Heinz Strunk: Junge rettet Freund aus Teich

Huckleberry Halfpape in Todtglüsingen

Von Wolfgang Schneider
17.05.2013
, 17:55
Wäre ja noch schöner, wenn das Leben schön wäre: Heinz Strunks Roman „Junge rettet Freund aus Teich“ setzt den Bericht vom beschädigten Leben der Landjugend fort.
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Dieses Buch ist ein Exerzitium der Erinnerung. Wer schon immer wissen wollte, welche Kuchen die Großmutter von Mathias Halfpape (so der bürgerliche Name von Heinz Strunk) Nachmittag für Nachmittag buk, während der Sechsjährige auf zu hohe Bäume kletterte, von denen er sich dann nicht mehr herunter traute - der bekommt hier detaillierte Informationen in romanhafter Aufbereitung.

Jede glückliche Kindheit ist anders, die unglücklichen aber ähneln sich. Deshalb hat dieses Buch, so tief es sich in den privaten Erinnerungsstollen hineinbohrt, zugleich einen repräsentativen Charakter. Menschen, die in den Babyboomer-Jahrgängen der Sechziger geboren wurden, bekommen von Heinz Strunk manches Kleingebäck zum Zweck unfreiwilliger Erinnerung geboten. Von poetischem Puderzucker keine Spur, der Beigeschmack der Füllung ist übel, darauf versteht sich dieser Autor wie kein Zweiter. Wäre ja noch schöner, wenn das Leben schön wäre.

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Schluss mit Comedy

Drei Schichten der Kindheit und Jugend werden aufgegraben: „1966“, „1970“ und „1974“ sind die Abschnitte des Buches überschrieben. Sie widmen sich Mathias im Alter von sechs, zehn und vierzehn Jahren. Der erste Teil schildert eine schräge, aber gerade noch im Lot befindliche Großeltern-Idylle, der zweite hat einen Beigeschmack von jungenhafter Abenteuerromantik, von Huckleberry Halfpape in Todtglüsingen, der dritte bringt eine Abfolge des Schlimmen und Schlimmeren: Pubertät, Mutters Psychose, das Absterben der Großeltern.

Denn Mathias ist ein Großelternkind. Die Mutter erteilt Unterricht an der Musikschule Hanhoopsfeld (Blockflöte, Klavier) in Hamburg-Harburg, dort sind ihre Hoffnungen gestrandet wie ein Wal: „Für meine Mutter kommen nur Männer in Frage wie Herbert von Karajan oder ein Arzt oder Professor. Meinen Vater hätte sie auch genommen, aber der war schon verheiratet. Viel mehr weiß ich darüber nicht.“ Lakonischer kann eine schmerzende Leerstelle nicht markiert werden. Das Schicksal der Mutter, das im Hintergrund des Romans bleibt, ist todtraurig. Nach einem harten Arbeitstag voller unbegabter Schüler korrigiert sie noch die missglückten Schulaufgaben des Sohnes, um dann zutiefst erschöpft früh schlafen zu gehen. Hier ist Schluss mit Comedy, Strunk erweist sich als einfühlsamer Literat.

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Tendenz zum Kriminellen

Große Ferien - kleine Reisen. Südliche Sommer-Exotik ist im Haus Halfpape nicht vorgesehen. Einmal berichtet ein Freund von einem Spanien-Urlaub: viel zu heiß und das Meer voller gefährlicher Quallen, so dass man nicht ins Wasser konnte. Damit verglichen hat es Mathias gar nicht so schlecht, wenn er Jahr um Jahr mit dem Regionalzug zu Oma Emmi hinaus ins Rübenbauerngebiet nach Todtglüsingen fährt, wo es sogar einen (verbotenen) Badesee gibt. Oma Emmi ist eigentlich seine Großtante, eine etwas verwahrloste, das Geschirr in einer abscheulichen Abwaschwasserkloake spülende, aber ungemein gutwillige alte Frau. Mathias ersetzt ihr ein bisschen den verstorbenen Mann. Jedenfalls schläft er mit ihr händchenhaltend ein im Ehebett.

Der Roman ruft eine Zeit in Erinnerung, in der Helikopter-Eltern noch nicht erfunden waren. Kinder hatten viel Freizeit, in der sie sich selbst überlassen blieben. Man stromerte in der Gegend herum, zündete Felder an, ärgerte Bauern, warf mit Steinen auf vorbeifahrende Züge. In Todtglüsingen freundet sich Mathias mit dem rohen Bauernsohn Manfred an (sicherheitshalber gibt er sich als Hauptschüler aus), mit dem er Dinge anstellt, die sich Eltern lieber nicht vorstellen; die Tendenz geht ins Kriminelle. Diese Jungenromantik endet mit einem Waldhütten-Ausflug, bei dem Mathias von der rübenhaften Landjugend auf ekelhafte Weise schikaniert wird.

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Proletarisch-bäuerlich-kleinbürgerliche Beschränktheiten

Der Ton des Buches ist trügerisch. Ich-Perspektive und schlichte Sätze im Präsens - das wirkt auf den ersten Blick so, als sollte der Horizont des Kindes authentisch wiedergegeben werden. Es schleicht sich aber bald ein Unterton ein. Der alte Strunk ist im jungen, bedient ihn wie einen Avatar im existentiellen Feindesland der unglücklichen Kindheit. Es ist alles doppelt trostlos, wenn auch die Mathias gegebenen Freuden durch die Strunksche Desillusionsbrille betrachtet werden. Großartige Fernsehabende mit Wim Thoelke oder Ameisenhorrorfilmen wirken auf den Leser bei allem behaupteten kindlichen Jubel ebenso schal wie Mathias’ gierige Vorfreude auf die Koteletts bei Oma Emmi. „Ich freu mich so, dass ich anfange zu hüpfen“ - armer Junge.

Es ist ein Vorteil, dass sich Strunk aufgrund der Erzählperspektive diesmal mit pessimistischen Reflexionen zurückhalten muss; die Sicht aufs Leben wird auch so deutlich genug. Ein Nachteil ist der Titel „Junge rettet Freund aus Teich“, weil er zu einer falschen Lektürehaltung führt. Man wartet auf das spektakuläre Ereignis, das erst am Ende stattfindet. Der Roman lebt aber nicht von der Spannung, er ist additiv erzählt, und wer daran kein Vergnügen hat, dem wird kein Handlungsbogen helfen. Kein Zweifel auch, dass einiges literarisches Totholz mitgeschwemmt wird, etwa die allzu ausführliche Beschreibung von Fernsehereignissen, darunter allein sechs Seiten über das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974, wobei dann noch der Name von Johan Cruyff falsch geschrieben wird.

Es ist nicht die einzige Fehlleistung. Der ständig verwendete falsche Superlativ „einzigste“ mag noch als Wiedergabe kindlicher Redeform durchgehen. „Pril“ jedoch ist ein Geschirrspülmittel, und Strunk meint etwas anderes, wenn es heißt, dass zwei Kinder in der Nordsee ertrunken seien. Dazu kommen merkwürdige Fehldatierungen. Wer es sonst so genau nimmt mit der Erinnerung, sollte bei solchen Details nicht schludern.

Die Verdienste überwiegen jedoch die Schwächen. Strunks Romane sind bevölkert von Charakteren, die mit ihren proletarisch-bäuerlich-kleinbürgerlichen Beschränktheiten und Deformationen sonst kaum literaturfähig wären: der kettenrauchende Klavierstimmer Herr Siegbert zum Beispiel oder Herr Brettschneider, der Sensenmann, der bei Oma Emmi den Rasen mäht und hinterher zum Lohn mit Bier abgefüllt wird, bis er fies wird. Bei solchen Charakterdarstellungen ist Strunk in Bestform. Die Schilderung der Alten und ihrer verfallenden Körper ist gnadenlos, und doch entwickelt Strunk hier starke Momente der Zuneigung und Zärtlichkeit. Zwar reicht dieses Buch nicht heran an das Meisterwerk des Autors, das Hörbuch (ja, Hörbuch!) „Fleisch ist mein Gemüse“, die schon legendäre „Landjugend mit Musik“. Aber „Junge rettet Freund aus Teich“ ist ein weiteres, in seiner Konsequenz beeindruckendes Protokoll aus dem beschädigten Strunk-Leben.

Heinz Strunk: „Junge rettet Freund aus Teich“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 288 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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