Buch von Hans-Jürgen Heinrichs

Der Nabel bin ich

Von Jürg Altwegg
12.03.2021
, 17:53
Wohin geht’s wirklich? Hans-Jürgen Heinrichs legt mit „Der kürzeste Weg führt um die Welt“ eine enervierend-faszinierende Autobiographie vor.

An intellektuellem Snobismus ist dieses Buch kaum zu übertreffen. Als junger Mann, der die deutsche Enge überwinden will, trifft der Erzähler in Paris – im Café de Flore – zwei „Berühmtheiten“. Sie hatten schon vor ihm und „stets auf Einladung politisch und kulturell Mächtiger die ganze Welt bereist, während ich mir nur Ausschnitte der Fremde auf eigene Faust zu erobern versuchte hatte“. Sie waren nicht bereit, „die eherne Größe ihrer Namen“ gegen seine „Haltung ungeschützter Neugierde“ einzutauschen. Und deshalb werden diese verschwiegen.

Es handelte sich – denn doch leicht entschlüsselbar – um Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Ihm erklärte Heinrichs zum Abschied, er habe „als Schüler dessen Buch ‚La Nausée‘ in weinrotes Leder einbinden lassen“. Als selbsternannter „Narr“ kommt Sartre später dann doch noch namentlich vor.

Hans-Jürgen Heinrichs wurde 1945 geboren. Er ist Ethnologe und Schriftsteller, 1980 begründete er in Frankfurt den Qumran Verlag, der ein paar Jahre lang zu den lebendigen Zentren des deutschen Geisteslebens gehörte. Als Verleger und Essayist beschäftigte sich Heinrichs mit Strukturalismus, Ethnologie, Psychoanalyse.

Flucht aus Danzig

„Von den ersten Zeilen an führt er den Leser auf die Wege geheimnisvoller Freundschaften und hinaus in die weite Welt eines manisch Reisenden“, schreibt Durs Grünbein in seinem hymnischen Vorwort: „Ein Mensch verlässt, wie wir alle von der Schule gelangweilt, das Klassenzimmer durch das Fenster – und findet sich eines Tages in Bagdad wieder und in Ostafrika, in den Bergen der Nuba, an der Seite von Leni Riefenstahl.“

Am Kriegsende war die Mutter „mit einem Wagen und zwei Pferden“ aus Danzig geflohen. Mit dem Moped fuhr Heinrichs nach Paris. Die Enttäuschung über das verpatzte Rendezvous mit Sartre und Beauvoir war umso größer, als unmittelbar zuvor die spontane Begegnung mit einem genauso mythischen Intellektuellen-Paar sehr viel erfreulicher verlaufen war: Simone Signoret und Yves Montand baten Heinrichs, der im Bistro Texte von Jacques Prévert las, an ihren Tisch. „Das Gespräch entfaltete dann seine Spannung gerade aus dem Gefälle zwischen uns.“ Als einer, „der im Restaurant schrieb“, glaubt Hans-Jürgen Heinrichs, sei er „ein augenblickshafter Teil ihrer Wirklichkeit geworden“.

Die Neugierde hält sich in Grenzen

Er folgt einer Bekannten zu Georg Stefan Troller, dem legendären Paris-Chronisten mehrerer Jahrzehnte. Ihm sollte er von seinem Trip auf den Spuren Ezra Pounds nach Rapallo berichten – per Autostopp: Ein Ferrari hatte neben ihm angehalten, aber der Fahrer wollte keinen Tramper mitnehmen, sondern pinkeln. Erweichen ließ er sich dann trotzdem. Das alles ist manchmal lustig, auf die Dauer aber ziemlich langweilig. Heinrichs entdeckt eine Gemeinschaft, die ihre Tradition „seelisch, religiös und sozial“ hinter sich gelassen hat. Ein paar Zeilen weiter hat sich Europa nach seiner Rückkehr „politisch, sozial und kulturell grundlegend verändert“. Vom Autor kann man das nicht sagen. Von der vielbeschworenen „Lust“ am Reisen und einer Horizonterweiterung ist im Text wenig zu spüren.

Das Interesse an den Gesprächspartnern und die „ungeschützte Neugierde“ halten sich in Grenzen: „Phantasievoll schickt der Historiker Jacques Le Goff bei unserem Treffen wie in seinem Buch jemanden auf die Reise vom Westen in den Osten Europas.“ Das Thema, um das es gehen soll, ist der Gegenstand dieses Buchs: „Wie aber entsteht dennoch das Gefühl, ,zu Hause‘ zu sein?“ Aber Heinrichs beschreibt nur die Umstände des Gesprächs und Le Goffs Büro: „Mich empfing ein freundlicher, ja herzlicher Mensch“, und es fiel Heinrichs „nicht schwer, mit ihm über das Leben und die jederzeit möglichen Unglücksfälle zu reden“ – Le Goff ging vorübergehend an Krücken.

Wo bleibt die frivole Phantasie?

Er darf zwar noch etwas über Rassismus sagen, aber da ist Heinrichs bereits unterwegs zu Alain Finkielkraut und zitiert György Konrád, „den ich in Berlin traf“. Er besucht Cioran, Jorge Semprún, Paul Nizon. Bei Paul Virilio und Nathalie Sarraute war er auch. Ergiebiger sind die Begegnungen mit Michel Leiris und Michel Foucault, dem er erzählt, was Leiris über Raymond Roussel gesagt hat. Spätestens jedoch, als ihm in der Wüste Leni Riefenstahl entgegenwinkt, sagt sich der überforderte Leser: Hätte Heinrichs das alles doch erfunden! Etwas frivole Phantasie und selbstironische Flunkerei hätten dem Buch gutgetan.

Als Sammler und Jäger bereist Hans-Jürgen Heinrichs die Welt, deren zweitgrößte Geister er in Nebenrollen auftreten lässt. Zwei Kapitel aber haben es in sich. Sie schreiben deutsche Literaturgeschichte. Heinrichs war ein „unbeschriebenes Blatt“, als er der zwanzig Jahre älteren „Ingeborg“ (Bachmann) begegnete: „Eine Liebe in Rom“ ist das zweitbeste Porträt im Buch – seiner selbst und seiner gesammelten Eroberungen. Auch von Heinrichs’ Vater ist darin die Rede. „Zwei, drei Geheimnisse“ (Grünbein) aus dem Leben Ingeborg Bachmanns wird Heinrichs später Elfriede Jelinek anvertrauen, der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin.

Handke als „Projektionsfigur“

Heinrichs erinnert sich auch daran, als Peter Handke diese Auszeichnung erhielt: „Für mich wäre es eine gute Gelegenheit gewesen, in den Chor der Ankläger einzustimmen.“ Er sinniert, ob es für den „Serbien-Agitator“ klug gewesen sei, „seine Welt zu verlassen“ und „sich ,zum Narren‘ zu machen, wie dies Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre einst nannten“. Heinrichs’ Demütigung durch Sartre war später ein „Liebesraub“ durch Handke gefolgt: Abermals auf dem Weg ins Café de Flore war Heinrichs dem in Frankreich lebenden Handke zufällig begegnet und hatte ihm seine Freundin vorgestellt. Es war der Beginn einer sich „anbahnenden Selbstzerstörung“.

Handke erweist sich fortan als „Projektionsfigur“ nicht nur für „meine Wut“, die Heinrichs zu einem literarischen Höhenflug führt. Seiner Lust, einen „Dichter der Wandlung zu erschießen“, entsagt er, weil er Handkes Werk nicht noch einmal „auf tragische Weise erstrahlen“ lassen will. Handke und dessen „ewige Verführungen mit Gesten und selbstgepflückten Pilzen und erträumten Poesien“! Der Beziehungen beendet, indem er spazieren geht – worauf die Frau gut daran tut, das Haus vor der Heimkehr des Dichters zu verlassen.

Dem Umgang beider Schriftsteller mit der Mutter – im Leben, in der Literatur – widmet Heinrichs herrliche Abschnitte. Handke ist ihm die Jeanne Moreau der Literatur. Es geht nach Südfrankreich in das Schloss des Marquis de Sade und auf den Mont Ventoux, wo jeweils der legendäre Petrarca-Preis vergeben wurde. Handke verfolgt Heinrichs bis in dessen Albträume. In einem davon überlebt Michael Krüger, weil er noch ein Gedicht schreiben muss. Alfred Kolleritsch überlebt, weil er immer genügend Schnaps mit sich trägt. Der Verleger Hubert Burda überlebt, weil er sich an Handke klammert und von dessen Körperwärme am Leben gehalten wird. Und Peter Handke überlebt, „weil er die selbstgepflückten Blumen und Kräuter in seinen Taschen ganz fest umklammert und sich mit aller Kraft vorstellt, dass er sie einer Angebeteten überreicht“.

Hans-Jürgen Heinrichs wiederum hat überlebt, um diesen Traum Paul „Pablo“ Nizon erzählen zu können. Und um dieses ebenso enervierende wie faszinierende Buch zu schreiben. Er erkennt, dass seine „manischen“ Reisen die Wiederholung der Flucht seiner Mutter sind. Wohin der titelgebende „kürzeste Weg“ um den Globus führte, bleibt offen. Von seinen Lehr- und Wanderjahren, den Eroberungen von „Echoräumen in Europa und außerhalb Europas“ bekommen die Leser nicht viel mit. Aber dem Autor gelingt es zu guter Letzt sehr wohl, ihnen seine Fremdheit in dieser Welt, deren Nabel er ist, eindringlichst zu vermitteln.

Hans-Jürgen Heinrichs: „Der kürzeste Weg führt um die Welt“. Die Andere Bibliothek, Berlin 2020. 480 S., Abb., geb., 44,– €.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
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