Gerhard Roths letzter Roman

Der Honig der Phantasie

Von Oliver Jungen
24.06.2022
, 05:03
Bienen sind nicht nur perfekte Baumeister, sie eignen sich auch als Modell für das menschliche Gehirn.
Welch ein Vermächtnis: In Gerhard Roths finalem Roman „Die Imker“ triumphiert Fabulierlust über trübe Wirklichkeit. Es ist ein verrückter Weltuntergang, den nur die Verrückten überleben.
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Zu den liebsten Objekten der alten, kollabierten Welt zählt für den schizophrenen Ich-Erzähler dieses wuchtigen und doch federleichten Romans ein Gehirnmodell. Franz Lindner, Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt wie die größten unserer Romanfiguren, setzt das Modell immer wieder neu zusammen, ganz so, wie er sich im Labyrinth des Selbst immer weitere innere Wirklichkeiten erschafft.

Der vor wenigen Monaten gestorbene österreichische Schriftsteller Gerhard Roth, der an diesem Freitag achtzig Jahre alt geworden wäre, hat aber noch ein anderes Modell für das Gehirn anzubieten, das sicher in noch keinem Physiologie-Kurs benutzt wurde: Bienen nämlich, die er in Büchern, Filmen und Praxis – man darf sagen: schwärmerisch – verehrte. „Die Bienenstöcke erinnern an den Kopf, die Waben an die grauen Zellen, die Bienen an Wahrnehmungen und Gedanken, und pausenlos und unsichtbar wirkt die Sexualität“, schrieb er im Jahr 2011 in einem wunderschönen, einer Neuausgabe von Maurice Maeterlincks klassischem Bienenbuch beigegebenen Essay, der in die neue Erzählung nicht nur nahezu vollständig eingearbeitet, sondern noch signifikant erweitert wurde. Dass die Welt der Bienen, zweihundertmal älter als die des Homo sapiens, nun durch diesen existenziell bedroht ist, ist ein Menetekel, das der vorliegende Roman mit allen Regeln der Kunst in Literatur zurückübersetzt.

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Ein Kennzeichen dieses Autors ist es, Symbole und Metaphern gleich selbst zu erklären. Dass das nie aufdringlich wirkt, hat damit zu tun, dass der Bildbereich im Allegorischen nicht aufgeht. Gerhard Roths Literatur ist die unverkopfteste Kopfliteratur, die sich denken lässt. „Die Imker“, zwar postum erschienen, aber vollendet, ist nicht nur der würdige Abschluss eines imposanten Lebenswerks aus Romanzyklen, Erzählungen, Theaterstücken, Fotobüchern und Filmen, sondern der vielleicht letzte große Triumph des phantastischen Realismus deutscher Sprache, der als literarisches Pendant zur Antipsychiatrie von Michel Foucault, Ronald D. Laing und Félix Guattari mit medizinisch bewanderten Autoren wie Roth oder Ernst Augustin in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts seinen Höhepunkt erlebte. Ausgegrenzte und Psychotiker sind die Helden dieser Literatur, und zwar, gemäß dem alten Topos der Nähe von Kunst und Wahnsinn, als Schöpfer beeindruckender Innenwelten.

Ein gelber Nebel löscht die Menschen aus – fast alle

Wie alle Anstaltsromane ist „Die Imker“ als Protokoll einer Psychose lesbar, als Erfahrung eines Menschen, „der die Entdeckung macht, sternengleich zu sein“. Darauf weisen explizit die letzten Zeilen hin, die das Geschriebene als Vermächtnis Lindners bezeichnen, gefunden wenige Monate nach seinem Tod – als sei die Koinzidenz mit der Romansituation geplant gewesen – und wie Kafkas Werk eigentlich dem „Verbrennen“ zugedacht. Aber das fällt kaum weiter ins Gewicht gegenüber der surrealen, mitreißenden Binnenhandlung, die von einer entfesselten Fabulierlust zeugt. Es gibt hier keine in Sanatorien weggesperrten Kranken mehr, oder besser: Es gibt alles andere nicht mehr. Gleich zu Beginn nämlich löscht ein ominöser gelber Nebel die Zivilisation nahezu aus. Überlebt haben den „Weltuntergang“ einzig die zu dieser Zeit Eingesperrten: Patienten und ihre Pfleger, Gefängnisinsassen, wenige Soldaten, Personen, die sich zufällig gerade im Keller aufhielten, Bienen, Zirkus- und Stalltiere, aber auch Krähen, die vermutlich einfach zu klug waren, um unterzugehen.

Die Logik des Vorfalls, bei dem auch die Schwerkraft vorübergehend außer Kraft gesetzt wird, ist eher eine des Traums, aber die Konsequenzen sind nicht weniger massiv: Zwischen den wieder aktiven Vulkanen der Steiermark irren die Protagonisten, darunter Mitpatienten, Ärzte sowie Lindners Neffe Eugen und dessen Sohn Walter (sie waren zu Besuch), durch eine versehrte Landschaft, die aussieht, wie es nach dem Atomschlag aussehen dürfte. In verunfallten Autos und abgestürzten Flugzeugen finden sich aber keine Leichen, denn alle Lebewesen, so stellen die Entkommenen bald fest, lösen sich im Moment ihres Todes auf. Auch von Eugens Angehörigen sind nur noch Kleidungsstücke übrig.

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Was zunächst an Dystopien wie Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“, Marlen Haushofers „Die Wand“ oder einen düsteren Ökothriller wie „Die Wolke“ erinnert, zumal Roth den postapokalyptischen Zustand anschaulich ausmalt, macht bald einem anderen narrativen Paradigma Platz. Es handelt sich um die Aufhebung aller gesellschaftlichen Normen in einer durchaus auch utopische Züge tragenden Ausnahmezeit, wie Heinrich von Kleist es im „Erdbeben in Chili“ durchexerziert hat. Auf den Ruinen der gewalttätigen Moderne errichten die Überlebenden, angeführt von Eugen, eine neue Gesellschaft (der Imker), die eine Weile lang – bis dann doch Konflikte mit anderen Kolonien ausbrechen – fast paradiesisch wirkt. Die Protagonisten bewohnen ein Bienen-Dorf, bevor sie in ein Kloster umziehen. Selbst für den einsamen, auch in der Binnenperspektive schizophrenen Franz, dessen hellseherische Fähigkeiten nun gefragt sind (und der ein unzuverlässiger Erzähler ist), findet sich mit der verwitweten Afrikanerin Malia eine Gefährtin. Allerdings zeigen sich einige Bewohner eines SOS-Kinderdorfs als Anhänger des patenten „Feldwebels“ Alois, der als „Lichtbringer“ gilt, weil er Dieselgeneratoren herbeischafft, und mit dem Helikopter Erkundungsflüge bis nach Venedig und Hamburg unternimmt. Allerdings ist er auch vernarrt in Waffen und ihren Gebrauch.

Gerhard Roth: „Die Imker“. Roman.Mit Illustrationen von Erwin Wurm. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2022. 554 Seiten, geb., 32 €.
Gerhard Roth: „Die Imker“. Roman.Mit Illustrationen von Erwin Wurm. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2022. 554 Seiten, geb., 32 €. Bild: S. Fischer Verlag

Eine religiöse Dimension des Erzählten schwingt immer mit, nicht nur beim Auftritt des Lichtbringers (Luzifer) oder wenn der Held wie Franz von Assisi mit den Tieren spricht. Aber mit einer Hiob-Klage hält der Held sich nicht auf; er ist bereits zu einer Art kosmologischer Naturreligion konvertiert. Im Ornament, dem Gefäßsystem der Natur in der Sprache der Symmetrie, sieht Franz, der Ernst Haeckel für sich entdeckt, das eigentlich Göttliche, das alle Bereiche des Lebens durchwirkt. Erzähler und Autor finden so ein Exil im ästhetischen Pantheismus, während das Diesseits (und seine Götter) dem ewigen Krieg anheimfällt. Auch die zuvor Eingesperrten bewähren sich nämlich nicht. Das Jüngste Gericht muss nach der Apokalypse erneut tagen, und es endet wieder mit einem Schuldspruch.

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Wörter wie Blütenpollen

Wie schon im Roman „Landläufiger Tod“ aus dem Jahr 1984, in dem man dem stummen, mit Tieren kommunizierenden Franz Lindner zum ersten Mal begegnet ist, sind auch jetzt „Gedichte“ aus dem Unterbewusstsein eingefügt. In ihrem melancholischen Beschreibungsfuror überzeugen sie weniger durch lyrischen Gehalt als durch starke Bilder: „Wenn es dämmert, zeigen sich Menschen als maskierte Tiere“; „Im hohen Gras wimmelt es von Träumen der Saurier“. Nach und nach setzen sie dabei das Verlorene zu einer anderen Welt zusammen: „Statt Blättern tragen die Bäume Frösche.“ Neue Märchen, so selbstreflexiv wie der gesamte Roman, sind ebenfalls Teil jener Gegenwelt, die über das Buch hinausreicht. Viele Jahrzehnte hat der Autor an diesem Refugium gezimmert, seine Wände mit Visionen bemalt (wie es im Roman einer der Künstler-Patienten in einer Höhle tut): Die Roth’sche Arche der Phantasie, nach Honig duftend, ist spätestens mit „Die Imker“ bezugsfertig.

Über und über angereichert ist das Erzählte zudem mit Reflexionen über Kunst, Religion und Biologie. In essayhaften Passagen huldigt der Autor nicht nur dem Volk der Bienen, diesen perfekt organisierten Baumeistern, sondern vor allem künstlerischen Vorbildern wie Pieter Bruegel („Jäger im Schnee“), Paul Klee („Engel im Werden“), Andrej Tarkowski („Stalker“) oder Luis Buñuel („Ein andalusischer Hund“). Auf schwerelose Weise ist damit ein poetologisches Programm entfaltet. Es geht um ein Erzählen, in dem „kaum etwas logisch, doch alles real erscheint“, das wie bei Tarkowski „einen realen Traum“ erfindet.

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Das Ergebnis gleicht einem Blick hinter die Wirklichkeit: „Ich lachte über den begrenzten Erkenntniswert der Psychia­trie, die zur Normalitätspolizei geworden ist.“ Das Schreiben charakterisiert der Held (ersetze: Roth) als Ausschalten der Schwerkraft, orientiert am Werk der Bienen: „Wörter sind für mich wie Blütenpollen“. Wenn er selbst ein Wort sein dürfte, dann wäre es „dieses Wort ‚Ungehorsam‘“, das Franz bei Henry David Thoreau findet. Und bei alledem ist dieser opulente, ungehorsame Metaroman auch noch unverschämt gut geschrieben, trotz seiner Tiefe nämlich kinderleicht zu lesen. „Die Imker“ entwickelt einen Sog, wie es nur überragende Romane tun: der perfekte Einstieg in den Parallelkosmos Gerhard Roth.

Gerhard Roth: „Die Imker“. Roman.Mit Illustrationen von Erwin Wurm. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2022. 554 Seiten, geb., 32 €.

Quelle: F.A.Z.
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