Leben als Aussteiger

Ein Naturbanause unter Wildtieren

Von Wiebke Hüster
25.05.2021
, 16:15
Ein Angler am Walden Pond, dem Teich, an dem Henry David Thoreaus berühmte Hütte stand. Auf dieses Aussteigerideal bezieht sich das Pseudonym H.D. Walden.
Im Geiste Henry David Thoreaus: Unter dem Pseudonym H.D. Walden malt sich Linus Reichlin aus, wie sich ein Einsiedler im Ruppiner Forst den Tag vertreiben würde.
ANZEIGE

Die Dinge mit ganz einfachen Worten zu beschreiben, in leicht kindlicher Weise, mit umgangssprachlichen Ausdrücken oder falsch verwendeten Neologismen, ist eine literarische Technik. Etwas so aufzuschreiben, dass es wie eine spontane Wahrnehmung, eine impulsive Empfindungsverarbeitung erscheint, und dazwischen naive Analogien herzustellen kann in einen Text hineinziehen. Autoren, die sich derart umstandslos an ihre Leser wenden, erzeugen eine Nähe und Vertrautheit, die sich genauso einnehmend wie vereinnahmend anfühlen kann.

Der Schweizer Schriftsteller Linus Reichlin schreibt in seinem Buch „Ein Stadtmensch im Wald“ auf solche Art distanzlos. Im ersten Lockdown zieht sich sein Ich-Erzähler aus Berlin in die brandenburgische Datsche seiner Freundin zurück. Während diese weiter auf einer Intensivstation Covid-19-Patienten pflegt, bringt er sich in Sicherheit, im „Ruppiner Wald- und Seengebiet“, wie es heißt. Das konfligiert allerdings mit der nächsten Ortsangabe der fiktionalen Hütte: Ein Waldgebiet, das sich von Oranienburg im Süden und Gransee im Westen aus erstreckt, wäre falsch bezeichnet; Gransee liegt nördlich von Oranienburg. Östlich liegt die Schorfheide, das Ruppiner Seengebiet liegt westlich. Wen sollen diese widersprüchlichen Ortsangaben verwirren?

ANZEIGE

Wenn Amseln Social Distancing ignorieren

Die Freundin muss dem Ich-Erzähler alles erklären, und sie kann es auch. So hat sie eine Theorie, nach der die meisten Wildtiere mangels Anblicks in Unkenntnis der Art Mensch lebten und diese, da „groß, langsam und harmlos“, für Kühe hielten. Der den Garten wässernde Ich-Erzähler erklärt sich so das furchtlose Verhalten einer Amsel – „sie hielt nicht den Social-Distancing-Abstand von anderthalb Metern ein“. Der Mann, ein „Naturbanause“, wie es auf der Rückseite des Buchcovers heißt, will den Vögeln, indem er sie füttert, „zeigen, dass ich ein bisschen mehr draufhatte als eine Kuh“.

H.D. Walden: „Ein Stadtmensch im Wald“.
H.D. Walden: „Ein Stadtmensch im Wald“. Bild: Galiani Verlag

Es entspringt demselben Ironie-Verständnis, dass Reichlin als Autoren-Pseudonym „H.D. Walden“ gewählt hat, was Henry David Thoreaus beide Vornamen und den titelgebenden See seiner berühmtesten Schrift „Walden – Life in the Woods“ von 1854 zusammenbringt. Der Schriftsteller-Eremit Thoreau als Vorläufer deutet schon auf eine einsiedlerische Existenz auf Zeit hin, und so ist es auch in dieser brandenburgischen Version für das einundzwanzigste Jahrhundert.

ANZEIGE

Falsch verstandene Empathie

Bei Thoreau sind es selbstverständlich keine gewöhnlichen Mäuse, die ihm ins Hosenbein krabbeln, sondern solche, die auch Wände senkrecht hinauflaufen können. Reichlins vermeintliche Ratte, die seinen Nachtschlaf stört, ist in Wahrheit solch eine kleine graue Hausmaus. Beide Autoren leiten nichts als einen folgenlosen Natur-Enthusiasmus aus ihren Begegnungen mit den niedlichen Tierchen ab. Mit dem Aufenthalt in dem literarischen Versteck sind für Reichlins Stadtmensch denn auch nur wenige Pflichten verbunden: Er soll Rehe vom Grundstück verscheuchen, um die Rosenknospen vor Verbiss zu retten, er soll die Vögel mit „Rosinen von Alnatura“ füttern und dem räudigen Fuchs mit Steidl-Öl beträufelten Schinken hinstellen.

Noch befremdlicher ist, dass der Ich-Erzähler sich selbst durch das Virus tödlich bedroht fühlt, aber nie Angst um seine Krankenschwestern-Freundin äußert. Der ganze Prozess des Einlebens in die Natur, den das naive Buch schildert, ist von falsch verstandener Empathie geprägt. Wildtiere bekommen Namen, ihren Verhaltensweisen werden menschlich-soziale Motive unterlegt. Füchse zu füttern, die an ihrer Räude qualvoll eingehen, zögert diesen Tod allenfalls hinaus, auch wenn man ihm Steidl-Öl für 42 Euro pro fünfzig Milliliter unter Fischstäbchen mischt. Reichlins Stadtmensch begräbt den Fuchs symbolisch unter Holz. Als er auf der Terrasse eine Maus ohne Kopf findet, kann nicht „sein“ Waschbär der Täter gewesen sein: „Manchmal widerte die Natur mich an.“

Briefmarke zu Thoreaus zweihundertstem Geburtstag
Henry David Thoreau für immer: Eine Briefmarke feierte 2017 den zweihundertsten Geburtstag des berühmtesten Aussteigers aller Zeiten. Bild: AP

Nachdem der Ich-Erzähler eines Nachts einen Schuss gehört hat, fürchtet er um das Leben des von ihm gefütterten Waschbären. Daraufhin sucht er den Hochsitz, auf dem er die Revierpächterin vermutet, und beschließt, ihr aufzulauern und sie zu beobachten. Er hockt nachts im Busch, trinkt Bier und isst hartgekochte Eier und Salzmandeln. Einmal lässt Reichlin seine Figur notieren, „ein epochaleres Ereignis als die Seuche“ wäre für ihn persönlich, wenn „der Waschbär sich streicheln ließe“. Der Ich-Erzähler hat keine Zweifel: „In diesem Wald herrschte nicht die Vernunft.“ Aber das liegt nicht am Wald.

ANZEIGE

H.D. Walden: „Ein Stadtmensch im Wald“. Galiani Verlag, Berlin 2021. 112 S., geb., 14,– €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE