Prosa-Bildband von Han Kang

Die Toten kleiden sich in den aufziehenden Rauch

Von Wiebke Porombka
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 22:08
Versteht es, Intimität, Verletzlichkeit und Universalität miteinander zu verbinden: die Schriftstellerin Han Kang
Bitte stirb nicht: Der Prosa-Bildband „Weiß“ der südkoreanischen Autorin Han Kang ist eine poetische Meditation über den Verlust einer Schwester.

Übel zugerichtete Körper und seelischer Schmerz sind die Themen der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Im Roman „Menschenwerk“ (deutsch 2017) verleiht sie den Opfern des Massakers von Gwangju eine Stimme – 1980 wurden in dieser Stadt im Südwesten Koreas Studenten, die für Bürgerrechte demonstrierten, vom Militär ermordet, mit ihnen Teile der Bevölkerung, die sich solidarisierten.

Vor allem aber schaut Han Kang auf versehrte weibliche Körper. So in ihrem bekanntesten, 2016 mit dem Man Booker International Prize ausgezeichneten Roman „Die Vegetarierin“, in dem eine Frau sich der strukturellen Gewalt einer patriarchal dominierten Gesellschaft zu entziehen versucht. Auch in „Deine kalten Hände“, im Original bereits 2002, in deutscher Übersetzung erst 2019 erschienen, erzählt Han Kang davon, wie soziale Normierungen physische und psychische Deformationen verschulden. Und nicht zuletzt davon, wie künstlerische Auseinandersetzung ebendamit erfolgen kann.

Eine konzentrierte Stille

„Weiß“ lautet der schlichte Titel von Han Kangs jüngst übersetztem Buch, das sich einer eindeutigen Gattungsbezeichnung entzieht – kurze Prosastücke, versetzt mit wenigen Fotos und Screenshots einer Performance. Eine Hand mit Salz ist darauf zu sehen oder eine Ansammlung weißer Federn. Der Schmerz und die Versehrtheit, die hier zur Sprache kommen, sind weniger sozial, sondern wohl autobiographisch grundiert – und vielleicht meint man gerade deshalb, diesen schmalen Band als eine Art Nukleus von Han Kangs Werk zu lesen, als dessen Kraftzentrum. „Weiß“ ist eine Meditation über Trauer, eine poetische Installation über Verlust.

Am Anfang steht der beinahe lapidar formulierte Entschluss, über weiße Gegenstände zu schreiben, es folgt eine Liste: „Wickeltuch, Babyhemdchen, Salz, Schnee“, die, endend mit dem „Totenhemd“, einen Lebenszyklus zu umreißen scheint, ohne dass die namenlose Erzählerin bereits benennen kann, welche Bedeutung das Betrachten dieser Wörter haben könnte. „Sie würden in mir gedreht und gewendet werden und schließlich in Form von Sätzen herausvibrieren wie fremde, klagende oder schrille Töne, die der Geigenbogen einer Metallsaite entlockt.“

Zurückgenommen und zart

In einer Hinsicht irrt die Erzählstimme: Schrill ist nichts an diesem Buch, vielmehr liegt über den großzügig gesetzten Seiten eine konzentrierte Stille, die längst nicht nur von den schneebedeckten Landschaften ausgeht, die Han Kang schildert. Auch die selbstgestellte Frage, ob es ihr gutes Recht sei, sich zwischen den Sätzen zu verstecken, erweist sich mit jedem neuen Prosastück mehr als gegenstandslos.

Das Konzept des Bandes mag experimentell anmuten und Weiß als Farbe der Avantgarde gelten – wie Friederike Mayröcker sie in ihrem jüngsten Proem „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ verschiedentlich aufruft. Weiß sind aber auch die Gipsabdrücke, die der Künstler in Han Kangs Roman „Deine kalten Hände“ von Frauenkörpern anfertigt, und die leere Formen bleiben. „Weiß“ als Buch hingegen ist von kristalliner Klarheit und Offenheit und dabei so zurückgenommen und zart wie der Ausdruck „weißes Lächeln“, den es, so schreibt Han Kang, wohl nur in ihrer Muttersprache gebe. Der Ausdruck beschreibe ein Gesicht, „das ein Lächeln – einsam und versonnen – nur andeutet, verbunden mit zerbrechlicher Reinheit“. Und weiter: „Wenn es überhaupt auf jemanden angewendet werden kann, dann auf dich, die du darum kämpfst, zu lachen, während du geduldig erträgst.“

Wickeltücher werden zu Leichentüchern

„Weiß“ erzählt über die verstorbene Schwester der Erzählerin, die selbst gestaltlos bleibt, in diesem Fall aber offenkundig mit der Autorin in eins genommen werden kann. Es handelt von der Trauer über einen Verlust, der selbst nicht erfahren wurde, aber das eigene Dasein bestimmt. Und mehr noch: der die eigene Existenz vielleicht allererst ermöglicht hat. Wie vermisst man, was man nicht kannte?

Die Schwester war das erste Kind der Eltern und verstarb kurz nach der unerwarteten verfrühten Geburt – die Mutter war allein in einem abgelegenen Haus ohne erreichbare Hilfe, als die Fruchtblase platzte. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass ihr erstes Kind zwei Stunden nach der Geburt gestorben ist. Es war ein Mädchen, mit einem Gesicht wie ein weißer, mondförmiger Reiskuchen.“ Wiederholt werden die Geburt und das kurze Augenaufschlagen des Neugeborenen aufgerufen, wie auch die flehenden Worte der Mutter: „Stirb nicht, bitte stirb nicht!“ Eine Erzählung, die sich in die Kindheit der Erzählerin einschreiben wird. Ein Jahr darauf stirbt, wiederum nach einer Frühgeburt, ein weiteres Kind, diesmal ein Junge. „Hätten diese beiden Leben die kritische Zeit sicher überstanden, würde es mich, die drei Jahre danach geboren wurde, nicht geben.“

Zerstörung und Neubeginn

Als der Vater nach der dramatischen Geburt des ersten Mädchens nach Hause kommt, bleibt ihm nur, das Neugeborene zu begraben. Das Babyhemdchen – man sieht ein solches auch auf den Fotos im Band als Teil der Performance – wird zum Totenhemd, die Wickeltücher werden zu Leichentüchern.

Han Kangs Prosaminiaturen kreisen genau um diese Ambivalenz des Weißen als Symbol der Reinheit und zugleich als Ausdruck der Trauer und des Todes. Nicht nur zu Beerdigungen trägt man in Korea neben Schwarz auch Weiß. Han Kang beschreibt die Tradition, weiße Kleidung zu verbrennen im Glauben, die Verstorbenen würden sich in den dann aufziehenden Rauch kleiden. Vielleicht sollte man es also nicht Ambivalenz nennen, sondern das Vermögen zum Verschmelzen von Tod und Leben als Ineinandergreifen von Zerstörung und Neubeginn, das dem Weißen inhärent ist.

Im wahrsten Sinne des Wortes pulverisiert

Eindrücklich in diesem Sinne wirkt auch der räumliche Rahmen, den Han Kang ihrem Schreiben gibt. „Weiße Stadt“ nennt sie dessen Ort, der eigentliche Name der Stadt fällt nicht, aber augenscheinlich handelt es sich um Warschau – wo sich die Schriftstellerin dank eines Stipendiums aufgehalten hat. Am Anfang steht eine Art Initiationsritual: Die neu bezogene Wohnung wird komplett weiß gestrichen, bis hin zum Waschbecken und zu den auf der Wohnungstür eingravierten Zahlen. Tabula rasa.

In einer Gedenkstätte sieht die Erzählerin Luftbilder der von Hitler angeordneten Bombardierung Warschaus. Zu Beginn des Films, heißt es, wirke die Stadt weiß, wie verborgen unter einer mit Rußpartikeln gesprenkelten Schneedecke. Als das Flugzeug, das die Aufnahmen macht, an Höhe verliert, werden Einzelheiten sichtbar: „Die Stadt lag weder unter einer Schneedecke, noch gab es Verschmutzungen durch Ruß. Alle Gebäude waren im wahrsten Sinne des Wortes pulverisiert worden. Wohin das Auge auch blickte, überall waren weiß schimmernde Trümmerhaufen zu sehen, nur gelegentlich unterbrochen von den schwarzen Spuren des Brandes.“

Diese zerstörte und wieder aufgebaute Stadt, in deren Getto die Menschen gegen die Repressionen des nationalsozialistischen Regimes aufbegehrten, eröffnet zudem eine weitere Ebene in Han Kangs poetischen Mediationen: die Frage nach den Ritualen und Praktiken der Trauer, individueller wie historischer. In Warschau manifestiert sich an den verbliebenen Fragmenten der Gettomauern das Gedenken der Nachgeborenen im öffentlichen Raum. Eine solche Manifestation ist auch dieses Buch, das seine Schönheit aus dem Zusammenspiel von Intimität, Verletzlichkeit und Universalität gewinnt.

Han Kang: „Weiß“. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 151 S., Abb., geb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
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