Javier Marías: Dein Gesicht morgen: II: Tanz und Traum

Sind das Menhire, gnädige Frau, oder Stalaktiten?

Von Andreas Kilb
15.03.2006
, 12:00
Macho mit Haarnetz, Mädchen mit Bügeleisen: Nach dem enttäuschenden ersten Teil liefert Javier Marías jetzt den zweiten Band seiner Romantrilogie ab. Eine wundersame Überraschung.
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Die Prosa des Spaniers Javier Marías wird von zwei gegensätzlichen Formen der Rede beherrscht: dem Aphorismus und der Litanei. Dabei verweigert die eine, was der andere gewährt. „Wer hat nicht die Sinnlichkeit der Intelligenz erfahren, sogar die Dummen sind für sie empfänglich“: Diese schöne Wahrheit steht in Marías' neuem Roman „Dein Gesicht morgen: Tanz und Traum“, und es gibt wohl niemanden, der ihr ernsthaft widersprechen möchte. Aber der Satz, zu dem sie gehört, beginnt so: „Also wer weiß, ob es eines Tages ein ,ja' sein wird, irgend etwas und mit irgend jemandem, der nicht ausgeschlossen worden ist: je nach der Bedrohung oder der Hilflosigkeit oder der Unsicherheit oder der Gefälligkeit oder dem Schaden oder den Interessen oder den Offenbarungen . . .“ Und so weiter.

Das Problem beim Lesen der Romane von Marías besteht darin, durch den dicken, grauen Vorhang aus Worten zu dringen, hinter der das Erzählte verborgen liegt. Oft ist dieser Vorhang so dicht gewoben, daß er die Wirklichkeit dahinter zum Verschwinden bringt. Manchmal aber, in den besten Passagen, die das Werk dieses Schriftstellers enthält, wird er auf zauberische Weise durchsichtig. Dann blickt man durch das Sprachgewebe in eine Welt, in der die organisierte Unvernunft regiert, Gier und Betrug, Grausamkeit, Rachsucht, Selbsttäuschung, verletzte Eitelkeit. In seinen frühen Büchern, vor allem im Oxford-Roman „Alle Seelen“ und dem Bestseller „Mein Herz so weiß“, gab es viele solche Passagen. In jüngster Zeit sind sie seltener geworden. Es ist, als hätte sich die Verpackung gegen den Inhalt durchgesetzt, als wäre die Hecke zugewachsen, hinter der bei Marías die Prinzessinnen schlafen. Aber wie im Märchen gibt es auch in der Literatur immer wieder wundersame Überraschungen, und eine solche ist dem Autor mit seinem neuen Buch geglückt.

Das kaum verhüllte Alter ego seines Autors

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„Dein Gesicht morgen: Tanz und Traum“ ist das Mittelstück einer Trilogie, die mit einer Enttäuschung begonnen hat. „Fieber und Lanze“, der Auftaktband, war mitnichten das große epische Werk, das man sich nach dem Erscheinen in Spanien (Marías, Javier: Dein Gesicht morgen - 1: Fieber und Lanze) versprochen hatte. Dabei gehörte es zu den unbestreitbaren Tugenden dieses ersten Teils, daß er sich alle erzählerischen Möglichkeiten offenhielt. Von dieser Unbestimmtheit profitiert nun die Fortsetzung.

Es geht in „Dein Gesicht morgen“, kurz gesagt, um einen spanischen Übersetzer, der ins britische Agentenmilieu gerät. Dieser Jaime Deza ist uns nicht nur aus „Alle Seelen“, sondern auch aus der Fortsetzung „Schwarzer Rücken der Zeit“ und dem Erzählband „Als ich sterblich war“ bekannt. Er ist das kaum verhüllte Alter ego seines Autors, ein Gefäß für Marías' Haßliebe zu allem, was die Welt mit Spanien verbindet, Stierkämpfe, Machismo, Latin-Lover-Pose, Tanz und Trunk.

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Gleich zu Beginn bekommt Deza, der als eine Art Prognostiker und Menschendeuter für eine Außenstelle des aus James-Bond-Filmen bekannten MI6 arbeitet, Besuch von einer jungen Kollegin, die ihn um einen Gefallen bittet. Während sie ihr Anliegen vorträgt, betrachtet er ihre halb entblößten Schenkel, und nur „ein Rest Diskretion“ hält ihn davon ab, sie zu berühren. Wenige Seiten später tanzt Deza in einer Londoner Edeldiskothek mit einer italienischen Diplomatengattin, über deren Silikonbrüste er sich gar nicht genug auslassen kann: „Riesenkarbunkel“ nennt er sie und „hörnergleiche Kegel“, „Pyramiden“, „Bollwerke“, „Bügeleisen“, „Menhire“ und „Stalaktiten“. Als ihn ein plötzlich auftauchender Bekannter, der spanische Botschaftsattaché De La Garza, großtuerisch fragt, ob er die Signora Flavia bereits „bei lebendigem Leib entschlüpfert“ habe, räumt unser Übersetzer vor lauter Verwirrung das Feld. Durch diese Unachtsamkeit, diese Feigheit vor dem erotischen Feind löst er eine Kette von Ereignissen aus, in deren Folge De La Garza beinahe seinen Kopf und Deza den Rest seines Glaubens an die Menschheit verliert.

Menschliche Gesten sind unsterblich

„Tanz und Traum“ spielt in London und doch nicht in London. Es gibt zwar eine Regenszene am Anfang, aber ansonsten weht ein heißer südländischer Hauch durch dieses Buch, eine Mischung aus Trägheit und Ekstase, Mordlust und Melancholie. Die Gewalt ist real und zugleich ein Stück Theater. Um den Botschaftsattaché für seine Verführungsversuche bei der Italienerin zu bestrafen, bestellt ihn Dezas Chef Tupra in die Behindertentoilette, zieht ein Kurzschwert und zielt damit auf De La Garzas Nacken, aber dann schlägt er ihm nur das herabhängende Haarnetz ab, die Insignie der Latino-Männlichkeit, das Wappen der Balz. Das ist der Handlungskern des Buchs, der Mittelpunkt, von dem alle seine Reflexionen, Hypothesen, Vor- und Rückblenden ausgehen. Ein unerhörtes Geschehnis, das die Erinnerung an andere, vergangene unerhörte Geschehnisse entbindet. Denn wie schon im ersten Teil von „Dein Gesicht morgen“ geht es auch hier nur vordergründig um die Welt der Geheimdienste, um Jaime Dezas englisches Exil und seine Sehnsucht nach seiner Exfrau Luisa. Es geht, hinter dem Schleier der Agentenstory, um die Arbeit des menschlichen Gedächtnisses, den Prozeß der mündlichen Überlieferung, der aus Geschehenem Geschichte macht. Die Schlüsselfigur dieser Recherche ist Jaime Dezas Vater Juan, der - ebenso wie Julián Marías, der im Dezember 2005 gestorbene Vater des Autors - den spanischen Bürgerkrieg als Gegner Francos miterlebt hat.

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Zwei Geschichten von damals werden durch die Szene in der Edeldiskothek wieder aufgerührt. Indem Marías das vergangene Gemetzel mit seiner farcehaften Reprise in der Welt von heute kurzschließt, erweckt er es auf beklemmende Weise neu zum Leben. Die falangistischen Killer, die einen Freund Juan Dezas in einer gespenstischen Corrida zu Tode hetzten, mögen Erfindungen des Autors sein, aber in ihrem Tun spiegelt sich der Schrecken jener Zeit. Menschliche Gesten sind unsterblich, hat Milan Kundera einmal geschrieben. Etwas Ähnliches sagt auch Marías in diesem Buch, nur daß er dabei nicht an schöne Frauen denkt, sondern an Mord.

Um diesen dunklen Kern herum hat Marías allerlei intellektuellen Flitter gestreut, Zitate von Shakespeare bis Rilke, Hinweise für Filmkenner. Er hätte es sich sparen können: Dies ist ein Buch, das ohne Gelehrtheiten auskommt. Es gibt eine Kunst jenseits des Virtuosen, die Marías zuletzt verlernt hatte. Nun zeigt er, daß er sie noch beherrscht. „Wollte Gott, daß niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt“, beginnt der erste Satz. Wir bitten um einen Schluß der Trilogie, der das Niveau dieses Mittelstücks hält.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006, Nr. 63 / Seite L10
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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