Jens Harzer liest Paul Celan

Hier ist einiges zu klären, Freunde!

Von Hubert Spiegel
13.05.2021
, 23:02
Jens Harzer liest Paul Celan
Wie liest man den Dichter der „Todesfuge“? Indem man ein Konzert daraus macht – für Lippen, Luft und eine Stimme. Jens Harzer nähert sich Paul Celans Versen.
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Der kanadische Pianist Glenn Gould hat Bachs „Goldberg-Variationen“ zweimal in seinem Leben aufgenommen. Bernhard Minetti hat den Krapp in Samuel Becketts „Das letzte Band“ im Laufe seines langen Lebens in drei verschiedenen Inszenierungen gespielt. Jetzt hat Jens Harzer ein Hörbuch mit Gedichten von Paul Celan aufgenommen. Zum ersten Mal. Es ist ein Konzert für Lippen, Luft und Stimme, eine intime Inszenierung vorsichtig tastender Nachdenklichkeit. Harzer spielt darin einen Schauspieler, der ein Hörbuch produziert. Die Bühne: ein Tonstudio. Als Requisiten genügen Kopfhörer, Mikrofon und einige Blatt Papier, um die unterschiedlichen Tonarten des Raschelns zu erzeugen.

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Wie liest man Celan? Welcher Ton ist angemessen? Wie feierlich darf es sein, wie viel Pathos ist nötig, wie viel erträglich? Die Stimme kann einem bleiern werden von manchen Versen dieses Dichters. Und die Luft knapp. Im vorigen Jahr ist eine CD mit zum Teil unbekannten Tondokumenten Paul Celans erschienen (F.A.Z. vom 21. Dezember 2020). Dort kann man nachhören, wie Celan selbst einige seiner Gedichte vorgetragen hat. Aber das hilft Harzer nicht weiter. Man kann Bach auf alten Instrumenten spielen, um sich so einem vermeintlichen Originalklang anzunähern, aber man kann Celan nicht wie Celan lesen.

Welche Aussage verbirgt sich hinter einer Pause?

Als Glenn Gould die Goldberg-Variationen zum ersten Mal einspielte, war er knapp 23 Jahre alt. Beim zweiten Mal, 26 Jahre später, war er bereits schwerkrank und stand kurz vor seinem Tod. Die spätere Aufnahme ist in einigen Passagen deutlich langsamer, zögerlicher, als habe erst der ältere Gould bemerkt, was dem jungen Gould entgangen war: welche Schwierigkeiten sich hier auftun. Bei Celan war es zumindest in einem dokumentierten Fall allem Anschein nach genau umgekehrt: 1952 dauerte seine Lesung von „Feuer und Wasser“ zwei Minuten und 29 Sekunden, elf Jahre später genügten ihm für dasselbe Gedicht eine Minute und 43 Sekunden. Dabei macht keineswegs nur das Tempo einen Unterschied. Welche Aussage verbirgt sich in einer Pause? Wie viele verschiedene Arten von Pausen kann es geben?

Harzer stellt solche Fragen – aber er stellt sie nicht laut. Er macht sie hörbar, ohne sie auszusprechen. Noch so eine schwierige Frage, vor die Celans Gedichte jeden stellen, der sie laut lesen möchte: Wie intoniert man, was man nicht versteht? Der Schauspieler, der den Astrow in Tschechows „Onkel Wanja“ gespielt hat, der Tasso und Amphitryon war, Achill und Woyzeck, Platonow und der Marquis von Posa, würde nicht behaupten, dass seinen stimmlichen Interpretationen ein letztgültiges Verständnis von Celans Gedichten zugrunde liegt. Das kann es nicht geben. Stattdessen lässt er den Hörer an einem Prozess teilhaben. Er führt vor, wie er selbst einen Zugang sucht, um anderen dadurch einen Zugang zu eröffnen.

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Harzer kennt das Paradoxon der Celan-Rezeption: Der Dichter ist berühmt, die meisten seiner Verse sind es nicht. Die große Ausnahme, die „Todesfuge“, bestätigt diese Regel. Als er beim 25. Gedicht angelangt ist, stockt Harzer, wie schon mehrfach zuvor. Es trägt den Titel „Du sei wie Du“, gehört zum Zyklus der Jerusalem-Gedichte Celans und beginnt mit einem Zitat aus einer Predigt des Mystikers Meister Eckhart – auf Mittelhochdeutsch. Harzer fragt nach der richtigen Aussprache, versucht es, setzt an, bricht ab und seufzt: „Hier gibt es einiges zu klären, Freunde!“

Etwa sechzig Gedichte haben Barbara Wiedemann und Harzer ausgesucht. Dabei stammt die Auswahl im Wesentlichen von der Literaturwissenschaftlerin, die zu den besten Kennern Celans gezählt werden muss. Vor drei Jahren hat sie die Gesamtausgabe der Gedichte herausgegeben und kommentiert, 2019 folgte unter dem Titel „etwas ganz und gar Persönliches“ eine Briefauswahl aus den Jahren 1934 bis 1970, ebenfalls von ihr ediert. Für die „Annäherung“ hat Barbara Wiedemann sieben thematische Schwerpunkte ausgewählt, die ganz unterschiedliche Aspekte im Werk Celans repräsentieren und belegen, dass die Vielfalt des Lyrikers größer war, als oft behauptet wird. Ein Beispiel: „Erst der gelbe, / Dann derselbe, / Dann der schwarze / Mit der Warze. / Außerdem frisst uns die Katze.“ Auch das ist Paul Celan: „Abzählreime“, 1964.

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Moorsoldat von Massada

Die Auswahl beginnt unter dem Begriff „Maifarben“ mit Gedichten mit aktuellem Bezug, dem Algerien-Konflikt oder dem Ende des „Prager Frühlings“ etwa. Sie wird fortgesetzt mit Gedichten zum Jude-Sein und zum Antisemitismus, zum Thema Heimat und mit solchen, die sich unter der Überschrift „Genächtet“ mit Krankheit, Depression und den gesellschaftlichen Reaktionen auf diese Phänomene befassen. Liebe und Sexualität, Schmerz und Verletzlichkeit sowie die Prozesse des Dichtens und Übersetzens bilden den Abschluss. Harzer hat zu dieser Auswahl beigetragen, indem er etliche seiner Lieblingsgedichte Celans benannte, aber auch Bedenken anmeldete. Zu den Gedichten, mit denen er es „ein klein wenig schwieriger hatte“, wie er im Booklet zur CD bekennt, gehört auch „Vor einer Kerze“.

Dreimal nimmt er Anlauf, unterbricht sich, benennt einen Versprecher, ärgert sich, „Mist!“, und setzt neu an: „Ich mache noch eine, bitte, ja?“ Antwort erhält er nie. „Selbstgespräch mit Paul Celan“ könnte der Untertitel dieser intimen Annäherung auch lauten. Gelegentlich werden kleinste Kommentare eingestreut, beiläufig gesprochene Fußnoten, etwa zu Massada, dem letzten Rückzugsort der Juden im Kampf gegen die Römer. Celan hat ihn besucht, als er im Herbst 1969 seine einzige Reise nach Israel unternahm. Dass das Gedicht „Denk dir“, das Harzer liest, den Sechstagekrieg von 1967 zum Anlass hatte, dass die letzten Verteidiger der Festung sich das Leben nahmen und dass die Rekruten der israelischen Armee jedes Jahr in Massada vereidigt werden, all das erwähnt Harzer nicht.

Er liest und lauscht. Er lauscht den Worten und den Versen nach, mit einer Stimme eher hoch als wohltönend, eher flirrend als kraftvoll, einer Stimme, die sich vorantastet und dabei immer ein bisschen auf den Silben tänzelt, immer ein bisschen sich zu wundern scheint über Klang, Sinn und Melodie dessen, was sie da gerade hervorgebracht hat: „Denk dir: / der Moorsoldat von Massada / bringt sich Heimat bei“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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