John Dos Passos neu übersetzt

Vom Werden einer Weltmacht

Von Paul Ingendaay
22.08.2020
, 22:09
Er öffnete die Tür zu einer ganz neuen literarischen Wirklichkeitserfahrung: John Dos Passos, fotografiert in den Sechzigern.
Dieses Land ist das gesprochene Wort der Menschen: Die in hundert Tonlagen verfasste „USA-Trilogie“ von John Dos Passos erscheint in einer großartigen Neuübersetzung.
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Es gibt nicht viele bessere literarische Begleiter für die Zeit des europäischen Wahnsinns in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als den Amerikaner John Dos Passos (1896 bis 1970). Als wahrhaft kosmopolitisches Kind wurde er durch Brüssel, Paris und London geschleift, sprach erst Französisch, dann Englisch und bereiste schon als Jugendlicher Italien, Ägypten, Griechenland und die Türkei. Nach einem Studium in Harvard meldete sich Dos Passos – sein Großvater war noch ein mittelloser Einwanderer aus Portugal, sein Vater dann Anwalt an der Wall Street – 1917 freiwillig zum Ambulanzdienst an der Front von Verdun. Da schrieb er schon an seinem ersten Roman. Im Jahr darauf, unter Bombenbeschuss in Italien, lernte er Ernest Hemingway kennen. Das Rote Kreuz wollte ihn dann aber nicht mehr haben, weil er den modernen Krieg für „Blödsinn“ hielt. Kein Wunder, er hatte ihn erlebt.

Heute ist sein Stern fast erloschen. Berühmt war Dos Passos durch vier Romane: „Manhattan Transfer“ (1925), eine geschickt montierte Großstadtsinfonie über ameisenhafte Existenzen in der Metropole New York. Und die „USA-Trilogie“, bestehend aus „Der 42.Breitengrad“ (1930), „1919“ (1932) und „Das große Geld“ (1936, früher unter dem feinen deutschen Titel „Die Hochfinanz“).

Kein anderer amerikanischer Roman, wenn man die letzteren drei als einen zusammenhängenden liest, hat an Milieus, Figuren, Schauplätzen und Textsorten so weit ausgegriffen und die verschiedenen sozialen Schichten des Landes so intensiv ausgeleuchtet: von unten nach oben, von dort in die Mitte, dann wieder nach unten und wieder hinauf. Aufwachsen und härter werden; sich nehmen, was es zu greifen gibt; Hoffnungen hegen und Träume begraben: Davon erzählt die Roman-Trilogie in vielen Variationen, hundert Tonlagen und auf die unterhaltsamste Weise.

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Er weiß Bescheid über das Weltgetriebe

„Ich hatte das Gefühl, dass alles hineinsollte“, schrieb Dos Passos wenige Jahre vor seinem Tod, doch im Vorwort zu diesem 1600-Seiten-Klotz sagt er es viel singender, nämlich mit einem Hymnus an die Vielfalt seines Landes, an die Mächtigen und die Vergessenen, die Berüchtigten und Missachteten. Vor allem aber, schreibt er, seien die Vereinigten Staaten „das gesprochene Wort der Menschen“, und das ist es, was sein Romanzyklus über das Werden einer Weltmacht zwischen Aufstiegsgeschichten, Arbeitskämpfen, Börsenkrach und Depression triumphal einlöst.

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Dos Passos packt seine Figuren gleichsam im Gehen und mit weiter Linse, um viele von ihnen mit Herkunft, Job, mit ihrem Ehrgeiz und den unausweichlichen Niederstürzen einzufangen. Das reicht vom Einwanderer bis zum Industriemagnaten, vom Ladenmädchen bis zum Tramp. Selbst einen Abstecher zur mexikanischen Revolution gibt es. Die epigrammatische Verkürzung, Dos Passos’ Spezialität, wirkt manchmal teilnahmsvoll, dann wieder mitleidlos, in jedem Fall modern und „filmisch“, obwohl das Wort heute überstrapaziert wird. Hier hat es seinen Sinn: Als wüsste einer Bescheid über das Weltgetriebe und würde uns gern durch zahllose Lebensläufe beweisen, dass Menschen nicht dazulernen.

Phantasien des Boulevards

Außer den Hauptkapiteln, die mit dem Namen der jeweiligen Figur überschrieben sind, streut Dos Passos Kurzbiographien wichtiger Persönlichkeiten wie Woodrow Wilson, Isadora Duncan, Thomas Edison oder Rudolph Valentino ein, baut ein subjektives „Kameraauge“ auf – die entbehrlichste Textform des Romans – und lässt uns durch numerierte „Wochenschauen“ an den Weltschlagzeilen der Epoche teilhaben: „Fünf Männer sterben nach Erreichen des Südpols.“ (Das ist Scotts Expedition 1912.) „Sechs nackt badende Frauen schlagen Spanner grün und blau.“ – „Universität verbietet Kaugummi.“ – „Zar verliert Geduld mit Österreich.“ – „Klempner hat 100 Bräute.“

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Wie bei allen literarischen Techniken, die von der Zeit überholt wurden, erscheinen uns Dos Passos’ Neuerungen heute nicht mehr ganz so prickelnd, aber das ist eher von Vorteil. So liest sich die Trilogie lustiger und gegenwärtiger, als es die schwerblütigeren Bücher dieser Epoche täten, und selbst dort, wo der Roman historisch daherkommt, demonstriert er auf unverstaubte Weise die innige Verbindung zwischen der Weltgeschichte und den öffentlichen Phantasien des Boulevards.

Kürze und Coolness

Das Wichtigste an dieser Neuübersetzung ist vielleicht, dass sie Dos Passos’ Stil wieder in jeder Nuance erfahrbar macht, so knapp und pointiert, wie er auf die Zeitgenossen in den dreißiger Jahren gewirkt haben muss. Hier zum Beispiel erleben wir die junge Amerikanerin Eveline Hutchins, gerade im Paris des Ersten Weltkriegs angekommen, im komisch-verzweifelten Abwehrkampf gegen einen älteren französischen Offizier, der ihr in der Hotelbar ein bisschen zu oft ans Knie gegriffen hat: „Als sie ihm gute Nacht sagen wollte, um auf ihr Zimmer zu gehen und etwas zu schlafen, wollte er mitkommen. Sie wusste nicht, was sie machen sollte. Er war so nett und zuvorkommend gewesen, dass sie nicht unhöflich zu ihm sein wollte, aber irgendwie konnte sie ihm nicht begreiflich machen, dass sie zu Bett gehen und schlafen wollte; er antwortete jedes Mal, das wolle er auch. Als sie ihm zu erklären versuchte, dass sie sich das Zimmer mit einer Freundin teilte, wollte er wissen, ob die Freundin ebenso charmant sei wie Mademoiselle, wenn ja, würde er sich sehr freuen.“

Die Szene endet damit, dass sich ein Amerikaner in Zivil einschaltet und den Offizier zu einem Drink abschleppt: „Monsieur, moi frère de madmosel, sehen Sie denn nicht, dass die Kleine fatiguée ist und bonsoir sagen will?“ Natürlich steht die Komik im Original, aber Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl erschaffen die Kürze und Coolness der Vorlage mit Könnerschaft neu; sie setzen auch den Akzent auf „fatiguée“, den Dos Passos nicht setzen wollte.

Als Objekt dürfte man das Buch vollkommen nennen, wenn es fadengebunden wäre, aber wir wissen ja, was das heutzutage kostet. Hält man die glitzernd graue Umschlagpappe ins Licht, suggeriert sie einen Hybrid aus Zwanziger-Jahre-Paillettenkleid und dem Asphalt der Highways. Ansonsten ist der Wälzer herstellerisch eine Freude: leicht gelbliches Dünndruckpapier, sehr gute Typographie, feiner Druck und extrem wenig Fehler. Aber nicht einmal die scharfen Augen zweier erfahrener Übersetzer und eines ebenso erfahrenen Lektors – reifere Männer auf dem Zenit ihres Schaffens – haben den Beziehungsfehler auf Seite 351 unten entdeckt, wo nicht Ben gemeint ist, sondern Mac. Eine Rezension, die auf dergleichen nörgelnd hinwiese und es dabei bewenden ließe, wäre allerdings unfair. Hier soll daher betont werden, wie beeindruckend das Werk gelungen ist und dass die hundertprozentige Vollkommenheit irritierend, ja in einem höheren Sinne falsch gewesen wäre: Nichts, was so schön ist, darf vollkommen sein.

John Dos Passos: „USA-Trilogie“. Der 42. Breitengrad. 1919. Das große Geld. Romane. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 1645 S., geb., 50,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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