Neuer Roman von Ingo Schulze

Die Rechten und die Rechtschaffenen

Von Julia Encke
11.03.2020
, 22:52
Der Schriftsteller Ingo Schulze
Ingo Schulze ist mit seinem neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ völlig zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman handelt von einem Buchhändler in Dresden, der nach der Wende rechtsradikal wird.

Der große Saal der Akademie der Künste in Berlin war am vergangenen Mittwoch Abend voll, als der Schriftsteller Ingo Schulze erstmals seinen neuen Roman vorstellte. Draußen leuchtete im Dunkeln das Brandenburger Tor, drinnen mussten einige Zuschauer sogar stehen, oder sie drängten sich oben auf der Empore. Und Ingo Schulze erzählte ihnen, wie er sie in die Falle locken würde. Wie er in „Die rechtschaffenen Mörder“, so heißt sein Buch, von einer alten Zeit erzählen wollte, in Legendenform. Ein bisschen so wie Joseph Roth, der in „Der Leviathan“ über seine Zeit so schrieb, als drehte er ein Fernrohr um.

Wo Roth von einem jüdischen Korallenhändler in Galizien und einer untergehenden Welt erzählte, sollte es bei ihm ein Buchhändler sein. Also habe er die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini aus Dresden-Blasewitz begonnen, einer Gegend, die ihm, Schulze, selbst als Schüler der „Erweiterten Oberschule Kreuzschule“ über vier Jahre hinweg das Zentrum der Welt bedeutet hatte. Bis ihm die ganze Angelegenheit fragwürdig vorgekommen sei. „Eigentlich kannst du so was nicht nochmal erzählen, aber du willst es nochmal erzählen“, erklärte er am Mittwoch in der Akademie.

Wenn man das Buch zu lesen beginnt, weiß man das natürlich nicht. Man wundert sich über die altertümliche Sprache, den getragenen, schwerfälligen Stil, und weil zunächst nichts darauf hinweist, wer hier überhaupt spricht, fragt man sich, was denn mit Ingo Schulze los ist, So märchenonkelhaft kannte man ihn bisher nicht: „Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ Das geht so weiter. Von „Knaben“ ist die Rede, vom „verbrauchten Odem einer von Schmieröl gesättigten Luft“.

Wem dieser Stil so sehr gefällt, dass er beim Lesen mitschwelgt und die alte Zeit beschwört, der sitzt tatsächlich schon in der Falle: als bildungsbeflissener Leser, der einen Buchmenschen allein schon deshalb anhimmelt, weil er ein Buchmensch ist. Böse Menschen haben keine Lieder und Antiquare erst recht nicht. Was für ein Irrtum das ist und wohin der kontextlose Ästhetizismus führt – genau davon handelt „Die rechtschaffenen Mörder“.

Wem der Märchenstil dagegen nicht gefällt, der läuft Gefahr, die Lektüre genervt wieder abzubrechen, was ein Fehler wäre. Ingo Schulze, der 1998 mit seinen Geschichten aus der ostdeutschen Provinz, „Simple Storys“, bekannt wurde und seither zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern gehört, wurde in den vergangenen Jahren manchmal vorgeworfen, in seinen Thesen zu erwartbar zu sein, zu offene Türen einzurennen; etwa in seinem kapitalismuskritischen Schelmenroman „Peter Holz“, der die Geschichte vom DDR-Waisenkind zum Millionär allzu plakativ erzählte.

Zum Scheitern verurteilt

Hier ist nun das Gegenteil der Fall: „Die rechtschaffenen Mörder“ ist in seinen Wendungen völlig überraschend, eine raffinierte Konstruktion, die eine aktuelle Frage stellt: Wie konnte es passieren, dass jemand, der zu DDR-Zeiten ein bewunderter Intellektueller war; ein Mann, belesen wie kein Zweiter, dessen Buchladen an Samstagvormittagen zum Treffpunkt für Gesprächsrunden, geisteswissenschaftliche Vorträge und Lesungen junger Gegenwartsautoren wurde – wie konnte dieser Mann zum Rechtsradikalen werden?

Man muss bei Ingo Schulze bis zum Ende des ersten Teils lesen, um zu begreifen, dass die Legende, die man verfolgt, zum Scheitern verurteilt ist. Hier bricht sie mitten im Satz ab, kann nicht weitergehen, nicht in diesem Stil. Zwei Polizeibeamte suchen da den Antiquar auf und fragen ihn, wo sein Sohn und wo er selbst am 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, gewesen seien. Mehrere Zeugen geben an, den Sohn auf einem Moped gesehen zu haben, mit einem Wehrmachtsstahlhelm und in einem Totenkopf-T-Shirt. Er sei zuhause gewesen und sein Sohn auch, antwortet Paulini und hört gar nicht mehr auf, zu wettern: „Kümmert Sie das nicht, dass ich hier oben hausen muss, während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen? Finden Sie das gerecht? Ich hab nichts gegen Ausländer, ich werde sogar einen einstellen. Es gibt nämlich solche und solche.“ Die Beamten versuchen, ihm noch einmal die übereinstimmenden Zeugenaussagen zu vermitteln – dann endet die Legende und damit auch der altertümelnde Ton.

Schultze, nicht Schulze!

Erst im zweiten Teil wird klar, wer im ersten spricht, wer das „Ich“ ist, das berichtet: Es ist ein Schriftsteller, der sich Schultze – nicht Schulze! – nennt. Und dieser Schultze hat ein Projekt. Er will dem Dresdner Antiquar ein Denkmal setzen, „den Westlern“ zeigen, wo „wahre“ Bildung lebte und nebenbei auch seine eigene Herkunft adeln: „Ich hatte uns Ostlern die eigene Geschichte bewusst machen wollen.“ Also schmückt dieser Schultze das Reich Paulinis nochmal voll aus, und erzählt dann von der Zäsur, die 1989/90 für ihn bedeutet hat: Wie Paulini nicht an der Revolution teilnimmt, Politisches für Zeitverschwendung hält, es würde sowieso nichts ändern. Er erzählt, wie nach der Wende die Stammgäste wegbleiben, alle über die Westgrenze fahren, nur Paulini nicht; wie er Insolvenz anmelden muss, bei einer Norma-Kaufhalle und als Nachtwächter arbeitet und sich scheiden lässt: „So wie er früher dem Staat die kalte Schulter gezeigt und das Leben eines Dissidenten geführt hatte, so war er jetzt erst recht ein Dissident“.

Und wie dann die „Drecksflut“ ihm alle Bücher nimmt, weil das Elb-Wasser in seine Bibliothek eindringt und bis auf die Exemplare in der obersten Reihe der Regale alles in Schlamm versinken lässt. Erzählend begreift Schultze dabei, wie er Paulini all die Jahre verkannt hat. Wie er nicht sehen wollte, wozu Paulini das, was Schultze an ihm bewunderte, prädestinierte: „zum Herrschaftswahn, zur Überhebung, zum Blick von oben herab“. Der Mann, der glaubt, dass ihm der Wandel alles genommen habe, driftet auf diese Weise immer weiter nach rechts ab.

Gibt es reale Vorbilder?

Als Ingo Schulzes Roman in der vergangenen Woche erschien, glaubten manche, in der Figur des Antiquars Paulini reale Vorbilder zu erkennen: „Die Grundkonstellation des Buchs, wie ein Büchermensch zum rechten Täter werden kann, erinnert an reale Personen – wie Susanne Dagen, die Buchhändlerin des Dresdner Bürgertums, die wegen ihrer Nähe zu Pegida in die Kritik geraten ist“, hieß es in der „taz“. Dagen führt in Dresden das Kulturhaus Loschwitz und die Buchhandlung daneben. Sie ist Verfasserin der „Charta 2017“, in der sie eine vom Börsenverein publizierte Mitteilung über den Umgang mit rechten Verlagen auf der Buchmesse in Frankfurt attackierte und „unsere Gesellschaft nicht mehr weit von einer Gesinnungsdiktatur entfernt“ sah. Sie ist eine Freundin der Neurechten Ellen Kositza, mit der sie auf youtube ein Literaturformat ins Leben rief: „Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen“.

Jetzt am Wochenende erscheinen in ihrer Edition Buchhaus Loschwitz drei Bände in einer Jubiläums-Reihe, die sich ausgerechnet „Exil“ nennt: Uwe Tellkamps „Das Atelier“, Monika Marons „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“, Essays aus drei Jahrzehnten, und Jörg Bernigs „An der Allerweltsecke“. Alle drei Autoren haben schon in Loschwitz gelesen und treten auch jetzt wieder auf, Tellkamp war gestern da, Maron wird am Freitag, dem 13. kommen. Dass die Schriftstellerin erstmals bei Dagen publiziert und nicht wie sonst bei S. Fischer, dürfte S. Fischer, der der Verlag auch von Ingo Schulze ist, zu denken geben. Auf Rückfrage heißt es in Frankfurt allerdings, dass man mit dem bei Dagen publiziertem Buch nichts zu tun habe und die Auswahl der Essays gar nicht kenne. Der neue Maron-Roman, „Artur Lanz“, erscheine im August bei ihnen.

Ingo Schulze, der schon Dagens Mutter kannte, las, als er seine ersten Bücher veröffentlichte, wie viele andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch im Kulturhaus Loschwitz. Aber er kommt schon lange nicht mehr. Ob er mit Paulini auch auf die Dresdner Buchhändlerin anspielt, fragte ihn die Moderatorin am Mittwoch in der Akademie der Künste nicht. Auf den ersten Blick liegt es auch nicht besonders nahe. Paulini, der viel älter ist als die Buchhändlerin, die 17 war, als die Mauer fiel, wird 1989/90 zum Verlierer und gibt sich dem Ressentiment, bald dem Hass hin. Die Buchhandlung in Loschwitz dagegen wurde überhaupt erst Mitte der neunziger Jahre eröffnet und in dieser Nachwendezeit zum Erfolg. Das politische Programm, die Allianzen mit Rechtsextremen kamen erst in den letzten Jahren.

Ingo Schulze bei seiner Buchpremiere in der Akademie der Künste in Berlin mit der Literaturwissenschaftlerin Ulrike Vedder und dem Dichter Thomas Rosenlöcher
Ingo Schulze bei seiner Buchpremiere in der Akademie der Künste in Berlin mit der Literaturwissenschaftlerin Ulrike Vedder und dem Dichter Thomas Rosenlöcher Bild: Imago

Spricht man Ingo Schulze nach seiner Lesung darauf an, weist er jede Verbindung sofort zurück: „Ich bin ziemlich unglücklich, wenn im Roman nach Vorbildern gesucht wird oder gar Zuschreibungen erfolgen“, sagt er. Die einzige Ausnahme sei eine Passage, in der es um eine Skulpturensammlung gehe, in der er als Student tatsächlich ein Praktikum gemacht habe. Hinter den Gelehrten könne man gern auch den Namen setzen, Rudolf Schottlaender, der Sophokles- und Proust-Übersetzer. Alles andere sei erfunden. „Es hat mit Susanne Dagen wirklich nichts zu tun, das wäre auch zu viel der Ehre gewesen.“

Alles hat einen Kontext

Tatsächlich gibt es aber eine weiterreichende Verbindung. Denn Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ hat noch einen dritten Teil, in dem wieder ein anderes Ich erzählt, diesmal die Lektorin des Schriftsteller Schultze. Sie betreut dessen Schreibprojekt und beginnt, ihm zu misstrauen, recherchiert nach, was er in seinen Texten behauptet, läuft Wege in der Sächsischen Schweiz ab, um das Erzählte zu überprüfen – und schließt am Ende nicht aus, dass Schultze, der rechtschaffene Schriftsteller, der Aufrichtige, Moralische, der den Rechtsradikalismus des anderen aufdeckt, ein Mörder sein könnte.

All jene, die die Buchwelt für etwas grundsätzlich Schönes halten, vertreibt Ingo Schulze auf diese Weise ein für allemal aus ihrem Paradies. Sein neuer Roman ist eine Programmschrift gegen den kontextlosen Ästhetizismus. In jedem Teil lockt er uns aufs Neue in die Falle, um uns vor Augen zu führen, wie leichtgläubig wir sein können, wenn uns der Kontext entgeht.

Ingo Schulze: „Die rechtschaffenden Mörder“. Roman. Verlag S. Fischer, 320 Seiten, 21 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot