In die Haut gebrannt

28.07.2003
, 12:00
Einige Leute, die etwas von Poesie verstehen, halten Inger Christensen für eine veritable Nobelpreis-Kandidatin. Vielleicht steht sie ja auch schon in Stockholm auf der Liste. Daß sie die größte Poetin ist, die Dänisch schreibt, weiß man in ihrer Heimat seit über drei Jahrzehnten, spätestens seit ihrem Großgedicht "det" (das) von 1969.

Einige Leute, die etwas von Poesie verstehen, halten Inger Christensen für eine veritable Nobelpreis-Kandidatin. Vielleicht steht sie ja auch schon in Stockholm auf der Liste. Daß sie die größte Poetin ist, die Dänisch schreibt, weiß man in ihrer Heimat seit über drei Jahrzehnten, spätestens seit ihrem Großgedicht "det" (das) von 1969. Endlich - mehr als drei Jahrzehnte später - liegt dieses Hauptwerk der europäischen Poesie auch auf deutsch vor. Daß Inger Christensen bei uns überhaupt bekannt wurde, ist das Verdienst eines kleinen Verlages und eines engagierten Übersetzers.

Hanns Grössel hat für den Münsteraner Verlag Kleinheinrich sukzessive die wichtigsten Arbeiten der Christensen übersetzt. Den Bann dürfte 1988 "Das gemalte Zimmer" gebrochen haben, eine ingeniös-phantastische Erzählung, angeregt durch die Mantegna-Fresken im Palazzo Ducale in Mantua. Die größte Suggestion aber ging von "alphabet" (deutsch 1988) aus, einem Langgedicht, das mathematische und linguistische Bauprinzipien faszinierend kombinierte. Mit "alphabet" kam ein Impuls zur Vollendung, den Christensens Begegnung mit Chomskys Sprachtheorie ausgelöst hatte. Sie hatte den Charakter einer Initiation und gab der Poetin die "unbeweisbare Gewißheit, daß die Sprache die unmittelbare Verlängerung der Natur ist. Daß ich dasselbe Recht hatte zu sprechen, wie der Baum, Blätter zu treiben." Dieses Glücksgefühl war der Antrieb zu ihren Großgedichten.

Gleich das erste dieser Poeme wurde ein außerordentlicher Erfolg. Die fünfzehntausend Stück der Erstauflage von "det" wurden in ihrer Heimat schnell verkauft. "det" gilt als ein Hauptwerk der dänischen "Systemdichtung". Der Begriff allein könnte auf Kulinarik erpichte Leser abschrecken. Das dänische Publikum aber muß dieses Gedicht als bedeutend und unmittelbar aktuell empfunden haben. Kurz: hier war jenes lange Gedicht, um das damals die Wünsche und Reflexionen von Dichtern und Theoretikern kreisten. Lars Gustafsson suchte nach Kategorien, mit deren Hilfe das Gedicht den Kampf gegen die eigene Länge gewinnt. Walter Höllerer forderte das lange Gedicht, das die Republik erkennbar macht, die sich befreit. Man weiß, was aus dieser Hoffnung wurde. Als 1978 Enzensbergers "Untergang der Titanic" erschien, war das ein melancholischer Abgesang auf die politische Utopie.

Anders Inger Christensens "det". Es ist vor allem strukturell ein großgedachter Entwurf, ein Weltgedicht mit Allusionen zu Dantes "Divina Commedia". Auch die Dichterin empfindet sich "Nel mezzo del cammin" und spielt mit Prologos, Logos und Epilogos auf Dantes Dreizahl an. Ihre heilig-magische Zahl ist die Acht, die Zahl der Urzeichen im "I Ging", im Buch der Wandlungen. Acht mal acht Felder ergeben das Schachspiel. Nicht zu vergessen die liegende Acht, der Begriff für unendlich. Das Gesetz der Zahlen gibt der Dichterin die Freiheit zu immer neuen Einfällen, Assoziationen, Motiven. Die Form will Transgression. Das Zählen wird Aufzählen und Erzählen. "Ich habe versucht, von einer Welt zu erzählen, die es nicht gibt, / damit es sie gebe", heißt es im Kapitel "Die Bühne".

Eine imaginierte Welt also, ein Kosmos aus Sprache. Aber diese Welt ist alles andere als zeitlos. Die Themen und Hoffnungen der sechziger Jahre sind unübersehbar anwesend. Angefangen von Popmusik und Flower Power bis zum Vietnam-Krieg und den damals florierenden theoretischen Diskursen. Wir sehen mit Christensen: "Sie tanzen auf den Straßen. Sie haben blumen im mund" und sind "nackt wie John und Yoko Ono".

Ja, die zumeist eher kühl analysierende Autorin war sich mit der aufsässigen Jugend einig in ihrem Vietnam-Engagement: "Aber niemand mag ein politisches beispiel sehen / das sich in die haut des jungen mädchens brennt / Denn napalm ist bloß der stempel Amerikas: / Du gehörst dem lande das Gott gehört." Längst vergangen oder wieder erstaunlich aktuell? Doch geht Inger Christensens Vorstellung von Befreiung über das Politische hinaus. Sie hat damals - wie viele ihrer Zeitgenossen - mit R. D. Laings Vorstellung sympathisiert, wonach die Schizophrenie geeignet sei, die gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen. Einige Passagen zeigen die Bilder aus einem Hospital für Geisteskranke als Modell für das bürgerliche Klassensystem. Sie erinnern an den "Marat / Sade" von Peter Weiss. "Im innern der gesellschaft sitzt herr Sade mit dem gefesselten mädchen / er liebkost langsam eine schulter eine brust / er flüstert das ganze dürfe gerne der eher zerteilten / lust der teile weichen."

Wo so das Ganze lustvoll unterminiert wird, scheint auch die Axt an das Ganze des Gedichts gelegt. Inger Christensen ist keine ängstlich-enge Klassizistin. Sie liebt das Risiko. Sie teilt mit dem Marquis de Sade die Lust an der Subversion. Sie spielt mit der Dialektik von Chaos und Gestalt. Was sie vor der Ideologisierung bewahrt, ist das musikalisch-mathematische Prinzip ihres Schreibens. Unter ihren Motti findet sich der Satz des Novalis: "Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem." Umgekehrt vermag die Krankheit der Gesellschaft der Musik und also ihrer Poesie letztlich nichts anzuhaben.

Bleibt der Faktor Zeit. Er macht das Gedicht datierbar, macht es historisch. Die Dichterin selbst hat das in einem Interview betont: ",det' ist ein Produkt der sechziger Jahre, mit dem allmächtigen Autor, der ,det' schreibt, weil es ein Wort ist, das stellvertretend steht für alles auf der Welt, das solche langen, seltsamen Mobiles in die Luft wirft und sich dann wieder in sich selbst kehrt."

Inger Christensen ist zu streng mit sich. Mobiles sind nicht gerade aktuelle Kunstformen. Der kunstvolle Bau von "det" aber hat etwas Solides, ja Monumentales. Er faßt eine enorme Fülle von Sprache, eine Fülle von Welt. Die Dichterin ist ihr eigener Vergil. Sie ist der verläßliche Begleiter des Lesers, auch wenn der Weg labyrinthisch und der Ausgang dunkel ist. Wenn auch manche Passage allzu komplett wirkt, so überzeugt uns ihr emphatisch gesetzter Impuls: "Meine leidenschaft: weiterzugehen." Inger Christensen ist ja weitergegangen, weitergekommen - zu "alphabet" und darüber hinaus: bis in die Leichtigkeit der Sonette vom "Schmetterlingstal" (1991), wo sie den schönsten, den dunkelsten Falter evoziert, den schwarzen "Apollo mnemosyne".

HARALD HARTUNG

Inger Christensen: "det/das". Gedichte. Aus dem Dänischen übersetzt von Hanns Grössel. Kleinheinrich Buch- und Kunstverlag, Münster 2002. 464 S., geb., 45,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2003, Nr. 172 / Seite 30
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