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Prosaband von Ismail Kadare

Zwei wilde Tiere gehen sich an die Gurgel

Von Lerke von Saalfeld
Aktualisiert am 08.04.2020
 - 22:48
Sie hasst das große steinerne Haus, das ihr keine Luft zum Atmen lässt: typisches Gebäude in Ismail Kadares Heimatstadt Gjirokastra.zur Bildergalerie
Neues von Albaniens bekanntestem Schriftsteller: In Ismail Kadares Prosaband „Geboren aus Stein“ treten Diktatur und Literatur gegeneinander an.

Noch immer hat Ismail Kadare (Jahrgang 1936) nicht den Nobelpreis für Literatur erhalten. Dafür kann sich die Leserschaft freuen, dass ein neuer Band autobiographischer Prosa von ihm erschienen ist: Prosa, in der der Schriftsteller seine Kindheit und Jugendjahre in dem südalbanischen Städtchen Gjirokastra beschreibt – dem Ort, in dem auch Enver Hodscha geboren wurde.

Der junge Ismail und sein Freund Ilir sind aufgeweckte Spielgenossen, die keinen Blödsinn scheuen. Sie wollen zusammen einen Roman schreiben, scheitern aber an ihren hochfahrenden Plänen; sie wollen reich werden, indem sie alte Bleilettern schmelzen und daraus ein paar Fünf-Lek-Münzen prägen. Reich werden sie nicht, dafür landen sie wegen Falschmünzerei für kurze Zeit im Gefängnis. Auch dies trägt zum Ruhm bei. Sie wollen eine Angebetete erobern und fassen ihr kühn unter den Rock, damit ist die Freundschaft verspielt. Die politischen Verhältnisse sind undurchsichtig. Die deutsche Besatzung ist abgezogen, und plötzlich tauchen überall aus dem Untergrund Kommunisten hervor. Sogar eine elegante Dame, „die Französin“ genannt wird, entpuppt sich als Genossin. „Selbstentschleierung“ nennt dies der Autor, der als Kind aus dem Staunen nicht herauskam. Die neuen Herrscher überzeugten nicht, die Kinder empfanden sie als Waschlappen.

Geister und Narrendinge

„Geboren aus Stein“ hat Kadare die vier Prosastücke überschrieben, in Anlehnung an seine 1971 erschienene „Chronik in Stein“, die sich ebenfalls mit seiner Heimat beschäftigt. Stein, das sind die gewaltigen Wohnburgen, in denen die besseren albanischen Familien leben. Die Häuser sind undurchschaubare Labyrinthe, haben Gelasse und Nebengelasse, bewohnte und unbewohnte Zimmer, gewundene Treppen, Geheimtüren und Geheimausgänge, verschattete Innenhöfe, Flure und Dielen, die ins Nichts zu führen scheinen.

Sogar ein Verlies gehört zu diesen Häusern, ein Privatgefängnis, tief in den Berg eingelassen und nur über eine Strickleiter von oben zu erreichen. Der Kerker ist Symbol uralter Traditionen. „Manche hielten das bloß für einen Spleen, die anderen glaubten darin eine alte, inzwischen überholte Rechtsvorstellung zu entdecken: Staat und Haus existieren nebeneinander, mit jeweils eigenen Gesetzen.“

Die Mutter von Ismail stammt nicht aus einem solch herrschaftlichen Haus, sie fürchtet sich in den gewaltigen Mauern und hat das beklemmende Gefühl, von dem alten Haus aufgefressen zu werden. Geister gehen umher, die sich nicht bezähmen lassen, „Narrendinge“ passieren, und ein Text ist überschrieben mit „Wie Hamlet mir half, die Gespenster zu vertreiben“.

Mit wilder Fabulierlust vermengt Kadare alte Legenden mit der Gegenwart, schaut ironisch auf die unter der Diktatur geduckte Gesellschaft und macht sich auch über sich selbst lustig als ein übermütiger Beobachter der wirren albanischen Lebensverhältnisse. Der Schriftsteller tanzte auf den Wellen, mal war er ganz oben und genoss Hodschas Anerkennung, mal war er ganz unten und erhielt Veröffentlichungsverbot.

Der Václav Havel Albaniens

Seine Heimat verließ er 1990, weil er sich politisch bedroht fühlte. Die Nachfolge Enver Hodschas, der 1985 gestorben war, bot keine Sicherheit. Erst 2002 kehrte Kadare nach Tirana zurück, behielt aber seinen Zweitwohnsitz in Paris. In Albanien hatte der Autor stets eine doppelte Identität: Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, Parlamentsabgeordneter und hatte einen hohen Posten im Schriftstellerverband. Gleichzeitig galt er als unpatriotisch und als Dissident, der sich dem Regime gegenüber nicht willfährig genug zeigte. Kadare ließ sich als dessen Aushängeschild benutzen und wurde gleichzeitig als Hoffnungsträger geachtet. Die einen feierten ihn als aufrechten Demokraten, die anderen kritisierten seine Anpassung an das Regime des Diktators. Als „Václav Havel Albaniens“ verhöhnten ihn seine Gegner. Doppeldeutig ist auch sein Bekenntnis: „Meine besten Romane sind auf dem Höhepunkt der kommunistischen Diktatur entstanden.“

Kadare spielte mit der Macht, verachtete sie und schmiegte sich an, wenn es sein musste, „Diktatur und Literatur sind wie zwei wilde Tiere, die einander ständig an der Gurgel packen. Der Schriftsteller ist der natürliche Feind der Diktatur.“ Das schrieb er 1991. Zu Zeiten Enver Hodschas und nach dem Ende des Terrors war und blieb Kadare der gefeierte Nationalschriftsteller. Mit seiner wortgewaltigen Sprache, seinen verschlungenen literarischen Erkundungen in der Vergangenheit seines Landes, mit der Bloßlegung der Mythen und Sitten seiner Mitmenschen, mit der Aufdeckung ihrer abgrundtiefen, sich über Jahrhunderte ziehenden Feindschaften hat Kadare eine einzigartige Landkarte seiner Heimat gezeichnet, die immer wie ein weißer Fleck im Südwesten Europas wirkte – unnahbar und abweisend, ein Rätsel. 2009 wurde in Tirana eine zwanzigbändige Werkausgabe für ihn herausgegeben, der auch die meisten Texte dieses Prosabandes entnommen sind. Entstanden sind sie in den Jahren 1984 bis in die jüngste Gegenwart. Seit Jahrzehnten ist Joachim Röhm, der in den siebziger Jahren längere Zeit in Albanien lebte, der geniale deutsche Übersetzer dieses furiosen Werkes, so auch hier.

Jüngeren Datums ist das Porträt seiner Mutter, die in der Familie „die Puppe“ genannt wurde, weil sie sich so maskenhaft schminkte und keine Regung zu erkennen gab. Der Sohn hat keine emotionalen Beziehungen zu ihr, sie ist, wie das Regime, hart, unnahbar, verschlossen. Nur an einem Punkt ist sie sensibel: Sie hasst das große steinerne Haus, das ihr keine Luft zum Atmen lässt. Über Jahre hinweg musste sie sich einem hausinternen Gerichtsverfahren stellen. Die Mutter und deren Schwiegermutter wollten sich nicht miteinander vertragen, sie hassten sich. Erst mit dem Tod von Kadares Großmutter im Jahr 1953 wurde der alte Streit beigelegt und die Drohung, dass eine von beiden ins Verlies kommen könnte, gebannt. Dass im selben Jahr Stalin gestorben war, bewegte die Familie weniger; sie hatte ihre eigenen Gesetze. Was in der großen kommunistischen Welt vor sich ging, der Bruch mit der Sowjetunion, die Annäherung an China, berührte diese albanische Familie nicht, sie war eingebunden und gehorchte einem anderen, steinernen Kosmos.

Quelle: F.A.Z.
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