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Roman „Ich an meiner Seite“

Renovierungsbedürftige Bleibe mit Herz

Von Wolfgang Schneider
Aktualisiert am 03.04.2020
 - 14:57
In der Therapie soll eine „Hauptfigur“ genannte Optimalversion der eigenen Person entstehen – ein inneres Leitbild, mit dessen Hilfe sich die Außenwelt besser bewältigen lasst.
In „Ich an meiner Seite“ geht es um einen, der nach zwei Jahren in Haft mit therapeutischer Begleitung die ersten Schritte in Freiheit macht. Ein spannendes Sujet – nur der Fokus fehlt.

Wer aus dem Gefängnis entlassen wird, tut gut daran, die Haft als „Auslandsaufenthalt“ in seinen Lebenslauf einzubauen. Mit solchen Empfehlungen bekommt es Arthur Galleij zu tun, der junge Held im ersten Roman der Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher. Nach über zwei Jahren im Gefängnis bemüht Arthur sich, die ersten Schritte in Freiheit zu machen, ohne in sich zusammenzufallen (und ohne dass die Dächer abrutschen, hätte ein Franz Biberkopf gesagt). Mit einer mysteriösen Wunde am Kopf erscheint der Zweiundzwanzigjährige in seiner Haftentlassenen-WG. Das von einer wissenschaftlichen Studie begleitete Wohn-Projekt („Weitermachen e.V.“) wird für Arthur über längere Zeit zur Ersatzfamilie.

Birgit Birnbacher, Jahrgang 1985, hat als Soziologin in Salzburg gearbeitet. Ihr Roman ist gewissermaßen aus professioneller Perspektive geschrieben. Er gewinnt seine Form, indem er die wechselvolle Lebensgeschichte Arthur Galleijs in den Rahmen des Resozialisierungsprojekts spannt. Wichtige Informationen vermitteln sich über die Aufzeichnungen, die Arthur auf Band spricht, und wir werden Zeugen des teils mühevollen, teils skurrilen therapeutischen Alltags. In den täglichen Feedback-Runden kommen auch vom Leben gedemütigte Gestalten wie der „Scheiße-Hans“ ausgiebig zu Wort. Er trägt diesen Spitznamen, weil seine Geschichten so schlimm sind, dass den Zuhörern danach wenig anderes zu sagen bleibt als: „Scheiße, Hans.“

Schilldernder Krisen-Kumpel

Allmählich soll in der Therapie eine „Hauptfigur“ genannte Optimalversion der eigenen Person entstehen – ein inneres Leitbild, mit dessen Hilfe sich die Außenwelt besser bewältigen lasse. Die gedankliche Substanz dieses Projekts scheint allerdings ebenso brüchig wie seine federführenden Akteure, allen voran der Therapeut Konstantin Vogl, genannt Börd, der selbst Hilfe gut gebrauchen könnte: Er leidet an Depressionen, Alkoholismus und aufbrausendem Gemüt. Immerhin ist er die schillerndste Gestalt des Romans, weniger väterlicher Retter als Krisen-Kumpel.

Die mit den Bandaufzeichnungen und Therapiegesprächen verbundenen Rückblenden, so die geschulte Erwartung eines Lesers von Romanen, sollten die biographischen Hintergründe und Motive von Arthurs kriminellen Verirrungen liefern. So scheinen die Ausführungen über seine Vaterlosigkeit und seine Kindheit in einer unwirtlichen, von sozial abgehängten Menschen bewohnten Hochhaussiedlung auf das Muster des prekären Milieus hinauszulaufen, das jugendliche Kriminalität begünstigt. Dagegen wendet Arthur selbst in seinen Aufzeichnungen ein: „Jetzt werden Sie sagen: Klassiker, vaterloser Jugendlicher wird kleinkriminell. Und gleich irgendwelche Kausalitäten einziehen, wo die gar nicht hingehören.“

Tatsächlich gelingt es Arthurs Mutter, die Familie „ein paar Gesellschaftsschichten nach oben zu manövrieren“. Sie verlässt die österreichische Kleinstadt und übernimmt in Andalusien mit ihrem zweiten Mann die Leitung einer Hospizeinrichtung für Wohlhabende. Arthurs weitere Jugend scheint nun eher von einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung gekennzeichnet – aber womöglich wäre auch das nur eine falsch eingezogene Kausalität. Die nächste „Kausalität“ kommt in Form einer bisexuellen Dreiecksbeziehung mit Arthurs Freunden Princeton und Milla daher, die auf eine Badetragödie an der spanischen Küste hinausläuft: Während Princeton Arthur unter Wasser zu töten versucht, ertrinkt die unbeobachtete Milla – beides aus ziemlich unerfindlichen oder zumindest nicht hinreichend geklärten Gründen. Für eine traumatische Erfahrung reicht es allemal.

Versierter Online-Betrüger

Arthur verlässt Spanien und reist nach Wien, um dort irgendwie „ein neues Leben“ zu beginnen. Das will ihm nicht gelingen; zudem wird er Opfer eines Betrugs und gerät nun in jenen „Ausnahmezustand“, der ihn abrutschen lässt. Während er gerade noch ziemlich hilflos wirkte und nicht einmal in der Lage war, ein paar Lebensmittel zu kaufen, erweist er sich ein paar Seiten später als versierter Online-Betrüger, der sich falsche Identitäten über das Darknet beschafft, damit Konten eröffnet, um andere Menschen mit Phishing-Mails hinters Licht zu führen und auszunehmen. So richtig triftig wirkt diese Entwicklung nicht, und zu den Unausgegorenheiten gehört der Umstand, dass Arthur – wir schreiben das Jahr 2007 – seine Beute in Bitcoin umtauscht. Die ersten Bitcoin gab es 2009.

Es mag ja sein, dass sich eine kriminelle Tat nicht durch geradlinige Kausalitäten erklären lässt, sondern dass immer eine ganze Existenz mit ihren verworrenen Zusammenhängen, Widersprüchen und vielfältigen Aufs und Abs dahintersteht. „Es gibt keinen Grund. Es gibt viele Gründe“, heißt es einmal. Aber auch wenn man dies philosophisch korrekt findet, kommt man nicht umhin festzustellen, dass solche unklaren Entwicklungslinien einem Roman nicht förderlich sind. Viele Stationen von Arthurs Lebensgeschichte wirken merkwürdig unfokussiert und in ihrer Abfolge wenig sinnfällig.

„Ich hatte das große Glück, meine Hauptfigur vor ein paar Jahren zu treffen“, hat Birgit Birnbacher in einem Interview gesagt, und am Ende des Buches dankt sie „der realen Vorlage“ ihres Helden für die „geduldige Gesprächsbereitschaft“. Die Echtheit der Geschichte wirkt sich aber womöglich zu deren Schaden aus, denn der Lebenswahrheit mangelt es oft an der Struktur, die eine gute Geschichte braucht. Umständlicher Realismus wechselt mit fernsehfilmartig überdeterminierten Szenen, etwa als der WG-Genosse Lennox Arthurs Zeugnisse und Dokumente „wie Schnee“ von einem Hochhausbalkon flattern lässt – er will sich an ihm rächen, weil Arthur ihm zuvor nicht helfen konnte, als er von Drogendealern bedroht wurde und dringend viel Geld brauchte. Allzu belletristisch wirkt auch die Figur der alten, schwerkranken Schauspielerin Grazetta, die immer wieder unverhofft wie ein Schutzengel in Arthurs Leben auftaucht.

So bleibt dieser Roman nach dem Erzählband „Wir ohne Wal“ nur eine weitere Talentprobe dieser Autorin, der man auf jeden Fall zugutehalten darf, dass sie sich für Lebensverhältnisse jenseits der üblichen Wahrnehmungsschneisen interessiert. Und zweifellos gibt es starke Szenen. Dazu gehören Arthurs peinigende Flashbacks in die Zeit im Gefängnis, wo er in einer Zelle mit „Vierfachbelegung“ (seitdem ein Schreckenswort für ihn) von den Mithäftlingen sadistisch gequält wurde; dazu gehört auch eine gemeinsam mit dem Therapeuten unternommene Wohnungsbesichtigung, bei der Arthur eine kaum noch begehbare Messie-Behausung zur Untermiete angeboten wird – „renovierungsbedürftige Bleibe mit Herz“ lautete die Anzeige.

Das Konzept der idealen „Hauptfigur“ als Leitbild sieht Arthur selbst zunehmend skeptisch. „Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich hier rausbringen wird, sondern einzig und allein ich an meiner Seite.“ Damit hat der Roman seine Formel gefunden. Dass er aber geschrieben wurde, um ein fadenscheiniges therapeutisches Modell zu entkräften, leuchtet nicht ein.

Quelle: F.A.Z.
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