Isabel Allende wird achtzig

Was passt in ein Leben?

Von Rose-Maria Gropp
02.08.2022
, 09:09
Vorkämpferin, auch für die Rechte der Frauen: Isabel Allende
Der neue Roman von Isabel Allende erscheint zum achtzigsten Geburtstag der Autorin und handelt vom Schicksal einer Frau in Zeiten politischer Umstürze: Natürlich steckt darin auch eine ganz persönliche Geschichte.
ANZEIGE

„Ich kam an einem stürmischen Freitag des Jahres 1920 zur Welt, im Jahr der Seuche.“ Die so spricht, wird ihren hundertsten Geburtstag im Jahr 2020 gefeiert haben, auch dieses wieder das Jahr einer Seuche. Dazwischen liegen die 398 Seiten von Isabel Allendes neuem Roman. „Violeta“ ist die Lebenserzählung einer Frau, die in der Hauptstadt eines südamerikanischen Landes geboren wird, dessen Name nie genannt, aber als Chile identifizierbar wird.

Alles beginnt mit der Geburt von Violeta del Valle als sechstem Kind und einziger Tochter nach fünf Söhnen im „Großen Haus der Kamelien“. Dort herrscht der Vater über die Familie, zu der auch zwei ledige Schwestern der Mutter gehören. Von der Spanischen Grippe, die in Südamerika mit Verzögerung wütete, bleibt die Familie verschont. Aber der Patriarch geht riskante Geschäfte ein, verzockt sich und verliert in der Weltwirtschaftskrise das gesamte Vermögen. Er schießt sich eine Kugel in den Kopf, Violeta findet ihn tot an seinem Schreibtisch, da ist sie neun Jahre alt. Nun beginnt für sie, die Mutter und ihre Tanten ein ganz anderes Leben auf dem Land, wo sie Zuflucht finden. Was zunächst als „Verbannung“ erscheint, entwickelt sich zum Exil, das Violetas weiteren Lebensweg bestimmen wird und den Ort darstellt, an den sie immer wieder zurückkehrt, bis zu ihrem Lebensende.

ANZEIGE

Steiniger Weg zur späten Emanzipation

In die Spanne eines Jahrhunderts versucht Isabel Allende alles hineinzu­packen, was geschehen ist, in der Welt­geschichte und in Violetas eigener Vita. Aber sie kann sich nicht entscheiden, worauf sie das Gewicht legen will, ob auf die dramatischen historischen Ereignisse in Südamerika oder die Entwicklungs­geschichte ihrer Heldin, die sie als Ich-Erzählerin zum Zentrum des Buches macht. Violeta ist keine Frau, die auf dem steinigen Weg zu ihrer späten Emanzipation viel nachdenkt, sondern sie lässt sich eher von ihren Emotionen treiben, wenngleich mit dem Gespür für finanziellen Erfolg, das sie am Ende zu einer reichen Frau macht. Das schützt wiederum die Autorin davor, tiefer in die Hintergründe und Geschehnisse um sie herum einzudringen.

Um ihr das chronologische Erzählen zu ermöglichen, hat Allende „Violeta“ als Briefroman konzipiert, in dem die Erzählerin ihrem geliebten Enkel Camilo, den sie aufgezogen hat und der sich zum Priesteramt entschloss, in 29 Kapiteln ihr unruhiges, von Schicksalsschlägen ge­zeichnetes Leben aufschreibt. So verschränkt und nivelliert sich fast alles im Episodischen, manchmal Stereotypischen. Das gilt für die kurze Phase einer sozialistischen Demokratie Anfang der Siebzigerjahre im Land, als Salvador ­Allende, dessen Name nie erwähnt wird, Präsident war, und für die Machenschaften der CIA, die zum Militärputsch 1973 führten, ebenso wie für die Diktatur unter Pinochet mit ihren Schrecken für die Menschen. Diese politischen Verhältnisse hätten den Kern bilden können für Violetas Lebensgeschichte, doch sie werden vor allem zur Folie ihrer privaten Geschicke – was sich noch aus der Rechenschaft, die sie dem Enkel gegenüber ablegen will, hätte erklären lassen.

ANZEIGE

Doch diese Schicksalserzählung bleibt kaum weniger an der Oberfläche. Die Kindheit Violetas ersteht als eine länd­liche Idylle in der Gemeinschaft mit der unterdrückten indigenen Bevölkerung. Ihr Ausbruch daraus treibt sie in die toxische Beziehung mit dem sexuell ebenso anziehenden wie korrupten Privatpiloten Julián Bravo, der Vater ihrer Kinder Nieves und Juan Martín wird. Selbst der tragische Niedergang der Tochter durch Drogen bis hin zur Prostitution, bevor sie bei der Geburt ihres Sohnes Camilo stirbt, bleibt seltsam blass. Es dominiert Violetas eindrucksvoller Selbsterhaltungstrieb, gepaart mit ihrer selbstgefälligen erotischen Ausstrahlung bis ins hohe Alter. Immerhin durchläuft sie einen Erkenntnisprozess, der sie dazu führt, mit ihrem Vermögen eine Stiftung zu gründen zugunsten von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind.

Monologisch selbstverliebte Großmutter

All das liest sich über Strecken durchaus packend, wie von Isabel Allende nicht anders zu erwarten. Manchen Nebenfiguren schenkt sie eine Aufmerksamkeit, in der ihre erzählerischen Fähigkeiten aufblitzen. Dazu gehören Violetas aus England geholtes Kindermädchen Miss Taylor, das sich mit der frühen Feministin Teresa Riva zusammentut, oder Torito, ein ungewöhnlicher Junge unbekannter Herkunft, den die Großfamilie schon in der Hauptstadt aufgenommen hatte und der sich viele Jahre später für die Flucht von Violetas Sohn vor den Schergen der Junta opfern wird, sodass dieser bis nach Norwegen gelangt. Doch auch sie gehen unter in den hundert Jahren Umtriebigkeit, aus denen die monologisch selbstverliebt schreibende Großmutter ihrem Enkel Bericht erstattet, unverhohlen stolz darauf, Ernährerin ihrer Sippe zu sein.

Isabel Allende: „Violeta“. Roman. Suhrkamp Verlag, 400 Seiten, fester Eeinband, 26,00 €.
Isabel Allende: „Violeta“. Roman. Suhrkamp Verlag, 400 Seiten, fester Eeinband, 26,00 €. Bild: Suhrkamp Verlag

Die Basis für „Violeta“ waren, so hat Allende gesagt, die täglichen Briefe ihrer Mutter über Jahrzehnte hinweg an sie. Allendes Mutter starb, fast hundert Jahre alt, ein Jahr vor dem Ausbruch von Corona. Nun kann Isabel Allende am heutigen 2. August ihren achtzigsten Geburtstag begehen. Es ist ihr keinesfalls abzusprechen, dass sie sich ein Leben lang für die Rechte der Frauen eingesetzt hat. Dafür engagierte sie sich schon als Journalistin, seit einigen Jahren auch mit ihrer Stiftung, die sich für angemessene Ausbildung von Frauen einsetzt, damit sie über ihren Körper verfügen und sich selbst ernähren können. Sie, die als Tochter eines chilenischen Diplomaten in der peruanischen Hauptstadt Lima geboren wurde und seit 1988 in Kalifornien lebt, kann sich mit allem Recht als Feministin bezeichnen. Mit ihrem weltweit gefeierten Roman „Das Geisterhaus“ war ihr 1982 der Durchbruch als Schriftstellerin gelungen, seither folgten immer neue Romane und Erzählungen.

ANZEIGE

In einem Interview im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ sagte sie vor Kurzem zum Vorwurf des Kitschs an ihre Bücher: „Denken Sie an ,Die Liebe in den Zeiten der Cholera‘ von Gabriel García Márquez. Hätte das eine Frau geschrieben, hätten die Kritiker sie vernichtet. Als Frau muss man besonders vorsichtig sein, wenn man über Romantik, Sentimentalität, Leidenschaft oder, wie Sie sagen, Kitsch schreibt. Aber mir ist das egal. Ich schreibe, so gut ich kann.“ Abgesehen von der Frage, ob der Vergleich mit Márquez, der 1982 den Literaturnobelpreis erhielt, und seinem 1985 erschienenen Roman so gelten kann, ist das Problem Allendes Ansage, sie schreibe, so gut sie könne. Das eben reicht nicht für einen hohen literarischen Anspruch, auch wenn das gelebte Leben der Autorin, das alle Hochachtung verdient, dahintersteht.

So ist „Violeta“, trotz der zündenden Idee eines Jahrhunderts zwischen zwei Seuchen, leider ein Melodram in Fortsetzungen, das mitunter in beinah naiven Romantizismus verfällt. Da hilft es auch nicht, dass der letzte Brief – „Lebe wohl, Camilo, Nieves ist gekommen, um mich zu holen. Der Himmel ist heute so schön . . .“ – schon von der Grenze zum Jenseits aus verfasst ist, als kleine Hommage an den magischen Realismus der frühen Jahre. Der Schriftstellerin Isabel Allende indessen seien noch viele gute Jahre vergönnt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE