Buch von Fritz Meyer

Der Tod in seinem Blut

Von Jürg Altwegg
10.05.2022
, 23:10
Kein Frieden im Labyrinth: Theseus tötet den Minotaurus, hier als Mosaik des vierten Jahrhunderts
Auferstehung von und bei Atlantis: Ein vergessenes, vor mehr als sechzig Jahren erschienenes Meisterwerk des Schweizer Schriftstellers Fritz Meyer wird neu erschlossen.
ANZEIGE

Meyer mit „ey“: wie der Klassiker Conrad Ferdinand und der Zeitgenosse E. Y. Meyer. Auch Meiers gibt es ein paar in der Schweizer Literatur – mehr jedenfalls als Müllers. Schweizerischer als Fritz Meyer kann man nicht heißen. Und vielleicht hat sein Schicksal auch damit zu tun: dass ein Schweizer Schriftsteller dieses Namens zur tragischen Figur der Literaturgeschichte und vergessen wurde.

„Ich unter anderem“, erschienen 1957, ist ein existenzialistischer Roman aus der Unterschicht und beginnt mit einem Skiunfall. Wochenlang liegt der Ich-Erzähler im Krankenhaus, er ist „der Beinbruch auf Zimmer 24“. Seine Eltern hat er verloren, er arbeitet als Lehrling, abends besucht er Vorlesungen der Volkshochschule. Hier lernt er die aus besseren Kreisen stammende Katharina kennen. Sie zieht ihn in ihren Bann – auch erotisch. Ihre Besuche bei dem Havarierten, der sie liebt, werden jedoch seltener. Die Krankenschwester Veronika bringt dem Patienten jede Nacht eine Orange.

ANZEIGE

Die Abgründe der menschlichen Existenz

Fritz Meyer erzählt mit Phantasien, Träumen, Erinnerungen und Sehnsüchten, die sich vermischen. Immer wieder setzt er zu ordnenden Zusammenfassungen an. Der Ich-Erzähler hört das Sterben anderer Patienten, die ins Badezimmer verlegt werden, „so beiläufig wie das Knarren eines Fensterladens im Wind“. Nach seiner Entlassung geht er an Krücken. „Das Grauen jener Minuten kann ich nicht wiedergeben, denn es hat nicht die geringste Beziehung zur Sprache“: Es ist der Moment, in dem er entdeckt, dass sich Katharina mit dem Professor eingelassen hat. „Ich müsste mich äußern in der Weise des Wurms, wenn er sich windet und krümmt.“

Fritz Meyer: „Ich unter anderem“.
Fritz Meyer: „Ich unter anderem“. Bild: Atlantis Verlag

Wenige Personen bevölkern die Erzählung, die in die Abgründe der menschlichen Existenz führt. Meyer verleiht seiner Geschichte einer unglücklichen Jugendliebe eine mythische Dimension. Katharinas Mutter hat ihre unerfüllten Sehnsüchte und existenziellen Enttäuschungen auf den Waisenjungen projiziert. Als dieser einsam und verzweifelt Katharina anruft, hört er im Hintergrund ihre Stimme: „Ist es Emil?“ Durch die Mutter bekommt er also am Ende der Erzählung einen Namen. Sie stirbt in der Nacht an einem Herzinfarkt. Von „Mörder“-Rufen begleitet verlässt er das Haus.

ANZEIGE

Veröffentlicht wurde „Ich unter anderem“ im längst abgewickelten Zürcher Verlag Fretz & Wasmuth, der ehedem eine erste Adresse war und eine Gesamtausgabe der Werke von Hermann Hesse herausgab. Die nunmehrige Neuauflage ist ein Ereignis. Felix E. Müller, langjähriger Chefredakteur der „NZZ am Sonntag“, wurde über Fritz Meyer promoviert. In einem Nachwort rekapituliert er das Leben des 1964 verstorbenen Schriftstellers, der drei Jahre älter als Max Frisch war. Meyer arbeitete als Lehrer in einem Vorort von Zürich. Unter „Horizontverengung“ habe er in den Jahren der geistigen Landesverteidigung gelitten. Müller vergleicht ihn mit Paul Nizon – für beide wurde Paris zum Fluchtort aus der Enge der Schweiz.

Raum und Zeit öffnen sich

Für Müller ist „Ich unter anderem“ das modernste Werk der Schweizer Literatur vor 1960. Die mangelnde Aufmerksamkeit und das Vergessen erklärt er mit dem Aufkommen einer neuen Generation. Die jungen Schriftsteller befreiten sich von den „Hemmnissen“ der geistigen Landesverteidigung. Im Gegensatz zu Max Frisch verpasste Fritz Meyer aus der Ferne den Anschluss an sie. Felix E. Müller misst dessen Buch an Frischs „Stiller“, dessen „Identitätssuche er bis in die letzte Konsequenz getrieben“ habe.

ANZEIGE

Die Teile zwei und drei von „Ich unter anderem“ haben kaum noch eine zusammenhängende Handlung. Raum und Zeit öffnen sich. Die Auflösung des verletzten Ichs geht weiter. „Dass ich den Tod im Blut habe, gehört nicht hierher; einmal werde ich darauf eingehen müssen.“ Auf einer fulminanten Seite, die man mehrmals lesen muss, situiert Meyer den Erzähler im Labyrinth der griechischen Mythologie. War er es, „der in meiner Verlorenheit Theseus im Traum erschien“?

Eine unheimliche Aktualität

„Zusammengeworfen“ ist die Welt, aus zwei Teilen besteht jedes Zeichen, das sie repräsentiert. Die Beziehung zwischen ihnen ist eine willkürliche. Fritz Meyer schreibt mit dem Bewusstsein der literarischen Theorien, ohne sie anzuwenden. Sehr viel weniger jedenfalls als gleichzeitig zum Beispiel Alain Robbe-Grillet. Das „Es“ – „weder männlich noch weiblich“ – steht, wie er schreibt, „als Subjekt wirklich für NICHTS“: „Ein Loch, das mich anzieht.“ Symbole und Allegorien werden dekonstruiert – noch aber hatte Jacques Derrida diesen Begriff gar nicht geprägt. Hinter den Zeichen entzieht sich ihm die Wirklichkeit. Auch sie löst sich auf. Am Schluss ist der Erzähler „zum Gehen bereit“. „Am richtigen Ziel angelangt, wo alles beginnt.“

Wie der Autor dieser frühen postmodernen Prosa hat kein Schweizer Autor geschrieben. Meyer starb im Alter von fünfzig Jahren an den Folgen des Alkohols, dem Tod in seinem Blut. Man zögert, im Zusammenhang mit der Neuausgabe von einer Renaissance zu sprechen, denn eine Rezeption hat es allenfalls in Ansätzen gegeben. Möglich macht sie jetzt Daniel Kampa, der in Zürich vor ein paar Jahren einen Verlag gründete. Zu dessen Lancierung hatte er von Diogenes, für den er zuvor tätig gewesen war, auf etwas unschöne Weise die Rechte an Georges Simenon übernommen. Jetzt darf man ihm endlich verzeihen: Die Auferstehung des Dichters Fritz Meyer geht einher mit jener des früher berühmten Verlags Atlantis – in Kampas Verlagsgruppe.

ANZEIGE

Ihn hatte der einer Zürcher Bierbrauerdynastie entstammende Schriftsteller Martin Hürlimann 1930 in Berlin gegründet. Er war mit Bettina Kiepenheuer verheiratet; bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zog das Paar nach Zürich, wo 1936 bereits ein Tochterunternehmen aufgebaut worden war. Zu den Atlantis-Autoren gehörten Meinrad Inglin, Emil Staiger, Ricarda Huch und Max Frisch. Atlantis brachte Bildbände, Klassikerausgaben, Biographien und Bücher über Musik – stets mit hohem Langzeitwert – heraus. 1964 wurde der Verlag erstmals verkauft. Seine Zeitschrift „Atlantis“ integrierten die neuen Besitzer in das ähnlich renommierte „Du“.

Als Kampa Atlantis übernahm, war das immer noch „der älteste Kinderbuchverlag der Schweiz“. Daniela Koch belebt ihn nun mit vielversprechenden literarischen Neuerscheinungen und Werken aus dem reichen Fundus. Die „Blätter aus dem Brotsack“, die Aufzeichnungen des Soldaten Max Frisch, waren zunächst in der verlagseigenen Zeitschrift und 1940 dann als Buch bei Atlantis erschienen. Der russische Überfall auf die Ukraine vermittelt der literarischen Verarbeitung jenes Schocks, den der Beginn des Zweiten Weltkriegs auslöste, eine unheimliche Aktualität. Frisch nahm dadurch seine Karriere als Schriftsteller, die er für gescheitert hielt, wieder auf. Seinem Zeitgenossen und Landsmann Meyer blieb das versagt. In Paris, wo alle seine bekannten Texte entstanden, hatte er indes die Enge gesprengt und einen Horizont in den Dimensionen von Friedrich Dürrenmatts Denken, Dramen und Bildern erschlossen. Wesentliche Teile des Werks und auch die aktuellen Rechte­inhaber sind indes verschollen. Im Impressum von „Ich unter anderem“ werden sie gebeten, sich mit Atlantis in Verbindung zu setzen.

Fritz Meyer: „Ich unter anderem“. Mit einem Nachwort von Felix E. Müller. Atlantis Verlag, Zürich 2022. 224 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Altwegg_Juerg_Autorenportrait
Jürg Altwegg
Freier Autor im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE