Heinz Puknus/Norbert Göttler: Rolf Hochhuth

Er hat den Algorithmus, wo man mitmuss

Von Oliver Jungen
24.06.2011
, 16:00
Rolf Hochhuth, ein bedeutender Literat? Eine neue, gut lesbare Biographie lässt dem geliebt-verachteten Provokateur endlich Gerechtigkeit widerfahren, ohne einfach nur in Hagiographie zu verfallen.

Schon dieser eine Einspruch sollte doch ausreichen für einen Ehrenplatz im Pantheon der moralischen Literatur: „Der Krieg ist nicht ausgebrochen, wie immer geschrieben wird, er ist gemacht worden mit der Vehemenz, mit der er gewollt wurde.“

Wer es pointiert mag, kann darin die Essenz des Œuvres von Rolf Hochhuth erkennen. Für diesen Autor ist die Welt ein Uhrwerk, ein einheitlicher, wenn auch gottfreier Ordo, in dem alles mit allem kausal zusammenhängt: Es ist eine Menschenwelt, beherrscht von Intentionen, nicht von einem abstrakten Schicksal. Wer aus Egoismus gegen ihr Grundgesetz, die Humanität, verstößt, der macht sich schuldig. Diese Schuld zu rekonstruieren ist die Aufgabe des Moralisten. Dessen Standpunkt zu problematisieren, wie es etwa Brecht tut, hält Rolf Hochhuth nicht für angebracht, weil sonst der Relativismus droht.

Heftige Beschimpfungen

Fritz J. Raddatz hat in seinem Tagebuch die „Bildungs-Sturzbäche“ des Freundes hervorgehoben: „prima vista unsinnige Assoziationen sind Hochhuths grotesker Charme“. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich, dass dieses permanente Abgleichen von Bekanntem und Neuem Hochhuths spezieller Algorithmus ist, ein Mustererkennungsprogramm. Immer wieder neigt die menschliche Natur schließlich zu denselben Exzessen. Damit bietet sich aber auch die Allegorie als Remedium an. Antigone, Lysistrate, Judith, Dädalus, Wilhelm Tell – sie alle, ausgestattet mit kulturgeschichtlicher Approbation, verpflichtet Hochhuth als Lehrmeister für die Gegenwart. Wenig interessieren ihn die psychologischen, überzeitlichen Tiefenschichten des Mythos. Das macht sein Dokumentartheater beliebt, aber der Kritik nicht ganz geheuer.

Raddatz gesteht seinem Tagebuch, insgeheim den stilistischen Negativurteilen über Hochhuth zuzustimmen: „schlampiges Schreiben, erotischer Kitsch“. Mehrfach preist er schadenfroh den Stoizismus des Freundes, sich von den ewigen Verrissen nicht tangieren zu lassen. Wenn so ungnädig schon die Freunde urteilen, wie dann erst die Gegner? In der Tat klaffen bei keinem zweiten bundesdeutschen Autor, nicht einmal bei Heinrich Böll, zeitgeschichtliche Bedeutung und literaturhistorische Einschätzung so sehr auseinander. Welcher Autor kann schon behaupten, die Geschichte seines Landes spürbar beeinflusst zu haben? Nicht nur die Stimulierung der Aufarbeitung des Mitläufertums in der katholischen Kirche kann der heute achtzigjährige Hochhuth für sich verbuchen, auch den Anstoß zur Demission Hans Filbingers. Ludwig Erhard wie Helmut Kohl nahmen den Autor so ernst, dass es sie zu heftigen Beschimpfungen hinriss.

Provokation als eigene Kunstform

Die akademische Marginalisierung des erklärten Anti-Ästhetizisten stützt sich auf die künstlerisch eher schlichte Form von Hochhuths Stücken, hat aber vor allem mit der bewussten Abkehr vom politisch engagierten Schreiben zu tun. Dass sich dies trotz gegenwärtiger Rückkehr des Politischen noch einmal ändern wird, ist unwahrscheinlich. Die Öffentlichkeit erinnert sich neben dem „Stellvertreter“ heute wohl allenfalls an die unschönen Auseinandersetzungen mit Heiner Müller und Claus Peymann, nachdem Hochhuth zwischen 1993 und 1996 über eine Stiftung zum Eigentümer des Theaters am Schiffbauerdamm (Berliner Ensemble) geworden war.

Die meisten Untersuchungen zu Rolf Hochhuth stammen aus den siebziger Jahren. Eine neuere Gesamtdarstellung war überfällig, nicht nur, weil Hochhuth kürzlich einen runden Geburtstag feierte (F.A.Z. vom 28. März). Wer sich durch Heinz Puknus’ und Norbert Göttlers sympathisierende, aber doch den nötigen Abstand wahrende Biographie hindurchliest, der kann einen von Erich Kästner und Heinrich Mann beeinflussten Selfmade-Intellektuellen entdecken (nach dem Schulabbruch folgte eine Buchhändlerlehre), welcher mit Erfolg die Provokation zur eigenen Kunstform entwickelte und en passant der Bühne eine Bedeutung als moralische Anstalt zurückgab, die diese selbst sich kaum noch zutraute. Nur so erklärt sich, dass der große Erwin Piscator über das bewusst tendenziöse „Stellvertreter“-Drama von 1963 sagte: „Dieses Stückes wegen lohnt es sich, Theater zu machen.“

Mit allen Seiten verscherzt

Hochhuths Frontalangriff auf Papst Pius XII., der den Ruhm des Schriftstellers begründete, aber im Rückblick gesehen seine Lebensleistung zugleich überschattet hat, wird von den Autoren vielleicht ein wenig zu sehr gegenüber der neueren Pacelli-Forschung verteidigt. Doch wichtiger ist, dass Puknus und Göttler den „Stellvertreter“ nur als Start- und nicht schon als Höhepunkt von Hochhuths Karriere werten.

Als größere Herausforderung stellen die Biographen Hochhuths Ringen mit der Persönlichkeit Winston Churchills heraus. Die Ambivalenz ist schon dem Drama „Soldaten“ (1967) eingeschrieben, das einerseits den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung als Verbrechen behandelt, andererseits aber die Faszination verrät, die von jenem überragenden Strategen ausgeht, der Hitler die Stirn bot. Hochhuth, auch das typisch, verscherzte es sich mit allen Seiten: Konservative Kreise konnten mit dem Stück nichts anfangen, die Linke fürchtete eine „Entlastung“ Deutschlands, und Großbritannien verbot dem Schriftsteller gar die Einreise. Mit guten Gründen argumentieren die Autoren, dass Hochhuths Widerstandsoptimismus, seine Hochschätzung der Bedeutung des Einzelnen, auf seine Beschäftigung mit Churchill zurückgeht, auch wenn der Bezug zu den verschiedenen Hitler-Attentätern – mehr noch zu den einzelkämpferischen Attentatsversuchen Maurice Bavauds und Georg Elsers als zu den Verschwörern des 20. Juli – wohl nicht zu vernachlässigen ist.

Rehabilitationsversuch statt simpler Hagiographie

Hochhuth selbst ist ein Einzelgänger, der sich immer wieder mit seinen Mitstreitern überwirft, aber zugleich – und entgegen der Raddatz-Einschätzung – unter seiner Missachtung leidet, wie die Darstellung gut herausarbeitet. Als Künstler, so die zentrale These von Puknus und Göttler, wurde er nur partiell bekannt, eben als Aktionist. Sowohl der Prosaautor als auch der Essayist und erst recht der Poet würden „in ihrer Bedeutung unterschätzt“ und seien „von vielen erst noch zu entdecken“. Dieser „andere Hochhuth“ nämlich äußere sich sowohl in persönlicher als auch in umfassend geschichtsphilosophischer Weise, liefere also genau das, was an den Stücken oft vermisst werde. Dass die Autoren das Spätwerk, in etwa die Produktion des letzten Jahrzehnts, als nicht sonderlich überzeugend kennzeichnen, tut diesem kenntnisreichen und gut lesbaren Rehabilitationsversuch Rolf Hochhuths keinen Abbruch, sondern beweist vielmehr, dass wir es nicht mit einer simplen Hagiographie zu tun haben.

Heinz Puknus, Norbert Göttler: „Rolf Hochhuth“. Störer im Schweigen. Der Provokateur und seine Aktionsliteratur. Herbert Utz Verlag, München 2011. 189 S., geb., 19,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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