aus Quentin Tarantinos „Django Unchained“ und vieles mehr –, ohne dass ihre Leser genötigt wären, diesen Hinweisen im Einzelnen zu folgen. Eher wird damit ein Bewusstsein dafür erzeugt, wie viele Wege man in der produktiven Aneignung des Nibelungen-Stoffes einschlagen kann. Und welche hier gegangen werden.

Unter Hoppes Methoden sind Wiederholung und Variation seit jeher wohl die auffälligsten, und auch „Die Nibelungen“ sind davon geprägt, vor allem dort, wo die Verfahren ein inniges Bündnis eingehen: Da wird etwa gleich zu Beginn mit großer Geste etwas in den Rhein geworfen, so wie man das von der Hagen-Statue am Wormser Ufer kennt, nur ist das hier kein Nibelungen-Schatz, sondern ein Buch, genauer das Jahr für Jahr anschwellende Programmbuch zu den Nibelungen-Festspielen, was getrost für die inzwischen vollends unübersichtliche Rezeption dieses Stoffes stehen kann, den Hoppe damit zugleich, wenn auch mit Schwung, den Fluten übergibt und zitiert – Traditionspflege und -verneinung in einem. Allerdings belässt es die listige Autorin nicht dabei, sondern folgt dem im Rhein davontreibenden Buch bis in die Nordsee, wo es sich „im Land der Nibelungen, endlich erschöpft, zum Schlafen legt“ – ein Verweis auf die nordische Stofftradition unter anderem in der auf Island entstandenen „Edda“. Die Geschichte kommt so zu ihren Ursprüngen zurück, und erst damit ist die Bahn frei für die Erzählerin, die sich der Sache wieder annimmt.

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Dieser Wechsel gilt fürs gesamte Buch. In einem bis ins Letzte determinierten mittelalterlichen Werk – die donauabwärts fahrenden Burgunder bekommen das leidvoll zu spüren, und spätestens mit der Rettung des von Hagen wiederum ins Wasser geworfenen Geistlichen ist daran nicht mehr zu deuteln – spielt Hoppe mit den Bestandteilen der Vorlage, lässt Köpfe nach Herzenslust rollen und lädt zur finalen Tortenschlacht an Etzels Hof.

„Sicher ist nur: Es gab eine Zeit, da gehörten alle Schätze der Welt einer Frau“, heißt es ganz zu Beginn. Und auch, wie sich die Schätze „eines Tages auf und davon machten, sich an verschiedenen Orten versteckten und die Zauberer aller Länder bezahlten, um verzaubert und nicht gefunden zu werden“. Dass Felicitas Hoppe der Frage, was Schätze eigentlich ausmacht, im Lauf der Jahre eine Reihe von großartigen Erörterungen gewidmet hat, bildet das Fundament dieser Sätze, die von der erstaunlichen Beweglichkeit dieser Schätze handeln, als ob diese nicht aus Gold, sondern Quecksilber bestünden. Das aber verbindet sie mit jeder guten Geschichte, auch der von den Nibelungen: Sie verändern permanent ihre Gestalt, fließen hierhin und dorthin, benutzen Rhein und Donau für ihre Wege und bleiben sich doch treu. In diesem Sinne hat Felicitas Hoppe zu unserem Glück den Nibelungen-Schatz gehoben und ihn sich zu eigen gemacht, um ihn verwandelt zurück in die Welt zu schicken.

Felicitas Hoppe: „Die Nibelungen“. Ein deutscher Stummfilm. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 256 S., geb., 22 €.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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